Gute Arbeit im digitalen Kapitalismus: Zwischen Technikoptimismus und Zukunftsangst
Die Diskussion über KI ist von starken Gegensätzen geprägt. Auf der einen Seite stehen große Erwartungen. KI gilt als Produktivitätsschub, als Wachstumsmotor und als Schlüsseltechnologie einer neuen industriellen Revolution. Auf der anderen Seite gibt es Befürchtungen, Maschinen könnten menschliche Arbeit verdrängen oder Beschäftigte stärker kontrollieren.
Empirische Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild. Szenarioanalysen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigen, dass KI zwar erhebliche Verschiebungen im Arbeitsmarkt auslösen kann, während die Gesamtbeschäftigung voraussichtlich relativ stabil bleibt. Innerhalb von etwa 15 Jahren könnten rund 1,6 Millionen Arbeitsplätze vom Strukturwandel betroffen sein – sie entstehen neu oder fallen weg. Entscheidend ist dabei weniger die Menge der Arbeit als ihre Veränderung.
Gleichzeitig weisen ökonomische Analysen auf wirtschaftliche Potenziale hin. Durch Produktivitätsgewinne und neue Anwendungen könnte das Bruttoinlandsprodukt langfristig jährlich um rund 0,8 Prozentpunkte stärker wachsen als ohne KI-Einsatz. KI wirkt damit vor allem als Beschleuniger von Strukturwandel.
Kurzum: KI ist weder Apokalypse noch automatisch Fortschrittstechnologie. Ihre Wirkung hängt davon ab, wie sie gestaltet wird.
Digitale Arbeit gestalten, statt ihr ausgeliefert zu sein
Gewerkschaften verfolgen seit jeher das Ziel, die Arbeitswelt aktiv zu gestalten. Drei Prinzipien stehen im Mittelpunkt:
- Humanisierung der Arbeit durch gute Arbeitsbedingungen und Qualifizierung,
- Demokratisierung der Arbeitswelt durch Mitbestimmung,
- Überwindung von Entfremdung, indem Beschäftigte an der Gestaltung von Produktionsprozessen beteiligt sind.
Im Kontext von KI gewinnt dieser Anspruch neue Bedeutung. Digitale Technologien können monotone Tätigkeiten reduzieren, Lernprozesse unterstützen und Produktivität erhöhen. Gleichzeitig entstehen neue Formen der Leistungsüberwachung, algorithmische Steuerung von Arbeit und zusätzlicher Arbeitsdruck.
Technologie ist nie neutral. Ihre Wirkung hängt davon ab, wer sie gestaltet und welche Interessen dabei eine Rolle spielen. Mitbestimmung ist ein zentraler Hebel, um den technologischen Wandel sozial zu gestalten. Betriebsräte entscheiden bei der Einführung neuer Technologien über Arbeitsorganisation, Qualifizierung und Arbeitsbedingungen mit.
Diese Rolle wird mit KI wichtiger. Algorithmische Systeme greifen tief in Arbeitsprozesse ein: Sie analysieren Daten, erstellen Prognosen oder unterstützen Entscheidungen in Produktion, Logistik oder Personalplanung. Ohne demokratische Kontrolle entsteht leicht eine technokratische Arbeitsorganisation, in der Beschäftigte vor allem den Vorgaben digitaler Systeme folgen.
Vor diesem Hintergrund hat die IG Metall mit dem gewerkschaftseigenen KI-Institut, der Team Passerelle GmbH jüngst einen eigenen Akteur aufgebaut. Ziel ist es, technologische Kompetenz auf Seiten der Beschäftigten und ihrer Interessenvertretungen zu stärken.
Herausforderung angenommen: Zukunftsinstitut für KI
Team Passerelle steht für ein neues Selbstbewusstsein der IG Metall: Die Gewerkschaft baut sich mit Passerelle ein eigenes Zukunftsinstitut, das gute Arbeit sichert und technologische Innovation aktiv mitgestaltet. Wir warten nicht ab, bis KI im Betrieb ankommt – wir sind vorn dabei, kennen die Chancen, erkennen die Risiken und sorgen dafür, dass Fortschritt demokratisch bleibt.
Passerelle analysiert konkrete KI-Systeme im Betrieb, bewertet Funktionsweise, Auswirkungen und rechtliche Fragen und entwickelt Wege, wie KI Produktivität steigert, Beschäftigte entlastet und zugleich ihre Rechte schützt.
Zugleich stärkt Passerelle die Interessensvertretungen: mit eigener KI-Kompetenz, Werkzeugen und digitaler Handlungsmacht. Damit können Betriebs- und Aufsichtsräte technische Entwicklungen selbst einschätzen und gestalten – statt nur auf Informationen der Arbeitgeber zu reagieren.
In gemeinsamen Projekten begleitet Team Passerelle Unternehmen und Betriebsräte durch KI-Einführungen und sorgt dafür, dass Innovation und Mitbestimmung Hand in Hand gehen. Denn gute Arbeit ist die Grundlage von Demokratie und Wohlstand – und moderne KI kann genau dazu beitragen, wenn sie verantwortungsvoll gestaltet wird.
Gegenmacht zur Macht der Tech-Konzerne
Dieser Ansatz von Gegenmacht mag zunächst klein wirken angesichts der weltumspannenden wirtschaftlichen und politischen Macht der großen Techkonzerne. Sie verfügen über enorme Datenbestände, Kapital und Infrastruktur. Dadurch prägen sie Märkte, technologische Standards und politische Entscheidungsprozesse – zunehmend auf der Seite und zum Zweck autoritär-populistischer Despotien.
Die Folgen zeigen sich auch in der Arbeitswelt. Im Tesla-Werk Grünheide konnte während der Betriebsratswahl beobachtet werden, wie aggressiv Elon Musk persönlich und sein lokaler Statthalter gewerkschaftlichen Einfluss bekämpfen und schwächen will. Doch Tesla ist kein Einzelfall und weist über einzelne Betriebe hinaus. Wenn wirtschaftliche Macht stark konzentriert ist und gleichzeitig politischer Einfluss wächst, geraten demokratische Institutionen unter Druck.
Passerelle ist das französische Wort für eine kleine Brücke, eine Fußgängerbrücke. Brücken zu bauen für Fortschritt und gute Arbeit ist eng verbunden mit Partnerschaften, wie sie die Gewerkschaften seit jeher schaffen und auch benötigen. Damit Europa unabhängiger von Techkonzernen wie Meta oder OpenAI wird und die KI-Entwicklung demokratisch gestaltet. Die Zukunft der Arbeit entscheidet sich in Forschungslaboren, in Unternehmen, in Tarifverhandlungen und in politischen Auseinandersetzungen.
Die Geschichte des 1. Mai zeigt: Errungenschaften wie der Achtstundentag entstehen durch kollektive Organisation, demokratische Mitbestimmung und gesellschaftlichen Druck. Auch im Zeitalter der künstlichen Intelligenz bleibt die Gestaltung der Arbeit eine Frage demokratischer Gegenmacht.
Der Beitrag erschien zuerst in der DGB-Schriftenreihe Einblick, Heft 4/2026
Prof. Dr. Benjamin-Immanuel Hoff leitet das Ressort Grundsatzfragen & Gesellschaftspolitik der IG Metall.
Dr. Meike Zehlike ist Mitgründerin und Geschäftsleitung der Team Passerelle GmbH.