15.05.2026
Benjamin-Immanuel Hoff

Das traditionsreiche Volkshaus der Linken weiterbauen

Zilli, Billi und Willi zu Gast beim Potsdamer Parteitag

Die Linke ist eine Partei mit der Fähigkeit, über sich selbst zu lachen. Das ist eine gute Sache und keineswegs selbstverständlich. Und vermutlich ist Die Linke auch die einzige Partei, die bei der Erarbeitung eines Leitantrags für den Bundesparteitag (vgl. Antragsheft 1, ab. S. 43ff.) die bekannte Geschichte von den drei kleinen Schweinchen Zilli, Billi und Willi als Ausgangspunkt sowie als Analogie für die Überschrift wählt: „Die Linke als Steinhaus bauen“

Die Geschichte geht im Kern so: Drei kleine Schweinchen – Zilli, Billi und Willi – ziehen hinaus in die Welt und bauen sich jeweils ein eigenes Haus. Zilli baut schnell ein Haus aus Stroh. Billi nimmt sich etwas mehr Zeit und baut aus Holz. Willi arbeitet am längsten und errichtet ein stabiles Haus aus Stein. Dann taucht der Wolf auf. Er will die Schweinchen fressen und versucht, die Häuser wegzupusten: Das Strohhaus fliegt sofort auseinander. Das Holzhaus hält etwas länger, wird aber ebenfalls zerstört. Die beiden Schweinchen fliehen schließlich zu Willi ins Steinhaus. Dort scheitert der Wolf: Er kann das Haus nicht umblasen.

In den Worten des Leitantrags zum Potsdamer Parteitag:

„Um eine Partei aufzubauen, die tatsächlich über den momentanen Erfolg hinweg die Klasse in ihrer Verschiedenheit organisieren kann, braucht es einen langen Atem. Ein Haus aus Stroh lässt sich schnell im Sturm der Gezeiten umblasen. Auf einen politischen Hype können wir uns nicht verlassen. Momentan haben wir ein solides Fundament aus Holz gebaut, das uns erlaubt, uns stärker in der Gesellschaft zu verankern und immer mehr Menschen anzusprechen. Wir treten flächendeckend bei Kommunalwahlen an und verankern uns somit langfristig. Mit den zurückliegenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben wir unsere historisch besten Ergebnisse erzielt und uns im Westen stärker etabliert.

Die Ergebnisse zeigen aber auch: Wir müssen ein stabiles Steinhaus bauen.

Wir halten an unserem Weg, uns in der Gesellschaft, in Betrieben, in Vereinen, Gewerkschaften und im Stadtteil zu verankern, fest. Indem unsere Mitglieder an den verschiedensten Orten aktiv werden und sich organisieren, legen sie das Fundament zu unserem Steinhaus.“

Mit der Analogie, ein „Steinhaus“ zu bauen, wird eine eingängige Geschichte erzählt. Sie hat einen klaren Anfang, eine überschaubare Entwicklung und ein eindeutiges Ziel: Stabilität. Doch diese Erzählung greift zu kurz.

Das ist unser Haus

Der Leitantrag unterschlägt, dass die Partei Die Linke längst in einem Haus lebt – einem Gebäude mit Geschichte, mit tragenden Wänden, Fundamenten und Räumen, die unterschiedlich genutzt wurden und werden.

Es hatte bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts viele unterschiedliche Mieter:innen und Eigentümer:innen: Radikaldemokrat:innen, Sozialdemokrat:innen, Spartakusanhänger:innen. Unabhängige und demokratische Sozialist:innen, Stalinisten, Trotzkisten, Leninisten, Räte- und Reformkommunist:innen. Frauenrechtler:innen und Gewerkschafter:innen, Mitbegründer:innen der Genossenschafts- oder Volkshochschulbewegung, der Naturfreunde. Jüdische und christliche, religiös ungebundene und atheistische Linke. Die Insassen sowohl von Konzentrationslagern als auch von stalinistischen Gulags. Einige überlebten das eine und starben im anderen.

In der DDR zogen später in das Haus der Linken vereinigte Kommunist:innen und Sozialdemokrat:innen, letztere mit Elementen des Zwangs. Wenngleich viele von ihnen auch mit Hoffnung auf ein besseres Miteinander als seit der Spaltung der sozialistischen Bewegung 1916 in die Vereinigung eintraten.

Um den 17. Juni 1953 sagten die Arbeiter:innen auf der Baustelle des staatssozialistischen Landes „Nein“ und wurden von den Regierenden im Haus mit sowjetischer Unterstützung niedergeschossen, so wie 1956 in Ungarn und 1968 in der Tschechoslowakei. Ab 1961 durften die Bewohner:innen nicht mehr raus, nur die Klugen, die Ideen für Reformen hatten, die wurden gegen ihren Willen zwangsausgesiedelt oder in den Katakomben des Steinhauses der SED eingesperrt.

Als – ironischerweise in Anwendung von Lenins Erkenntnis: „Meist genügt es für eine Revolution noch nicht, daß die unteren Schichten nicht wie früher leben wollen. Dazu ist noch erforderlich, daß die oberen Schichten nicht wie früher wirtschaften und regieren können […]. Die politische Krise reift, für alle sichtbar, heran.» (LW 19: 212) - die oben nicht mehr konnten, weil die unten nicht mehr wollten, zeigte sich, dass das Haus im Kernbestand ruiniert und nach außen eine Potemkinsche Fassade war.

Man hätte dieses von der marxistisch-leninistischen Erstarrung heruntergewirtschaftete SED-Haus 1989/90 abreißen können. Doch es ging in neue Hände über. Obwohl es beschädigt war – politisch delegitimiert, strukturell überformt, in Teilen unbewohnbar geworden.

Die ersten Jahre nach 1990 waren keine Phase des Neubaus, sondern der Sanierung unter schwierigsten Bedingungen. Es ging darum, tragende Elemente zu sichern, ohne die Last der Vergangenheit zu verleugnen. Die Transformation des ehemaligen SED-Hauses zu dem der PDS war ein Umbau unter Druck – nicht frei geplant, sondern erzwungen durch die Umstände der deutschen Einheit.

Das tatsächliche Karl-Liebknecht-Haus in Berlin zeigt diese Entwicklung eindrücklich: Es war Sitz der Kommunistische Partei Deutschlands, wurde 1933 enteignet und nach 1990 zunächst von der Treuhandanstalt übernommen. Erst nach langen politischen und juristischen Auseinandersetzungen konnte es von der PDS zurückerworben werden. Dabei agierte die Treuhand keineswegs als bloße Verwalterin, sondern setzte die Partei massiv unter Druck: Sie erkannte nur einen kleinen Teil des Vermögens als rechtmäßig an und zwang die PDS im Zuge eines Vergleichs, auf große Teile ihres Besitzes zu verzichten, um überhaupt Rechtssicherheit zu erlangen.

Das ideelle Haus der gesamtdeutschen Linken entwickelte sich in den 1990er Jahren ungleich. Der Ostflügel blieb bewohnt und wurde weiter ausgebaut. Hier gab es tragfähige Strukturen, gewachsene Milieus, politische Verankerung. Der Westflügel hingegen blieb fragmentarisch. Einzelne Räume wurden renoviert, neue Türen geöffnet, aber eine durchgehende Statik entstand nicht. Spannende neue Menschen kamen hinzu mit wichtigen Erfahrungen: der Gewerkschaftsarbeit, aus der öko-sozialistischen Bewegung, klugen und weniger klugen K-Gruppen, aus der SPD und den Grünen aus Protest gegen die Politik von SPD und Grünen. Das Gebäude war asymmetrisch – stabil in Teilen, fragil in anderen.

Diese Asymmetrie prägte das Haus der Linken über Jahre hinweg. Um die Jahrtausendwende geriet der Umbau ins Stocken. Die bestehenden Strukturen trugen zwar, aber sie reichten nicht aus, um das Haus insgesamt zu stabilisieren. Es entstand eine Baukrise: strategische Unklarheit, begrenzte Ausdehnung, wachsende Zweifel daran, ob das Gebäude in seiner bestehenden Form zukunftsfähig war – 2002 nach dem Ausscheiden der PDS bei der Bundestagswahl war es fraglich, ob das Haus überhaupt noch bestehen kann.

Der Eintritt der WASG in die Genossenschaft des Hauses der Linken veränderte die Situation grundlegend. Neue Akteure traten als Miteigentümer hinzu. Plötzlich wurde der Westflügel nicht mehr nur als Baustelle, sondern als Erweiterungsraum begriffen. Das Haus wuchs, gewann an Dynamik, öffnete sich neuen Bewohnerinnen und Bewohnern.

Doch mit dem Wachstum kamen die Konflikte, denn die Vorstellungen vom Haus der Linken waren unterschiedlich. Es ging nicht nur darum, Räume zu erweitern, sondern auch darum, wie das Haus genutzt werden sollte. War es ein Ort der Bewegung oder der Verwaltung? Ein Rückzugsraum für bestimmte Milieus oder ein offenes Gebäude für eine vielfältige Gesellschaft? Welche Teile der alten Bausubstanz sollten erhalten bleiben, welche mussten erneuert werden? Und wer entschied darüber?

Bis in die jüngste Vergangenheit hinein zeigten sich diese Spannungen in massiven Verwerfungen unter den „Eigentümern“. Räume standen leer, andere wurden übernutzt, an manchen Stellen bröckelte die Substanz, während an anderen hektisch renoviert wurde. Das Haus blieb bewohnt – aber es war in keinem Zustand, der einfache Antworten erlaubte.

Zuletzt ähnelte der Umgang Sahra Wagenknechts mit ihrer vormaligen Partei und der Bundestagsfraktion, der sie bis zur Parteigründung ihres BSW angehörte, dem Verhalten desjenigen WG-Bewohners, der die Miete nicht mehr zahlt, weil er sowieso ausziehen will, sich aber noch aus den Kühlschrankfächern seiner Mitbewohner:innen bedient, über die er aber öffentlich schlecht redet und sie bei potenziellen Nachmieter:innen anschwärzt.

Kurzum: Die Behauptung, die Partei Die Linke würde ein neues Steinhaus bauen, führt in die Irre. Die Geschichte der Linken ist eingeschrieben in ein Gebäude, das älter ist als die Partei selbst. Ein neues Steinhaus bauen zu wollen, mag ein eingängiges Bild sein. Ein Haus umzubauen, in dem man bereits lebt, ist die realere Aufgabe. Die tatsächliche Herausforderung besteht darin, ein bestehendes Gebäude so umzubauen, dass es tragfähig bleibt. Im Respekt vor der Arbeit, die von unzähligen Händen in mehr als 160 Jahren in das Haus der Linken gesteckt wurde.

Wie wollen wir leben – lautet die Frage, die bereits Walter Gropius, der Mitbegründer der Bauhaus-Schule in Weimar stellte. Diese Frage sollte auch uns prägen, wenn wir das Parteihaus der Linken zum Volkshaus und die Partei Die Linke zur sozialistischen Volkspartei werden lassen wollen.

Auch das Glück der Linken ist mit den Tüchtigen

Die Analogie vom „Steinhaus“ habe ich im vorhergehenden ersten Teil über Gebühr strapaziert. Dennoch war es nötig, um unsere eigene Geschichte – die ebenfalls nicht vergeht – bewusst zu machen und einzuordnen. Weder in der deutschen Geschichte noch in der Geschichte der Linken gibt es die Möglichkeit eines Schlussstrichs, der willkürlich gezogen werden kann, um dann eine „Stunde Null“ zu kreieren.

Noch einmal mit Lenin gesprochen: «Konkrete politische Aufgaben muß man in einer konkreten Situation stellen […]. Es gibt keine abstrakte Wahrheit. Die Wahrheit ist immer konkret» (LW 9: 76). Deshalb interessieren mich nachfolgend die strategischen, organisatorischen und politischen Widersprüche der gegenwärtigen Linkspartei.

Katalin Gennburg, Bundestagsabgeordnete aus Marzahn-Hellersdorf in Berlin, hat in einem Debattenbeitrag im nd vom 13. Mai 2026 wichtige Aspekte formuliert. Auch Ihr Text richtet sich sowohl gegen die Vorstellung einer „Stunde null“ der Partei nach dem Bundestagswahlerfolg 2025 als auch die Fehlannahme, aus der Krise der Linkspartei sei plötzlich eine völlig neue Partei entstanden.

Diese Kritik trifft einen zentralen Punkt. Denn obwohl auch ich häufig von einer faktischen Neugründung der Partei von unten spreche, stimme ich Katalin zu, die sich gegen das Narrativ wendet, die vergangenen Jahre seien ausschließlich eine Geschichte des Scheiterns gewesen, die nun durch einen erfolgreichen Neustart überwunden worden sei. Damit droht aus dem Blick zu geraten, dass die gegenwärtige Stärke der Partei Ergebnis nicht einer einzigen Bundestagsrede von Heidi Reichinnek oder der Politik von Friedrich Merz sei. Vielmehr liegen dem Wiederaufstieg der Linken langjährige politische, organisatorische und kulturelle Arbeit zugrunde – oft unter Bedingungen, unter denen der Niedergang der Partei bereits als ausgemacht galt.

Gennburg erinnert zu Recht daran, dass viele Mitglieder in einer Phase massiver Konflikte, prominenter Austritte und öffentlicher Abwertung bewusst in der Partei geblieben sind. Dieser Aspekt ist politisch bedeutsam. Denn Parteien bestehen nicht allein aus Wahlergebnissen, Kampagnenfähigkeit oder medialer Sichtbarkeit. Sie bestehen auch aus Loyalität, gemeinsam durchstandenen Krisen und der Fähigkeit, politische Sinnstiftung zu erzeugen.

Das Comeback der LINKEN im Bundestagswahljahr 2025 war ein politischer Drahtseilakt, dessen Gelingen keineswegs vorgezeichnet war. Der „Plan 25“, das strategische Neuaufbauprojekt, das die Partei nach der Abspaltung Sahra Wagenknechts und den Verwerfungen der Jahre 2018 bis 2023 neu ausrichtete, hätte unter den Bedingungen der vorgezogenen Neuwahlen leicht scheitern können. Bax zeigt, wie riskant die Ausgangslage war: ein überalterter Kern, Mitgliederverluste, erschöpfte Landesverbände, organisatorische Lücken nach Jahren innerer Zermürbung und ein deutlicher Vertrauensverlust in Teilen des linken Milieus.

Der Erfolg der LINKEN war insoweit die Summe glücklicher Fügungen. Doch diese hätten ohne langfristiges strategisches Lernen, darauf aufbauende Innovationen und engagierte Menschen im Maschinenraum der Partei – in herausgehobenen Funktionen, vor allem aber an den Haustüren und in den Kiezen – ungenutzt bleiben können.

Daniel Bax beschreibt dies in seinem lesenswerten Porträt der wiederauferstandenen Linkspartei: »Die neue Lust auf links. Woher sie kommen, wohin sie gehen und wie sie unser Land verändern«. Fehler der Konkurrenz – etwa die von Friedrich Merz initiierte gemeinsame Abstimmung von Union und AfD im Bundestag – verliehen dem Wahlkampf der LINKEN zusätzliche Dynamik. Entscheidend ist für ihn jedoch, dass die Partei in den Jahren zuvor Strukturen aufgebaut, Konflikte politisch bearbeitet und eine plural verankerte Praxis entwickelt hatte, die im Wahlkampf 2025 zusammenwirkte.

Der unter Wissler/Schirdewan ausgearbeitete „Plan 25“ beruhte auf jahrelanger analytischer und organisatorischer Arbeit: u.a. auf Mario Candeias’ Studien zum Wähler:innenpotenzial und zu den Nichtwähler:innen, auf der Entwicklung neuer Kommunikations- und Organizing-Instrumente, auf dem Aufbau des Erneuerungs-Hubs unter Liza Pflaum, auf der Professionalisierung des Social-Media-Teams unter Leitung von Thomas Lohmeier sowie auf der Verdichtung von Kiezarbeit, Gewerkschaftskontakten und Social-Media-Formaten. Hinzu kam ein Erfahrungsschatz, der sich aus der Thüringer Regierungsarbeit, aus kommunaler Praxis in ostdeutschen Städten – wie dem jahrelangen Engagement von Sören Pellmann –, aus Bewegungsarbeit in Großstädten und aus den migrantischen und feministischen Perspektiven einer neuen Generation speiste.

Klar wird: Ohne die vormaligen Vorsitzenden Susanne Hennig-Wellsow, Martin Schirdewan und Janine Wissler wären Heidi Reichinnek, Jan van Aken und Ines Schwerdtner – so lässt Bax erkennen – vermutlich nicht in der Position, in der sie heute stehen – und wohl auch nicht Luigi Pantisano, der in wenigen Wochen als Nachfolger von Jan gewählt werden möchte.

Demokratisch-sozialistische Partei geht nur mit Beteiligung und Konfliktfähigkeit

In einem offenen politischen Raum füllt die neue LINKE nicht einfach eine Lücke, sondern agiert aus erneuerter Handlungsfähigkeit heraus – getragen von den Erfahrungen der vergangenen Jahre, vom Bruch mit Wagenknecht und von einer Organisation, die gelernt hat, Konflikte auszuhalten und strategisch zu bündeln. Dieses Fundament ist jedoch noch nicht gefestigt; Fehlentwicklungen können das Erreichte gefährden.

Aus der Sorge darüber formuliert Katalin Gennburg in ihrem nd-Beitrag, pointiert und zugespitzt, Kritik und stellt die Frage nach dem Charakter der Partei selbst. Ist Die Linke primär eine zentral gesteuerte Kampagnenorganisation, die politische Dynamik erzeugen soll? Oder bleibt sie eine pluralistische Mitgliederpartei des demokratischen Sozialismus, deren strategische Entscheidungen aus kontroversen innerparteilichen Debatten hervorgehen?

Diese Frage ist keineswegs organisatorische Nebensache. Sie berührt den historischen Kern der Partei. Gennburg erinnert an den langen Prozess der Entstalinisierung innerhalb der PDS sowie an den Satz Michael Schumanns vom „unwiderruflichen Bruch mit dem Stalinismus als System“. Daraus leitete die Partei über Jahrzehnte bestimmte organisatorische Prinzipien ab: Parteitage als höchste beschlussfassende Organe, innerparteilicher Pluralismus, offene Mitgliedschaft und basisdemokratische Willensbildung.

Gerade deshalb ist ihre Warnung vor einer „Kulturrevolution von oben“ mehr als nur eine polemische Zuspitzung. Gemeint ist die Gefahr, politische und organisatorische Richtungsentscheidungen zunehmend über Kampagnenlogik, Führungszirkel, von oben gesteuerte Mitgliederumfragen als Plebiszit-Illusion zu organisieren, anstatt über langwierige innerparteiliche Verständigungsprozesse.

Der Konflikt zeigt sich exemplarisch an Debatten über Gehaltsdeckel, Mandatszeitbegrenzungen, Regierungsbeteiligungen oder friedenspolitische Fragen. Gennburg befürwortet die Existenz solcher Widersprüche und auch Konflikte – sie sind ihrer und ebenso meiner Meinung nach der Humus, auf dem die Klugheit der Partei wachsen und gedeihen kann.

Gefährlich ist die Tendenz, Debatten abzukürzen oder kommunikativ zu überdecken, unbequeme Positionen zu negieren. Denn: Eine demokratisch-sozialistische Partei muss gesellschaftliche Widersprüche thematisieren und zuspitzen. Sie muss Widersprüche aber auch in sich organisieren und nach vorn gerichtet austragen können.

Der Bezirksleiter der IG Metall Mitte, Jörg Köhlinger, beschreibt in seinem Beitrag „Strategie einer Solidarischen Offensive“ im aktuellen Heft der Zeitschrift Sozialismus genau diesen Zusammenhang als Kern demokratischer Gegenmacht: Demokratie lebt von Beteiligung – und Beteiligung braucht Bildung, Kompetenz und Konfliktfähigkeit. Konfliktfähigkeit erscheint dabei nicht als Störung politischer Organisation, sondern als Voraussetzung solidarischer Handlungsfähigkeit. Köhlinger verbindet dies ausdrücklich mit politischer Bildung, gesellschaftlicher Verankerung und aktiver Organisierung in Betrieben und Alltag. Genau darin liegt auch für Die Linke eine strategische Herausforderung: Eine sozialistische Volkspartei entsteht nicht primär durch Kampagnensteuerung oder Kommunikationsmacht, sondern durch dauerhafte gesellschaftliche Verankerung, organisierte Beteiligung und die Fähigkeit, unterschiedliche Interessen politisch zusammenzuführen.

Darin liegt vermutlich die eigentliche strategische Herausforderung der gegenwärtigen Linken. Der Wahlerfolg verschafft der Partei neue Möglichkeiten. Er erhöht den Druck zu gemeinsamem Handeln. Zur Fähigkeit – gerade aus der Erfahrung des jahrelangen Strategiekampfs mit Sahra Wagenknecht – Entscheidungen auch treffen zu können. Doch in der Regel ist das absolute Gegenteil eines Fehlers wiederum ein Fehler. Eine pluralistische Linke kann nicht vereinheitlicht werden.

Mit wachsender Größe steigt das Bedürfnis nach Disziplin, strategischer Steuerung und klarer Kommunikation. Gleichzeitig lebt die Partei historisch gerade davon, unterschiedliche politische Traditionen, Milieus und Theorieansätze zusammenzuführen. Die entscheidendere Frage lautet deshalb, welche politische Organisationsform sie im Prozess dieses Erfolges annimmt.

Von anderen lernen, während wir unseren eigenen Weg gehen

Innerhalb der Partei Die Linke wird durchaus kritisch und gegensätzlich darauf geschaut, welche Vorbilder derzeit für die eigene Parteientwicklung herangezogen werden. Besonders häufig fällt dabei der Verweis auf die Kommunistische Partei Österreichs. Deren Entwicklung in der Stadt Graz stellt, ohne Zweifel, eine bemerkenswerte politische Erfolgsgeschichte dar. Über mehrere Jahrzehnte hinweg gelang es der KPÖ dort, kommunalpolitische Verankerung, soziale Alltagsorientierung und Glaubwürdigkeit miteinander zu verbinden. Gerade die Konzentration auf konkrete soziale Fragen, Mietenpolitik und direkte Ansprechbarkeit hat ihr in Graz einen nachhaltigen politischen Aufstieg ermöglicht.

Gleichzeitig gehört jedoch ebenfalls zur Realität dieser Partei, dass die KPÖ, obwohl bis 1990 finanziell massiv von der Sowjetunion gestützt, seit 1959 nie auch nur in die Nähe eines stabilen Einzugs in den österreichischen Nationalrat gelangte. Vielmehr war ihre Unfähigkeit, ab Mitte der 1960er Jahre einen reformkommunistischen Kurs im Sinne der eurokommunistischen Erneuerung des Marxismus einzuschlagen, sowohl Grund der Spaltung als auch ihrer Marginalisierung für die nächsten Jahrzehnte.

Auch von der belgischen Partei der Arbeit kann Die Linke lernen – etwa hinsichtlich ihrer strategischen Geschlossenheit, ihrer sozialen Verankerung und ihrer Fähigkeit, Klassenpolitik mit konkreter Organisierung zu verbinden. Zugleich weist ihre Entwicklung erhebliche Unterschiede zur historischen und organisatorischen Realität der deutschen Linkspartei auf.

Darauf verweist auch die Untersuchung von Joe Todd »Zwischen Autonomie und Hierarchie. Die Partei der Arbeit Belgiens (PTB) und die Democratic Socialists of America (DSA) im Vergleich«, die bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung erschienen ist. Todd arbeitet heraus, dass die Partei der Arbeit Belgiens stark zentralisiert organisiert ist und über einen deutlich homogeneren ideologischen Kern verfügt als viele andere linke Parteien Europas. Ihre organisatorische Kultur unterscheidet sich damit erheblich von einer pluralistischen Mitgliederpartei wie Die Linke, in der unterschiedliche sozialistische, bewegungslinke, gewerkschaftliche, feministische und reformorientierte Traditionen dauerhaft miteinander vermittelt werden müssen. Todd formuliert:

„Im Einklang mit einem demokratisch-zentralistischen Ansatz findet im Vorfeld und während des Kongresses eine gewisse interne Debatte statt; nachdem jedoch die strategische Linie beschlossen wurde, wird erwartet, dass individuelle Ansichten in den Hintergrund treten. […] Der demokratische Zentralismus wird jedoch eher durch Überzeugung und Auswahl als durch Zwang umgesetzt. Kader werden nicht zwangsverpflichtet, sondern identifiziert, gezielt angesprochen und zu einem offenen Gespräch eingeladen, in dem es um die mit der Rolle verbundenen Erwartungen und darüber, was sie zu leisten bereit sind, geht.“ (Todd 2026: 33f.)

Attraktiv wirken für viele gegenwärtig auch die Democratic Socialists of America, die Todd ebenfalls untersucht. Der Erfolg von Zohran Mamdani zeigt, wie stark sozialistische Politik dann werden kann, wenn sie soziale Alltagsfragen, klare Sprache, Organisierung und kulturelle Offenheit miteinander verbindet. Gerade jüngere Linke sehen darin zurecht eine Inspirationsquelle. Zugleich unterscheiden sich die DSA grundlegend von der Linkspartei: Sie sind keine eigenständige Partei, sondern eine lose organisierte sozialistische Strömung innerhalb des politischen Systems der Demokratischen Partei.

Genau darin liegt ein zentraler Punkt der gegenwärtigen Debatte. Erfolgreiche Parteien lassen sich nicht einfach kopieren. Politische Organisationsformen entstehen unter spezifischen historischen Bedingungen. Die Linke ist weder die in Teilen reformierte vormals sowjethörige KPÖ noch die reformierte maoistische Partei der Arbeit Belgiens, die bis heute mit den Mechanismen des demokratischen Zentralismus arbeitet.

Katalin Gennburg betont zurecht:

„Dass wir uns in pluralen Partnerschaften mit Schwesterparteien aus Nachbarländern organisieren, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese dazu zugegebenermaßen höchst unterschiedliche Auffassungen haben.“

Deshalb besteht die Herausforderung darin, aus internationalen Erfahrungen zu lernen, ohne dabei die eigene Geschichte, die eigene Organisationskultur und die eigenen Widersprüche zu verdrängen.

Augen auf bei der Forderung nach Gehaltsdeckel und Sozialsprechstunden

Auch Bündnis 90/Die Grünen haben in ihrer Entwicklung unterschiedliche organisatorische Experimente erprobt. Dazu gehörte etwa das Rotationsprinzip für Bundestagsabgeordnete in den 1980er Jahren. Mandate sollten nur zeitlich begrenzt ausgeübt werden, um Professionalisierung, Machtkonzentration und die Herausbildung einer politischen Klasse zu verhindern. In der Praxis erwies sich dieses Modell jedoch als wenig tragfähig: parlamentarische Erfahrung ging verloren, Kontinuität wurde erschwert und die jeweiligen Fraktionen politisch geschwächt. Das Prinzip wurde deshalb wieder aufgegeben.

Anders verhielt es sich mit der Frauenquote. Sie veränderte nicht nur die Partei selbst, sondern wirkte weit über sie hinaus in die Gesellschaft. Was bei den Grünen als innerparteiliche Strukturreform begann, beeinflusste langfristig die politische Kultur der Bundesrepublik insgesamt. Heute reicht dieser Einfluss bis in die Debatten über Parité-Gesetze, mit denen eine gleichmäßigere Repräsentation von Frauen in Parlamenten gesetzlich abgesichert werden soll.

Die Linke diskutiert über einen Gehaltsdeckel von Abgeordneten und Regierungsmitgliedern und die damit verbundene Finanzierung von Sozialsprechstunden als politischem Instrument. Insbesondere bei diesen Instrumenten stehen die PTB und die KPÖ als Vorbilder Pate.

Dass Parlamentsmitglieder und von der Partei in Regierungen entsandte Minister:innen und Staatssekretär:innen einen Teil ihrer Einkommen, bei den Abgeordneten die sogenannten Diäten, an die Partei abgeben, ist eine jahrzehntelange und unstrittige Praxis. Am 18. April 2026 beschloss der Parteivorstand einen Antrag zur Diätenbegrenzung an den Parteitag, der über die bisherigen Regelungen weit hinausgeht.

Der Beschluss sieht vor, dass Abgeordnete der Partei Die Linke im Bundestag und Europäischen Parlament ihre Diäten künftig auf ein Arbeitnehmerbrutto in Höhe des durchschnittlichen Einkommens begrenzen sollen. Maßstab ist dabei der aktuelle Durchschnittslohn; der konkrete Nettobetrag kann je nach individueller Lebenssituation variieren. Der Parteivorstand begründet dies mit dem Anspruch, dass linke Mandatsträger:innen materiell nicht dauerhaft von den Lebensrealitäten der Mehrheit der Bevölkerung entkoppelt sein sollen.

Einkünfte aus Mandaten, die über das festgelegte Durchschnittseinkommen hinausgehen, sollen in Sozialfonds. Das Geld aus den Sozialfonds soll vor allem Menschen in sozialen Notlagen unterstützen, insbesondere im Rahmen von Sozialberatungen, die von Abgeordneten, ihren Mitarbeitenden oder gemeinsam mit lokalen Angeboten von „Die Linke hilft“ organisiert werden. Über die konkrete Verwendung der Mittel entscheiden die jeweiligen Abgeordneten und ihre Teams vor Ort gemeinsam mit den Beratungsstrukturen der Partei.

Über die Frage, wie die Diskussion darüber von den Parteivorsitzenden Ines Schwerdtner und Jan van Aken initiiert und mit einer von oben gesteuerten Mitgliederbefragung orchestriert wurde, ist eine heftige Debatte entbrannt. Ich halte diese Debatte für relevant und notwendig. Aus drei Gründen:

  1. Wir müssen klären, ob es in der Linkspartei Mitgliederbefragungen von oben geben soll. Zurecht kritisiert Die Linke an anderer Stelle, so z.B. bei den NOlympia-Aktivitäten entsprechende Volksbefragungen von oben. Diese Kritik wendet sich auch gegen das in der Linken genutzte Instrumentarium. Denn Befragungen, die von der Regierung oder einer Parteiführung initiiert werden, sind kein echtes Instrument der direkten Demokratie. Volksbefragungen von oben geben der Regierung oder eben der Parteiführung Kontrolle über Inhalt, Formulierung und Zeitpunkt – und verwandeln so ein eigentlich demokratisches Werkzeug von unten in ein Mittel zur Stärkung der Macht von oben. Sie sind deshalb eine Demokratiesimulation – eine Form, die den Anschein von Beteiligung erweckt, aber die tatsächliche Macht, auch über die Interpretation der Ergebnisse bei der Regierung oder Parteiführung belässt. Die Linke muss ein solches Verfahren ablehnen und deren Ergebnisse können nicht dazu dienen, kontroverse Beschlussvorlagen als „von unten gefordert“ zu legitimieren.
  2. Wir müssen uns darüber verständigen, welches Partei- und Organisationsverständnis dem Gehaltsdeckel zugrunde liegt. Es ist ein legitimes Interesse, dass ein Teil derjenigen Einkommen, die Abgeordnete und Regierungsmitglieder erhalten, für politische Arbeit zur Verfügung gestellt wird. Ich finde das sinnvoll und unterstütze dies. In meiner Arbeit als Staatskanzleichef in Thüringen habe ich über die Dauer der Tätigkeit rund 200.000 EUR Mandatsträgerbeitrag an Die Linke gezahlt. Ich hätte mir gewünscht, dass wir damals bereits mehr von diesen Mitteln für gesellschaftlich wahrnehmbare unmittelbare Aufgaben bereitstellen. Ich fürchte jedoch, dass hinter dem Gehaltsdeckel eine traditionalistische Vorstellung eines Linken-Kaders steht, die Todd in seiner bereits zitierten Studie über die belgische PTB wie folgt umschreibt: „[…] Kader der PTB zu sein bedeutet, zu akzeptieren, dass die eigene Zeit, das eigene Einkommen und die eigene öffentliche Stimme in erheblichem Maße durch die Organisation bestimmt werden.“ Ein solches Verständnis kollidiert mit den Prinzipien der Linkspartei. Es kann aber nur dann offen diskutiert werden, wenn die Vorstellungen auch klar benannt werden und nicht entsprechende Prinzipien eingeführt werden, um erst Fakten zu schaffen, über deren prinzipielle Grundlagen dann nicht mehr gesprochen werden kann.
  3. Auch das Instrument der Sozialfonds, das ich dem Grunde nach begrüße, ist kritisch zu diskutieren. Aus meiner Sicht sind mindestens vier Aspekte kritisch:
    1. Der Beschluss verschiebt sozialistische Politik teilweise von kollektiver Rechtsdurchsetzung hin zu individualisierter Fürsorge. Nicht mehr allein soziale Ansprüche und öffentliche Strukturen stehen im Mittelpunkt, sondern auch die Frage, welche Abgeordnetenbüros Unterstützung gewähren. Dadurch entsteht die Gefahr, dass Bürger:innen eher als Empfänger:innen von Hilfe denn als Träger:innen sozialer Rechte erscheinen.
    2. Das Modell kann problematische Abhängigkeitsverhältnisse erzeugen. Wenn Abgeordnete und ihre Teams selbst über die Verwendung der Mittel entscheiden, entsteht personalisierte Ressourcenvergabe. Selbst bei guter Absicht besteht das Risiko, dass politische Loyalitäten, persönliche Nähe oder strategische Erwägungen Einfluss auf Entscheidungen nehmen.
    3. Der Beschluss verwischt institutionelle Rollen. Abgeordnete sollen Gesetze machen, Regierungshandeln kontrollieren und politische Interessen vertreten. Individuelle Hilfsvergabe gehört hingegen eher in demokratisch legitimierte soziale Sicherungssysteme oder unabhängige zivilgesellschaftliche Strukturen.
    4. Schließlich bleibt das Transparenzversprechen begrenzt. Zwar spricht der Beschluss von „Mindeststandards“ und Transparenz, die konkrete Mittelverwendung wird jedoch weitgehend den einzelnen Mandatsträger:innen vor Ort überlassen. Dadurch können unterschiedliche Vergabepraxen entstehen, ohne dass klare demokratische Kontrollmechanismen erkennbar sind.

Dahinter steht schließlich ein strategischer Widerspruch. Die Linke kritisiert zurecht den Rückzug des Sozialstaats und fordert universelle öffentliche Infrastruktur. Gleichzeitig etabliert sie mit solchen Fonds eigene parallele Unterstützungsstrukturen, die begrenzt, selektiv und personalisiert bleiben. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, soziale Probleme würden nicht politisch gelöst, sondern parteiförmig verwaltet. Stattdessen müsste eine linke Partei solche Mittel bewusst aus der direkten Verfügung einzelner Mandatsträger:innen herauslösen und demokratisch wie zivilgesellschaftlich kontrollieren lassen – etwa durch lokal besetzte Gremien unter Beteiligung vom Deutschen Gewerkschaftsbund, Sozialverbänden oder unabhängigen Beratungsstrukturen. Dadurch ließe sich verhindern, dass soziale Unterstützung an persönliche oder parteipolitische Nähe gekoppelt wird.

Diese Fragen und die darauf zu findenden Antworten sind nicht allein für die strategische Orientierung und den künftigen Charakter der Partei Die Linke entscheidend. Die Auseinandersetzung findet statt vor dem Hintergrund erheblicher Veränderungen.

Nicht Massenpartei, sondern Sozialistische Volkspartei müssen wir werden

Das deutsche Parteiensystem befindet sich in einer Phase tiefgreifender Umbrüche. Die SPD Deutschlands ist längst keine Volkspartei im klassischen Sinne mehr. Ihre gesellschaftliche Verankerung in den Milieus der Industriearbeiterschaft, der Gewerkschaften und der sozialstaatlich orientierten Mittelschichten ist über Jahrzehnte erodiert. Ihr erstmaliges Ausscheiden aus einem der Landtage ist nur noch eine Frage der Zeit. Die FDP ist politisch und organisatorisch weitgehend kollabiert. Die Union ist zwar gegenwärtig die derzeit stärkste demokratische politische Kraft, doch ihre Stärke wirkt fragiler, als es Wahlergebnisse allein nahelegen. Die Konflikte um den Umgang mit der AfD zeigen, dass die Brandmauer zur tektonischen Bruchstelle nach den Landtagswahlen weniger in Sachsen-Anhalt als vielmehr in Mecklenburg-Vorpommern werden kann. Gleichzeitig führt das Bündnis Sahra Wagenknecht zu weiteren Fragmentierungen.

Die AfD ist in Umfragen in einigen Bundesländern und auf Bundesebene zur stärksten Kraft avanciert. Der Jenaer Soziologe Klaus Dörre weist, ebenfalls in Sozialismus zurecht darauf hin, dass die Auseinandersetzung mit der AfD nicht allein kulturell oder moralisch geführt werden kann. Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit zur Organisierung solidarischer Gegenmacht in Betrieben, Gewerkschaften und Alltag. Gerade die Erfahrungen gewerkschaftlicher Arbeit in ostdeutschen Betrieben zeigen, dass rechte Hegemoniebestrebungen dort zurückgedrängt werden können, wo demokratische Konfliktfähigkeit, politische Bildung und soziale Verankerung praktisch vorhanden sind. Die AfD profitiert nicht primär aus einer geschlossenen sozialen Mehrheit heraus, sondern aus Desorganisation, Vereinzelung und dem Verlust kollektiver Erfahrungsräume.

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die AfD im Herbst in Magdeburg und Schwerin die Staatskanzleien erobert – mit allen Folgen für Demokratie und Zivilgesellschaft aber auch mit den Wirkungen von Protest und Mobilisierung einerseits, wie Victoria Gulde sie im Februar 2026 in meinem Podcast KUNST DER FREIHEIT beschrieben hat, und dem resignativen Rückzug oder opportunistischer Anpassung anderer bedeutsamer gesellschaftlicher Kräfte andererseits.  

In dieser Situation könnten sich für Die Linke mehrere historische Aufgabe stellen:

  1. In der parteiintern geführten Debatte über das Pro und Contra von Regierungsbeteiligungen nicht reflektiert wird bisher die Erfahrung von AfD-Abwehrbündnissen. Dabei bieten sowohl Thüringen als auch Sachsen entsprechende Beispiele, die ausgewertet und in strategische Lernerfahrungen verdichtet werden müssen. Ebenso wenig wird wahrnehmbar strategisch darüber diskutiert, wie im besten Fall der Fälle, Die Linke in Sachsen-Anhalt eine hoffentlich mögliche Minderheitsregierung stützen könnte, ohne selbst in die Regierung eintreten zu müssen, weil ihr Eintritt in ein die Union dann zerreißendes Bündnis im Übrigen auch die denunziatorische Losung von rechts, nur eine Partei stünde einem „Kartell von Altparteien“ gegenüber, ungewollt stützen würde.
  2. Gesamtpolitisch müssen wir uns der Möglichkeit widmen, dass wir als Linkspartei an die Stelle der SPD treten, ohne deren bisherige Rolle nach Godesberg im Parteiensystem übernehmen zu wollen. Dies vorausgesetzt müsste Die Linke die Diskussion über den selbstgewählten Anspruch, eine Massenpartei sein zu wollen, anders führen. Denn in einem solchen gesellschaftlichen und politischen Kontext würde ihr Anspruch darin bestehen müssen, nicht zur Massenpartei, sondern vielmehr zu einer sozialistischen Volkspartei zu werden.

Im letzteren liegt mehr als nur ein semantischer Unterschied. Denn es ginge nicht um die Wiederherstellung des sozialdemokratischen Parteiensystems des 20. Jahrhunderts, sondern um die Frage, ob es einer linken Partei gelingt, soziale Interessen, demokratische Teilhabe, ökologische Transformation und gesellschaftliche Pluralität unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts mehrheitsfähig zu verbinden.

Wollte Die Linke zu einer sozialistischen Volkspartei werden, würde das mehr bedeuten als bloß größere Wahlerfolge oder stabile Zweistelligkeit. Volkspartei zu sein, bedeutete für eine linke Partei immer auch, Partei des Volkes zu sein – also der Vielen, nicht eines einzelnen Milieus, einer Szene oder einer politischen Teilkultur.

Eine sozialistische Volkspartei müsste deshalb sehr unterschiedliche soziale Gruppen dauerhaft organisieren: Gewerkschaftsmitglieder, prekär Beschäftigte, migrantische Milieus, Teile der akademischen Mittelschichten, Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, ostdeutsche wie südwestdeutsche Transformationsverlierer:innen und ebenso die junge urbane Linke. Die Herausforderung bestünde darin, diese Interessen nicht nur nebeneinanderzustellen, sondern politisch zu verbinden.

Hinzu kommt, dass selbst innerhalb ähnlicher sozialer Lagen höchst unterschiedliche Haltungen zu gesellschaftlicher Transformation existieren. Jörg Köhlinger beschreibt dies anhand gewerkschaftlicher Erfahrungen als Spannungsfeld zwischen transformativ-systemverändernden, transformativ-reformierenden und transformationsskeptisch-restaurativen Positionen. Eine sozialistische Volkspartei müsste gerade diese Widersprüche organisieren können, statt von einem homogenen „Volk“ oder einer einheitlichen „Klasse“ auszugehen.

Das hätte auch organisatorische Konsequenzen. Volksparteien sind nicht allein Wahlvereine oder Kampagnenmaschinen. Historisch verfügten sie über kulturelle Milieus, Bildungsstrukturen, kommunale Verankerung und alltägliche Präsenz. Für Die Linke würde das bedeuten, nicht nur in Wahlkämpfen sichtbar zu sein, sondern dauerhaft in Gewerkschaften, Sozialverbänden, Mieterinitiativen, Kulturinstitutionen oder Nachbarschaften präsent zu sein. Mit dem Kampf gegen das Establishment ist dieser Weg erfolgreich nicht zu bestreiten. Denn es geht dann um Hegemonie und nicht allein um Opposition.

Köhlinger formuliert für die Gewerkschaften, ihre Positionen und ihr Handeln müssten in einer schwierigen Lage Hoffnung und Orientierung bieten. Genau darin liegt auch die Aufgabe einer sozialistischen Volkspartei. Sie darf sich nicht auf defensive Abwehrkämpfe oder moralische Empörung beschränken, sondern muss konkrete soziale Verbesserungen mit einer positiven Vorstellung gesellschaftlicher Transformation verbinden.

Zugleich müsste sie lernen, Widersprüche nicht als Ausnahme, sondern als Normalzustand einer pluralen Partei zu begreifen. Eine sozialistische Volkspartei könnte nicht homogen sein. Sie müsste Konflikte über Krieg und Frieden, Regierungsbeteiligung, Migration, Eigentumsfragen oder Klima dauerhaft organisieren können, ohne an ihnen zu zerbrechen.

Schließlich ist eine sozialistische Volkspartei immer auch ein kulturelles Projekt. Sie entsteht nicht allein durch Programme oder Wahlergebnisse, sondern durch das Gefühl vieler Menschen, dass diese Partei „ihre“ Partei ist. Die Frage „Wie wollen wir leben?“ richtet sich deshalb nicht nur an die Gesellschaft, sondern auch an die Partei selbst. Denn, ob Die Linke tatsächlich Partei des Volkes werden kann, entscheidet sich daran, wie offen, solidarisch, demokratisch und verbindend sie ihre eigene politische Praxis organisiert.

Stein auf Stein – das Haus der Linken wird nie fertig sein

Die zentralen politischen Konflikte der Gegenwart verlaufen zunehmend entlang der Frage, ob gesellschaftliche Transformation demokratisch, sozial und solidarisch gestaltet wird – oder ob autoritäre Antworten auf Krisen, Ungleichheit und Kontrollverlust an Einfluss gewinnen. Klimapolitik, Migration, Sicherheit und soziale Gerechtigkeit bilden dabei keine voneinander getrennten Debatten mehr, sondern verdichten sich zur gemeinsamen Frage nach der Zukunftsfähigkeit demokratischer Gesellschaften.

In diesem Spannungsfeld hat Die Linke wieder politische Bedeutung gewonnen. Entscheidend ist jedoch, dass dieser Erfolg nicht aus situativen Zufällen entstand, sondern Ergebnis eines langfristigen organisatorischen, politischen und kulturellen Prozesses war. Und genau deshalb ist er kein abgeschlossener Zustand, sondern fragil.

Vielleicht liegt darin auch die eigentliche Bedeutung der Debatte über das „Haus der Linken“. Nicht die Frage, ob das Haus aus Stein gebaut ist, entscheidet über seine Zukunft, sondern die Frage, wie in ihm gelebt wird. Ob es ein Ort demokratischer Auseinandersetzung, solidarischer Organisierung und sozialer Offenheit bleibt – oder ob Konflikte verdrängt, Unterschiede eingeebnet und politische Richtungskämpfe administrativ aufgelöst werden.

Köhlinger formuliert zugespitzt: Die Gewerkschaften müssen frecher werden. Dahinter steht die Einsicht, dass demokratische und soziale Gegenmacht nicht allein defensiv organisiert werden kann. Vielleicht gilt Ähnliches auch für Die Linke: Eine sozialistische Volkspartei entsteht nicht dadurch, dass sie lediglich auf Krisen reagiert oder Verschlechterungen verwaltet. Sie entsteht nur, wenn sie gesellschaftliche Konflikte offensiv bearbeitet, Hoffnung organisiert und Menschen die Erfahrung vermittelt, gemeinsam handlungsfähig zu sein.

Die Frage „Wie wollen wir leben?“ richtet sich deshalb nicht nur an die Gesellschaft, sondern auch an die Partei selbst. Die Art, wie Die Linke ihre inneren Konflikte organisiert, wie sie mit Pluralität umgeht und wie sie politische Teilhabe ermöglicht, entscheidet mit darüber, ob sie glaubwürdig für eine demokratisch-sozialistische Transformation der Gesellschaft als eine sozialistische Volkspartei eintreten kann.

Das Haus der Linken wird deshalb nie fertig sein. Es wird weiter umgebaut werden, neue Bewohner:innen aufnehmen, Konflikte aushalten, tragende Wände verstärken und manche Irrwege korrigieren müssen. Seine Zukunft entscheidet sich nicht daran, ob es makellos erscheint, sondern daran, ob Menschen in ihm einen Ort finden, an dem Solidarität, Demokratie und soziale Hoffnung praktisch erfahrbar werden. Genau darin könnte aus einem alten Parteihaus tatsächlich einmal ein Volkshaus werden.