Rechte Gewerkschaftskampagnen als strategische Intervention in der Arbeitswelt
Rechtsextreme Mobilisierungen in der Arbeitswelt sind kein randständiges Phänomen. Sie greifen in betriebliche Konflikte ein, verschieben Deutungen von Solidarität und adressieren gezielt Beschäftigte und Interessenvertretungen. Die Studie von Daphne Weber analysiert diese Interventionen empirisch präzise und zeigt, wie rechte Akteure betriebliche Strukturen, gewerkschaftliche Auseinandersetzungen und soziale Konfliktlagen strategisch nutzen.
Diese Rezension steht in einem Zusammenhang mit einer parallelen Besprechung des Sammelbands Haltung zeigen – Demokratie stärken, der die Verantwortung von Unternehmen, Kammern und wirtschaftlichen Organisationen für die demokratische Öffentlichkeit diskutiert. Während Weber die Dynamiken innerhalb von Betrieben und Gewerkschaften freilegt, richtet der Sammelband den Blick auf jene Akteure, die über ökonomische Macht, institutionelle Reichweite und öffentliche Deutungshoheit verfügen. Beide Perspektiven ergänzen einander und markieren unterschiedliche Ebenen desselben Problems. Hier geht es zu meiner Rezension des Sammelbands Haltung zeigen – Demokratie stärken.
Der Kulturwissenschaftlerin Daphne Weber verdankt die interessierte Öffentlichkeit bereits eine jüngst beim Campus Verlag erschienene und mit großer Aufmerksamkeit versehene Publikation zur „Politik der Parole“. Ein Gespräch zwischen ihr und mir erschien in meinem Podcast KUNST DER FREIHEIT und kann hier angehört werden.
Sie legte nun bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung mit dem Working Paper „Gewerkschaftliche Kampagnen von rechts“ eine Studie vor, die das gesellschaftliche Rechtsextremismus- und Autoritarismusproblem konsequent in der Arbeitswelt verortet. Im Mittelpunkt steht mit dem sogenannten Zentrum (Automobil) der bislang erfolgreichste Versuch, rechte Politik auf betrieblicher Ebene dauerhaft zu organisieren und als vermeintlich legitime Alternative zu den DGB-Gewerkschaften zu etablieren.
Weber interessiert sich primär nicht für individuelle Einstellungen von Beschäftigten oder für abstrakte Erklärungen des Erfolgs der AfD unter Arbeiter:innen. Ihr Zugriff ist ein anderer – und genau darin liegt die Stärke der Arbeit. Analysiert werden Narrative, Inszenierungen, Dramaturgien und Medienpraktiken, mit denen Zentrum betriebliche Konflikte politisch auflädt, emotionalisiert und in ein populistisches Deutungsangebot überführt. Der Betrieb erscheint so nicht als neutraler Ort ökonomischer Interessenvertretung, sondern als zentrale Arena politischer Auseinandersetzung.
Umdeutung von Solidarität und Konflikt
Zentrum inszeniert sich, wie Weber detailliert nachzeichnet, als „wahre“ Interessenvertretung der Beschäftigten – in scharfer Abgrenzung zur IG Metall, die als korrupt, elitär und mit dem Management verstrickt dargestellt wird. Diese Gegenüberstellung bildet das zentrale Narrativ sämtlicher Kampagnen. Auffällig ist dabei, dass klassische Konfliktlinien zwischen Arbeit und Kapital systematisch verschoben werden. Nicht Eigentumsverhältnisse, Profite oder unternehmerische Entscheidungen stehen im Zentrum der Kritik, sondern die Gewerkschaften selbst.
Hier schließt Webers Analyse unmittelbar an die Debatte um umkämpfte Solidarität an. Solidarität wird nicht aufgegeben, sondern politisch neu codiert: als exklusive Gemeinschaft der „echten Arbeiter“, die sich gegen Funktionär:innen, gegen „die Politik“ und gegen vermeintlich fremde Interessen behaupten müsse. Solidarität verliert damit ihren universalistischen Anspruch und wird zu einem identitären Abgrenzungsinstrument. Weber zeigt präzise, wie diese Umdeutung kommunikativ erzeugt wird – durch permanente Wiederholung, moralische Aufladung und die systematische Ersetzung struktureller Analysen durch personalisierte Schuldzuweisungen.
Rechte Kulturalisierung der Arbeit
Besonders erhellend ist Webers Befund, dass Zentrum zentrale Zukunftsfragen der Arbeitswelt – Transformation der Automobilindustrie, Arbeitsplatzabbau, ökologische Regulierung – zwar aufgreift, sie jedoch konsequent kulturalisiert. Transformation erscheint nicht als Ergebnis globaler Produktionsketten, technologischer Umbrüche oder kapitalistischer Rationalitäten, sondern als Folge von „Klimahysterie“, „Internationalismus“ oder politischem Verrat durch Gewerkschaften und Eliten.
Damit wird Arbeit selbst zur kulturellen und nationalen Identitätsressource. Die betriebliche Auseinandersetzung wird nicht entlang sozialer Interessen geführt, sondern entlang kultureller Zugehörigkeit. Diese rechte Kulturalisierung der Arbeit, die in früheren Analysen bereits als zentrales Einfallstor autoritärer Politik identifiziert wurde, erhält bei Weber eine empirisch dichte Ausarbeitung: Sie zeigt, wie diese Deutungsmuster nicht nur behauptet, sondern medial, visuell und emotional inszeniert werden.
Professionalisierte Medienarbeit und Normalisierung
Ein weiterer zentraler Befund betrifft den hohen Grad der Professionalisierung rechter Kampagnenarbeit. Zentrum operiert mit technisch hochwertigen Videos, klaren dramaturgischen Bögen und didaktisch aufbereiteten Erklärformaten, die bewusst den Eindruck politischer Neutralität erzeugen. Weber arbeitet heraus, wie diese scheinbar sachlichen Informationsangebote als „Trojaner“ fungieren: Sie senken die Einstiegshürden, erschließen neue Zielgruppen und tragen zur Normalisierung rechter Akteure im Betrieb bei.
Diese Normalisierung vollzieht sich zudem über Alltagspraktiken – durch die Verbreitung von Gebrauchsgegenständen, durch Testimonials einzelner Beschäftigter und durch die gezielte Sichtbarmachung ausgewählter Akteure, die als Gegenbeweis gegen den Vorwurf der Rechtsradikalität dienen sollen. Rechte Politik tritt damit nicht mehr als offene Provokation auf, sondern als pragmatische, angeblich unideologische Problemlösungsinstanz.
Betrieb, Demokratie und autoritäre Gegenentwürfe
In demokratietheoretischer Perspektive ist Webers Studie besonders aufschlussreich, weil sie zeigt, wie demokratische Begriffe und Beteiligungsrhetoriken gegen demokratische Institutionen der Arbeitswelt gewendet werden. Zentrum reklamiert Basisnähe, Mitbestimmung und Transparenz – während zugleich die etablierten Formen kollektiver Interessenvertretung delegitimiert werden. Der Betrieb wird so zum Experimentierfeld einer autoritären Gegen-Demokratie, die formale Beteiligung mit inhaltlicher Entleerung verbindet.
Deutlich wird: Das Problem rechter Gewerkschaftskampagnen erschöpft sich nicht in der Frage politischer Einstellungen, sondern berührt den Kern demokratischer Praxis in der Arbeitswelt. Weber macht sichtbar, wie autoritäre Politik dort ansetzt, wo Unsicherheit, Transformationsdruck und institutionelles Misstrauen aufeinandertreffen.
An diesem Punkt öffnet das Working Paper den analytischen Raum für den Übergang zum Sammelband „Haltung zeigen – Demokratie stärken“. Denn wenn rechte Akteure den Betrieb als Ort demokratischer Gegenmacht reklamieren, dabei jedoch Kapitalverhältnisse aus dem Konflikt herauslösen oder Beschäftigten- und Unternehmensinteressen kurzschließen, stellt sich die Frage nach der Rolle der Unternehmen selbst mit neuer Dringlichkeit.
Webers Analyse zeigt, wie gefährlich es ist, Demokratie auf das politische System zu verengen und Unternehmen als vermeintlich neutrale Akteure zu behandeln. Die betrieblichen Erfolge rechter Kampagnen verweisen gerade auf jene Leerstelle, in die der Sammelband interveniert: die Notwendigkeit, demokratische Verantwortung, Haltung und Handlungspflichten von Unternehmen, Kammern und wirtschaftlichen Akteuren systematisch zu klären – jenseits von PR, punktuellen Stellungnahmen oder taktischer Distanzierung.
Daphne Weber, Gewerkschaftliche Kampagnen von rechts - Narrative, Netzwerke und Kommunikation von Zentrum (Automobil) im Kontext der Betriebsratswahlen 2018 und 2022. Mit einer Einschätzung der AfD-Bundestagswahlkampagne 2024/2025, Forschungsförderung Working Paper Nr. 393, Düsseldorf, 2026 (ISSN 2509-2359)