Konfliktzonen der Demokratie: Betrieb, Unternehmen, Verbände
Rechtsextremismus und autoritäre Versuchungen stellen längst kein randständiges politisches Problem mehr dar. Sie wirken auf und in die Arbeitswelt, Unternehmen und deren Verbände hinein.
Die wiederkehrenden Debatten über den Umgang wirtschaftlicher Akteure mit der AfD – etwa die Auseinandersetzungen um Positionierungen und Gesprächsangebote des Mittelstandsverbands Die Familienunternehmer – verdeutlichen, wie umstritten, inkonsistent und strategisch ungeklärt der Umgang der Wirtschaft mit rechten Parteien und autoritären Diskursen weiterhin ist. Dabei wird sichtbar, dass punktuelle Distanzierungen oder wohlfeile Bekenntnisse zu Demokratie nicht ausreichen, solange sie nicht durch tragfähige Analysen, institutionelle Strategien und klare Kriterien unterfüttert werden.
Vor diesem Hintergrund sind zwei jüngst und kurz aufeinanderfolgend erschienen Publikationen von Interesse, die sich diesem Kontext aus unterschiedlichen, aber gleichwohl im Zusammenhang stehenden Perspektiven widmen.
Die Kulturwissenschaftlerin Daphne Weber veröffentlichte in der ersten Januarwoche des Jahres 2026 bei der Hans-Böckler-Stiftung das Working Paper „Gewerkschaftliche Kampagnen von rechts“. Darin rekonstruiert sie empirisch die Strategien rechter Akteure in Betrieben und deren Bemühungen um die Delegitimierung demokratischer Gewerkschaften, insbesondere der IG Metall.
Als Sonderband der Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik erschien noch Ende des vergangenen Jahres der von Anika C. Albert, Alexander Brink, Bettina Hollstein und Marc C. Hübscher herausgegebene Sammelband „Haltung zeigen – Demokratie stärken. Wirtschafts- und unternehmensethische Perspektiven“. Dessen Beiträge diskutieren die Verantwortung von Unternehmen, Kammern und wirtschaftlichen Organisationen für die demokratische Öffentlichkeit und legen spannende Erkenntnisse aus Untersuchungen über Unternehmen, Kammern und Verbänden vor.
Beide Perspektiven verweisen damit auf unterschiedliche, aber ineinandergreifende Dimensionen desselben Problems: die Aushöhlung demokratischer Praktiken in Arbeit und Wirtschaft.
Die Studie von Daphne Weber richtet den Blick auf innerbetriebliche Konflikte, rechte Mobilisierungsstrategien und Auseinandersetzungen um Solidarität in Gewerkschaften und Betrieben. Der Sammelband verschiebt den Fokus auf Unternehmen, Kammern und wirtschaftliche Organisationen als Akteure der demokratischen Öffentlichkeit und fragt nach Formen, Grenzen und Bedingungen von Haltung, Verantwortung und Neutralität. In der Zusammenschau wird deutlich, dass Demokratie weder an der Werkstorgrenze endet noch auf programmatische Bekenntnisse beschränkt bleibt.
Meine Rezension beider Publikationen knüpft an bereits veröffentlichte Besprechungen zur „umkämpften Solidarität“ in Gewerkschaften sowie zur „rechten Kulturalisierung der Arbeit“ an. Die Lektüre sowohl der Studie von Daphne Weber als auch des Sammelbands von Albert, Brink, Hollstein und Hübscher öffnet den Debattenraum weiter, indem die Konflikte um Arbeit, Identität und Interessenvertretung mit unternehmens- und kapitalbezogenen Demokratiefragen verschränkt werden.
Die Rezensionen sowohl der Studie von Daphne Weber als auch des Sammelbandes von Anika C. Albert, Alexander Brink, Bettina Hollstein und Marc C. Hübscher stehen für sich und wurden deshalb, aber auch aufgrund des textlichen Gesamtumfangs getrennt voneinander publiziert. Sie entfalten jedoch im Zusammenspiel eine weiterführende Perspektive auf die gegenwärtigen Herausforderungen demokratischer Praxis in Arbeit und Wirtschaft.
Daphne Weber, Gewerkschaftliche Kampagnen von rechts - Narrative, Netzwerke und Kommunikation von Zentrum (Automobil) im Kontext der Betriebsratswahlen 2018 und 2022. Mit einer Einschätzung der AfD-Bundestagswahlkampagne 2024/2025, Forschungsförderung Working Paper Nr. 393, Düsseldorf, 2026 (ISSN 2509-2359)
Hier geht es zur Rezension: „Rechte Gewerkschaftskampagnen als strategische Intervention in der Arbeitswelt“
Anika C. Albert, Alexander Brink, Bettina Hollstein und Marc C. Hübscher (Hrsg.) „Haltung zeigen – Demokratie stärken. Wirtschafts- und unternehmensethische Perspektiven“, Sonderband der zfwu - Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik, Nomos Verlag, Baden-Baden 2025 (ISBN: 978-3-7560-2337-0)
Hier geht es zur Rezension: „Haltung zeigen – Demokratie stärken“