Scheitern als Privileg. Niederlagen muss man sich leisten können.
Am 5. Februar 2020, saß ich auf der Besucher:innentribüne des Thüringer Landtags. Auf der Tagesordnung stand die Wahl des Ministerpräsidenten. Nachdem Bodo Ramelow weder im ersten noch im zweiten Wahlgang die notwendige Mehrheit von 46 Stimmen erreicht hatte, lag in der Luft, dass eintreten könnte, wovor im Vorfeld dieser Landtagssitzung geraunt, gewarnt und spekuliert worden war – ein Tabubruch.
Ausgerechnet in Thüringen, wo 1923 erstmals eine von Nationalsozialisten gestützte bürgerliche Regierung an die Macht kam und der Faschist Björn Höcke in der AfD den Ton angibt, wählten Abgeordnete der CDU und der FDP gemeinsam mit den Rechtsextremen einen Ministerpräsidenten. Als Thomas L. Kemmerich nach kurzem Überlegen die Frage der Landtagspräsidentin, ob er die Wahl annehme, mit „Ja“ beantwortete, verließ ich die Tribüne, stieg auf mein Fahrrad und fuhr die kurze Strecke in die Staatskanzlei am Erfurter Hirschgarten, um mein Büro zu räumen, und Abschied zu nehmen von den Kolleg:innen. Die Emotionen waren mit Händen zu greifen – Fassungslosigkeit, gemischt mit Wut und Trauer. Die Tränen flossen reichlich.
Während wenig strukturiert die notwendigen Dinge erledigt wurden, die für eine ungeplante, aber doch geordnete Amtsübergabe an den neugewählten Ministerpräsidenten notwendig waren, befragte ich mich immer wieder, wie ich einer derart krassen Fehleinschätzung unterliegen konnte.
Kurze Zeit später war der Platz vor dem Sitz des Ministerpräsidenten gefüllt mit Demonstrierenden. Sie waren innen gut zu hören und gaben den akustischen Rahmen, während meiner kurzen Übergabe an den frisch gewählten FDP-Politiker, der das Ereignis selbst noch nicht völlig realisiert hatte. So saßen wir uns gegenüber – er, der davon sprach, dass er das Bollwerk zwischen rechten und linken Extremisten sein wolle und ich, der ihm entgegenhielt, er sei mit Stimmen derer gewählt worden, die historisch in der Traditionslinie derjenigen stünden, die das nahegelegene Konzentrationslager Buchenwald erbauen ließen. Die Emotionen prägten auch diesen Austausch von Selbstverteidigung und Angriff – zu einem tatsächlichen Gespräch waren wir wohl beide nicht in der Lage.
In den sozialen Netzwerken und auf zahlreichen Nachrichtenkanälen brach sich die Empörung Bahn. Nur 48 Stunden später trat Kemmerich zurück. Die Ereignisse von Thüringen führten zum Rücktritt der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer und dem Aufstieg des heute amtierenden Ministerpräsidenten Mario Voigt.
Bodo Ramelow wurde vier Wochen später erneut zum Ministerpräsidenten gewählt. Grundlage dafür war ein Abkommen zwischen den rot-rot-grünen Minderheitsparteien und der CDU, dessen Grundidee ein Modell sein könnte für das Regieren in schwierigen Mehrheitsverhältnissen. Statt antagonistische Parteien in einer Anti-AfD-Koalition zusammenzusperren, wird regieren ermöglicht.
Ist diese Thüringer Erfahrung also ein Beispiel für das inzwischen inflationär beschriebene „erfolgreiche Scheitern“? Ich denke nicht, schon weil ich mit Nicole Alber übereinstimme, die zutreffend vermutet: „dass der affirmative Diskurs rund um das Scheitern selbst eine Funktion erfüllt, etwa als Teil einer neoliberalen Agenda, die die Selbstoptimierung und Ökonomisierung des Individuums bis hin zu dessen Emotionen propagiert“.
Der 5. Februar 2020 markiert objektiv ein Scheitern. Sowohl der progressiven r2g-Koalition als auch der Notwendigkeit einer demokratischen Brandmauer gegen rechts. Deshalb hatten sehr viele Menschen – auf sehr unterschiedliche Weise – das Gefühl, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten war. Im Landtag hatte nicht nur ein taktisches Manöver stattgefunden, sondern etwas war aus dem Gleichgewicht geraten. Erneut war Vertrauen in die Handlungsfähigkeit und Integrität der Politik erschüttert.
Die spontane Empörung, die sich damals auf der Straße und in den sozialen Netzwerken entlud, zeigte, wie stark politische Niederlagen emotional wirken können.
Scheitern als Privileg
Gleichwohl ist diese Erfahrung ist nicht für alle Menschen gleichermaßen möglich. Denn scheitern kann im eigentlichen Sinn nur, wer überhaupt über Handlungsspielräume verfügt – wer also in der Lage ist, sein Leben, seine Karriere oder sein politisches Projekt aktiv zu gestalten. Wer kaum Wahlmöglichkeiten hat, wer in prekären Verhältnissen lebt und jeden Schritt auf unmittelbare Existenzsicherung ausrichten muss, dem fehlt gemeinhin die Voraussetzung, die ein Scheitern überhaupt erst denkbar macht: die Aussicht auf ein Ziel, das verfehlt werden könnte.
Scheiterns enthält demnach eine soziale Differenz. Es ist nicht nur eine individuelle Erfahrung, sondern ein Ausdruck gesellschaftlicher Ungleichheit. Der Philosoph und Psychoanalytiker Robert Pfaller wies darauf hin, dass die Faszination für das Scheitern vor allem ein Phänomen der oberen Mittelschichten ist – jener Gruppen also, die sich Fehlentscheidungen leisten können, ohne dass ihre materielle Existenz unmittelbar bedroht ist. Für viele andere gilt das nicht. Sie kommen oft gar nicht erst in die Nähe der Ziele, an denen ein Scheitern sichtbar werden könnte.
Gerade deshalb wirkt der gegenwärtige Diskurs über das Scheitern so ambivalent. In den letzten Jahren ist eine regelrechte Kultur entstanden, die Niederlagen öffentlich thematisiert und teilweise sogar feiert. Bücher, Podcasts und Fernsehsendungen erzählen von gescheiterten Projekten; in der Start-up-Szene gilt das Scheitern als notwendige Etappe auf dem Weg zum Erfolg. Bei sogenannten „Fuck-Up-Nights“ wird vor Publikum von Misserfolgen berichtet, um daraus eine Art moralische Lektion zu ziehen: Wer scheitert, hat zumindest den Mut gehabt, etwas zu versuchen.
Diese Haltung kann tatsächlich befreiend wirken und hilfreich sein. Wir alle kennen den Spruch: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Auf diese Weise wird eine Kultur problematisiert, die Fehler tabuisiert.
Keine Romantisierung des Scheiterns
Problematisch wird es dort, wo Scheitern undifferenziert zur allgemeinen Lebensphilosophie erhoben wird – und damit gerade diejenigen adressiert, die sich Scheitern am wenigsten leisten können. Wenn Menschen in unsicheren Arbeitsverhältnissen oder mit geringen Einkommen von Gutsituierten vorgehalten bekommen, Niederlagen seien lediglich Lernchancen, dann verschiebt sich der Blick von strukturellen Problemen auf individuelle Verantwortung.
In diesem Sinne ist der Scheiternsdiskurs auch ein Machtverhältnis. Und Teil einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung sowohl darüber, wer definiert, was Erfolg und Misserfolg bedeuten als auch welche Konsequenzen daraus gezogen werden.
Besonders sichtbar wird das, wenn Arbeitgeberverbände etwa eine „Agenda“ für abhängig Beschäftigte entwerfen, die deren soziale Sicherheit einschränkt oder die Arbeitsverhältnisse massiv verschlechtert.
Scheitern wird dergestalt zur moralischen Kategorie. Gesellschaftliche Ungleichheit, Ausbeutungsverhältnisse und entsprechende Normen werden tabuisiert. Das Scheitern wiederum zum persönlichen Makel respektive Ausdruck mangelnder individueller Anstrengung deklariert.
Gerade deshalb kommt Erfahrungen der Solidarität eine besondere Bedeutung zu. Proteste, Streiks oder Demonstrationen durchbrechen die Vereinzelung, indem sie individuelle Erfahrungen in einen kollektiven Zusammenhang stellen.
Die Proteste nach dem 5. Februar 2020 hatten genau diese Funktion: Sie machten deutlich, dass die Empörung nicht nur individuell empfunden wurde, sondern Teil eines gemeinsamen politischen Selbstverständnisses war. Ähnliche Erfahrungen lassen sich in Arbeitskämpfen oder Streiks beobachten.
Im kollektiven Handeln verändert sich diese Perspektive. Es ermöglicht eine Erfahrung, die im Alltag vieler Menschen selten geworden ist: die Einbettung der eigenen Lage in eine gemeinsame Handlungssituation. Dadurch entstehen nicht nur neue politische Handlungsmöglichkeiten, sondern auch ein anderes Verständnis von Erfolg und Scheitern.
Maja Göpel formulierte diese Tage, sinngemäß, dass Ohnmacht, Misstrauen und das Gefühl, dass das Land gescheitert sei, die gesellschaftliche Stimmung prägen. Sie plädiert angesichts dessen für demokratische Systemerneuerung als Gemeinschaftswerk: „Mit klaren Ansagen dazu, welche Ziele dafür gelten, wie diese gemessen werden und wie die Wirkung von Politik dokumentiert wird – über die Kurzfristigkeit von Wahlzyklen und Aufmerksamkeitsökonomie hinaus.“
Ein richtiger Ansatz, bei dem uns zugleich bewusst sein muss, dass Scheitern dabei nicht nur eine Option ist. Vielmehr ist Scheitern auf die eine oder andere Weise zu erwarten. Denn politische Veränderung verläuft selten linear; sie stößt auf Widerstände, produziert Umwege und Rückschläge. Darin liegt auch eine Erfahrung, die wir aus der Geschichte der künstlerischen Avantgarden kennen: Fortschrittliche Ideen können ihre ursprünglichen Ziele verfehlen. Die kapitalistische Gesellschaft hat viele radikale Ideen okkupiert, abgeschliffen, umgewandelt. Und dennoch haben die Ideen Spuren hinterlassen. Sie diffundieren, setzen ästhetische oder politische Impulse, dringen in Diskurse und andere Kontexte ein. Auf diese Weise verändern sich langfristig und in widersprüchlichen, nichtlinearen Wegen gesellschaftliche Wahrnehmungen und Handlungsweisen. Geschichte ist keine Einbahnstraße und Scheitern demzufolge ebenso wenig Erfolg wie Endpunkt. Sondern Teil eines Prozesses, in dem Neues entsteht – auf indirekte und zunächst kaum sichtbare Weise.
Solidarität gegen ohnmächtiges Scheitern
Progressive sollten deshalb skeptisch sein gegenüber einer Idee, die Scheitern selbstoptimierend zum Erfolg verklärt und das als fortschrittlich verkaufen will.
Fortschritt bedeutet stattdessen, die Flamme der Solidarität und der Hoffnung zu entzünden. Indem sie die Handlungsmöglichkeiten derjenigen erweitern, die den gegenwärtigen Verhältnissen weitgehend ausgeliefert sind. Indem die konkreten Lebensverhältnisse verbessert werden – durch soziale Sicherheit, Teilhabe und verlässliche Institutionen. So entsteht der Raum, in dem Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können und die Antwort auf die verbreitete Erfahrung von Ohnmacht. Ein Raum, indem Scheitern existenzgesichert möglich wird.
Wo Menschen erleben, dass ihre Interessen gemeinsam vertreten werden können, entsteht Hoffnung – eine Hoffnung, die den rückwärtsgewandten Erzählungen der Höcke-Extremisten entgegensteht, die am 5. Februar 2020 gemeinsam mit Konservativen und Liberalen in Thüringen einen Ministerpräsidenten wählten.
Der Beitrag erschien zuerst in Heft 4/2026 der Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte