Rechte Politik in Betrieben und was Gewerkschaften dagegen tun können
Wenn über den Erfolg rechter Parteien gesprochen wird, richtet sich der Blick häufig auf Wahlergebnisse, Umfragen und parlamentarische Verschiebungen. Weniger im Fokus steht ein anderer zentraler Ort politischer Auseinandersetzung: der Betrieb.
Dort geht es um konkrete Erfahrungen von Unsicherheit, Macht und Ohnmacht, um Konflikt – aber ebenso um Solidarität, Mitbestimmung und demokratische Praxis. Rechte Akteure haben diesen Raum seit Jahren strategisch entdeckt. Sie intervenieren gezielt in betriebliche Konflikte, greifen gewerkschaftliche Strukturen an und versuchen, soziale Fragen kulturell und nationalistisch umzudeuten.
Darüber sprach ich in der Sendung vom 8. Februar meines Podcasts Kunst der Freiheit mit zwei tollen Gästen:
Daphne Weber ist Kulturwissenschaftlerin und war bereits in der ersten Staffel von Kunst der Freiheit bei mir zu Gast. Damals sprachen wir über ihr Buch Die Politik der Parole. Heute geht es um eine Studie, die sie für die Hans-Böckler-Stiftung geschrieben hat: Gewerkschaftliche Kampagnen von rechts. Sie wurde Anfang des Jahres veröffentlicht.
Mein zweiter Gast war Gerd Wiegel. Gerd ist Politikwissenschaftler mit langjähriger Expertise zur rechten Politik in Betrieben und Gewerkschaften, publiziert seit vielen Jahren zu diesem Thema, ist – obwohl die Entwicklung überhaupt nicht in seine Richtung geht – weiterhin optimistisch und arbeitet als Referatsleiter beim Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes.
- imago / EHL Media / Björn Stach
Benjamin-Immanuel Hoff: Ich möchte mit einer grundsätzlichen Frage an euch beide beginnen. In politischen Debatten erscheint der Betrieb oft als ein funktionaler Ort. Dort wird produziert, dort gibt es Tarifpolitik, dort gibt es – wenn es sie gibt – Interessenvertretung.
In viel zu vielen Betrieben in Deutschland gibt es derzeit weder tarifvertragliche Bindung noch Betriebsräte. Und es gibt Arbeitgeber, die das aktiv zu verhindern versuchen.
Aber eure Studien und Texte zeigen eben, dass der Betrieb auch ein umkämpfter Ort ideologischer Auseinandersetzung ist. Dort gibt es eigene Öffentlichkeiten, Medien und Machtressourcen.
Warum ist der Betrieb ein so zentraler Ansatzpunkt für rechte Politik geworden? Und was unterscheidet diese Form rechter Intervention im Betrieb von klassischer Parteipolitik oder von Wahlkämpfen?
Gerd Wiegel: Ich glaube, der Betrieb spiegelt auf engem Raum die Konflikte wider, die wir in der Gesellschaft generell haben.
Wenn man sich in einem Betrieb oder in einem Büro bewegt, ist man mit Kolleginnen und Kollegen zusammen, die man sich nicht ausgesucht hat. Anders als meine Freundinnen und Freunde, mit denen ich abends ein Bier trinken gehe, begegne ich im Betrieb Menschen, die ich mir nicht selbst gewählt habe.
Auf betrieblicher Ebene spiegeln sich gesellschaftliche Konflikte deshalb sehr direkt wider. Die Migrationsgesellschaft etwa spiegelt sich natürlich auch im Betrieb: Dort arbeite ich mit Kolleginnen und Kollegen zusammen, die Migrationserfahrungen haben oder nicht ursprünglich von hier kommen. Aber auch alles, was meine Arbeit ausmacht – also etwa Veränderungen in betrieblichen Abläufen oder die Frage, ob mein Arbeitsplatz sicher oder unsicher ist –, sind gesellschaftspolitische Themen, die sich im Betrieb wiederfinden und über die Menschen dort miteinander in Austausch kommen.
Der Betrieb ist deshalb etwas anderes als eine politische Blase, in der sich nur Leute treffen, die ohnehin immer schon derselben Meinung waren. Dort hat man es eher mit Menschen zu tun, die ganz anders ticken, andere Wertvorstellungen und Interessen haben, vielleicht sogar für einen anderen Fußballverein sind als ich. Mit ihnen setzt man sich auseinander. Das ist zunächst einmal ein Feld, in dem sich Menschen nicht nach Interessen, politischen Ausrichtungen oder Einstellungen sortieren. Genau das macht den Betrieb interessant und, glaube ich, zu einem sehr lebendigen Ort.
Und dann ist er aus meiner Sicht zumindest potenziell auch ein Ort des Miteinanders und der Solidarität. Die meisten Menschen verbringen acht Stunden am Tag bei der Arbeit, und ich bin auf meine Kolleginnen und Kollegen angewiesen. Ich muss mit ihnen zusammenarbeiten, damit das, was wir tun sollen, vernünftig gelingt – am Fließband genauso wie im Büro.
In den meisten Fällen ist man darauf angewiesen, mit Kolleginnen und Kollegen zusammenzuarbeiten. Man hat also ein gemeinsames Interesse. Das ist das Verbindende dort. Und dieses Verbindende greift auch über politische Trennungen und politische Überzeugungen hinweg. Das ist aus meiner Sicht ein wichtiger Punkt.
Aber der Betrieb ist eben auch ein Ort, an dem gesellschaftspolitische Konflikte sehr schnell aufbrechen können. Und genau deshalb versucht die Rechte, den Betrieb als Agitationsraum zu nutzen – etwa, indem sie den Gegensatz zwischen den „schon immer hier Lebenden“ und den „neu Dazugekommenen“ aufmacht. Dann wird von Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt gesprochen: Arbeiten die Leute, die neu in den Betrieb kommen, für weniger Geld? Stehe ich zu ihnen in Konkurrenz? Gefährden sie meinen Arbeitsplatz?
Oder man nimmt das Thema Transformation: die Veränderung unserer Industriegesellschaft, die Umstellung auf Elektromobilität oder die Debatte um den Verbrenner. All das sind Konflikte, die auf betrieblicher Ebene eine große Rolle spielen und bei denen die Rechte versucht, mit ihren Themen in den Betrieb hineinzukommen.
Daphne Weber: Ich kann daran sehr gut anknüpfen. Der Arbeitsplatz ist für die meisten Menschen ein Ort, an dem sie täglich viele Stunden verbringen – auch wenn unser Bundeskanzler in letzter Zeit gelegentlich etwas anderes behauptet hat. Arbeit ist ein wichtiger Teil des Lebens.
Und wenn man sich fragt, wo Menschen überhaupt erreicht werden, dann ist alles, was am Arbeitsplatz passiert, sehr viel unmittelbarer als klassische Politik, die man in den Nachrichten verfolgt oder die man aktiv verfolgen muss, um bei vielen Entwicklungen überhaupt noch mitzukommen. Menschen direkt am Arbeitsplatz zu erreichen, ist deshalb sehr viel wirksamer und direkter als über klassische parteipolitische Ansprache.
Parteipolitik findet irgendwo in Parlamenten statt; da kommt man nicht so einfach hinein. Im Betrieb ist man dagegen jeden Tag. Und der gewerkschaftliche Ansatz sagt darüber hinaus: Wir vertreten eure ganz konkreten Interessen im Konflikt mit dem Arbeitgeber. Im Idealfall spüren die Leute das direkt im Geldbeutel. Politik im Betrieb hat also unmittelbar spürbare Auswirkungen.
Im Vergleich dazu versprechen bei Wahlen natürlich alle vorher etwas. Aber es dauert dann sehr lange, bis das umgesetzt wird – oder ein Teil davon umgesetzt wird. Verwaltungen arbeiten langsam, das will ich nicht der Politik im engeren Sinne vorwerfen. Aber es dauert eben einfach sehr viel länger, bis eine spürbare Veränderung eintritt.
Und bei gewerkschaftlicher Politik oder Politik im Betrieb braucht es auch sehr viel weniger abstrakte Ideologie oder politische Haltung. Gerd hat das eben schon angedeutet. Gewerkschaften halten ein Angebot auf einer sehr niedrigschwelligen Ebene bereit: Das hier kommt euch direkt zugute – in eurem Arbeitsalltag, in eurem Geldbeutel.
Und ich würde darüber hinaus noch sagen: Wenn wir über gewerkschaftliche Ansätze und dann auch über rechte, vermeintlich gewerkschaftliche Ansätze sprechen, dann ist wichtig, dass Gewerkschaft im Grundsatz kein unbeteiligter Dritter ist. Sie ist die Gemeinschaft von Beschäftigten, die sagen: Wir schließen uns zusammen, um eine bestimmte Forderung durchzusetzen. Das Hauptamt unterstützt dabei lediglich.
Es ist also sehr viel unmittelbarer, direkter und in den Auswirkungen spürbarer als klassische Parteipolitik.
Mit mehr Wirtschaftsdemokratie wirksam gegen rechts
Benjamin-Immanuel Hoff: Jüngst ist ein Buch erschienen, das ich sehr spannend fand und auf meinem Blog Nachdenken im Handgemenge rezensiert habe. Es heißt Haltung zeigen. Darin wird untersucht, wie sich Verbände, Wirtschaftsverbände, aber auch Wirtschaftskammern in der Auseinandersetzung mit rechts verhalten.
Das geschäftsführende Vorstandsmitglied der IG Metall, Hans-Jürgen Urban, hat darin einen ziemlich spannenden Beitrag geschrieben, der viele Debatten über „Haltung zeigen gegen rechts“ ein Stück weit gegen den Strich bürstet. Er geht nämlich einen Schritt weiter und sagt: Erstens passen die Logik einer kapitalistischen Wirtschaft und die Logik der Demokratie an bestimmten Stellen nicht zusammen – und in Krisenzeiten wird dieser Konflikt besonders sichtbar. Und zweitens sei der Betrieb selbst kein demokratischer Ort, und auch darüber müsse man sprechen.
Urban sagt: Wichtige Entscheidungen darüber, was produziert wird, wie produziert wird und wofür investiert wird, treffen sehr wenige. Er spricht vom Betrieb als einem vordemokratischen Ort – selbst dort, wo es Mitbestimmung gibt. Tarifverträge und Betriebsräte begrenzen zwar die Macht der Arbeitgeber, aber gleichzeitig sind die Beschäftigten im Betrieb eben kein demokratischer Souverän.
Urbans Schlussfolgerung ist deshalb klar: Wer rechten Autoritarismus im Betrieb bekämpfen will, darf nicht nur auf Ideologien schauen, sondern muss den Alltag im Blick behalten, weil genau dort die Ansatzpunkte rechter Politik liegen.
Daphne Weber: Grundsätzlich stimme ich ihm darin zu, dass wir keine umfassende Wirtschaftsdemokratie haben. Aber über die Schlussfolgerung, dass der Autoritarismus im Betrieb dann von Menschen so akzeptiert wird und rechte Akteure dort ansetzen, indem sie sagen: Es ist schon gut, dass das Management entscheidet und nicht alle gemeinsam –, darüber müsste ich länger nachdenken.
Ich kann zunächst nur ausgehend von meinem Untersuchungsgegenstand sagen, dass Zentrum – früher Zentrum Automobil – die Managementetagen oder Vorstände eben gerade nicht als Gegner in den Blick nimmt, sondern vor allem die DGB-Gewerkschaften und in ihrem Sektor die IG Metall. Es wird also nicht dieser Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit oder zwischen demokratischen und nichtdemokratischen Entscheidungsstrukturen aufgemacht, sondern der Gegner wird ganz woanders verortet.
Zentrum hat sich zum Beispiel auch gegen das Tariftreuegesetz positioniert – mit der Begründung, dass Tariftreue ja auch für Unternehmer nicht besonders gut sei und den Einheitsgewerkschaften zu viel Macht gebe. Daran sieht man schon, dass es eine erhebliche Widersprüchlichkeit gibt, wessen Interessen rechte Akteure im Betrieb tatsächlich vertreten. Es geht ihnen gerade nicht um eine Demokratisierung des Betriebs.
Gerd Wiegel: Ich stimme sowohl Daphne als auch Hans-Jürgen zu. Wir erleben ja oft in der Politik, dass auf den rechten und autoritären Aufstieg mit dem Appell an demokratische Werte reagiert wird: Wir brauchen mehr Demokratiebildung, wir müssen unsere demokratischen Werte stärken.
Worauf Hansi Urban aufmerksam macht, ist, dass es da einen Abstand zu den Alltagserfahrungen vieler Menschen gibt. Und wir reden hier über Betrieb und Gewerkschaften. Der Betrieb ist eben ein Ort, an dem die Alltagserfahrung vieler Menschen lautet, dass ihre Stimme bei der Frage, wie sicher ihr Arbeitsplatz ist, ob er verlagert wird oder was produziert wird, eigentlich nicht zählt. Demokratie gehört dort nicht zur unmittelbaren Alltagserfahrung.
Das korrespondiert mit Einstellungsuntersuchungen, in denen Menschen sagen, dass sie auch auf Politik nur wenig Einfluss haben. Also auch dort funktioniert Demokratie nicht in dem Maße, wie es sich viele wünschen.
Insofern bleibt der Appell, auf autoritäre Entwicklungen mit mehr Demokratie zu reagieren, dann im luftleeren Raum, wenn die Alltagserfahrungen der Menschen eher in eine andere Richtung weisen.
Potenziell ermöglicht der Betrieb aber auch, und darauf hat Daphne hingewiesen, genau solche Herrschaftszusammenhänge deutlicher zu machen. Man weiß im Betrieb sehr schnell, wer eigentlich entscheidet: die Managementebene, die Leitungsebene, die Chefs. Es gibt eine Form von Mitbestimmung, ja – manchmal stärker, manchmal schwächer. Aber am Ende setzen sich doch häufig Interessen durch, die nicht unbedingt die Interessen der Beschäftigten sind, auch wenn das anders dargestellt wird.
Und insofern ist es, glaube ich, kein Zufall – Daphne hat das für Zentrum gesagt, aber es gilt auch für die AfD –, dass dieser Gegensatz von Kapital und Arbeit in rechten Programmen generell nicht thematisiert wird. Klar: kein Wunder bei einer Partei der extremen Rechten. Aber auch sonst wird die Unternehmensseite praktisch nie kritisiert.
Ich habe gerade noch einmal in das Wahlprogramm der AfD in Baden-Württemberg geschaut. Da geht es viel um die Automobilindustrie. Es wird ausführlich beschrieben, was die Politik alles falsch gemacht habe. Aber auf Managementfehler oder Fehlentscheidungen im Betrieb wird praktisch nie eingegangen.
Die Rechte versucht also, die Unzufriedenheit, die es auf betrieblicher Ebene gibt, in eine bestimmte Richtung zu lenken – ohne die eigentlichen Machtverhältnisse zum Thema zu machen.
Die AfD-nahe Scheingewerkschaft Zentrum (Automobil)
Benjamin-Immanuel Hoff: Lass uns etwas genauer zu deiner Studie sprechen, Daphne. Sie ist mit Blick auf die vergangenen Betriebsratswahlen erschienen, also im Vorfeld der Betriebsratswahlen in diesem Jahr. Wenn du den Hörerinnen und Hörern einmal erklärst: Was sind eigentlich Betriebsratswahlen? Wie würdest du sie in ein paar Sätzen zusammenfassen? Und warum ist das relevant?
Daphne Weber: Betriebsratswahlen sind eine Form von Demokratie und Mitbestimmung im Betrieb. Sie finden alle vier Jahre statt und sind ein konkretes demokratisches Element, das wir in diesem Land haben.
Man kann dort Listen einreichen und dann Vertreterinnen und Vertreter auf diesen Listen wählen. Daraus entsteht dann ein Betriebsrat, der die Beschäftigten vertritt und unterstützt. Das ist grundsätzlich etwas Gutes.
Da gibt es zum Beispiel Listen der Gewerkschaften, die im Deutschen Gewerkschaftsbund zusammengeschlossen sind. Es gibt aber auch noch einen Christlichen Gewerkschaftsbund. Und es gibt – und das interessiert mich in meiner Studie – rechte sogenannte Gewerkschaften beziehungsweise rechte Listen.
Um keinen falschen Eindruck zu erwecken – wir haben natürlich große und starke Listen aus den Gewerkschaften des DGB – etwa von der IG Metall oder von ver.di, der IGBCE etc. –, die meistens auch die absolute Mehrheit in den Betriebsräten stellen und damit sicherstellen, dass dort vernünftige Arbeit geschieht. Die großen Gewerkschaften im DGB verhandeln die Tarifverträge und verfügen über reale Machtressourcen.
Das gilt für kleinere Listen – und auch für rechte Listen – gerade nicht. Sie haben letztlich keine wirkliche organisatorische Macht in den Betrieben und keine Streikmacht.
Benjamin-Immanuel Hoff: Deine Studie interessiert sich ausdrücklich nicht für individuelle Einstellungen von Beschäftigten oder für die Frage, warum einzelne Arbeiterinnen und Arbeiter beispielsweise AfD wählen. Du hast stattdessen Kampagnen, Narrative, Medienpraktiken und die Inszenierung rechter Akteure im Betrieb betrachtet.
Der Betrieb erscheint bei dir ebenfalls nicht als neutraler Raum, sondern als politische Arena.
Daphne Weber: Ich habe natürlich auf bestehende Studien zu Arbeiterbewusstsein oder zu rechten Einstellungen unter Arbeiterinnen und Arbeitern aufgebaut. Das war hilfreich, um das Feld zu kartografieren.
Dann habe ich aber etwas anderes gemacht, das es in dieser Form bislang noch nicht gab: Ich habe mir Kampagnenmaterial rechter Akteure auf betrieblicher Ebene angeschaut, konkret von Zentrum, das früher unter dem Namen Zentrum Automobil bekannt war.
Mein Fokus lag auf den Betriebsratswahlen 2018 und 2022. Ich gehe davon aus, dass uns dieses Material viel darüber verrät, wie rechte Akteure im Betrieb vorgehen, wie sie kommunizieren, welche Themen sie setzen und welche Bildsprache sie verwenden.
Ich habe dieses Material qualitativ systematisiert untersucht: Was kommt wieder? Was wiederholen sie ständig? Und wo verändern sich Dinge?
Dabei ist mir aufgefallen, dass es zwischen 2018 und 2022 eine sehr deutliche Veränderung der Kampagnenstrategie gab.
2018 wurzelt die Kampagne – sowohl von den tragenden Akteuren als auch von der Bildsprache her – stark in der extrem rechten Initiative, die als Identitäre Bewegung bekannt geworden ist. Wir haben eine sehr bedrohliche Ästhetik: Schwarz-Gelb als dominierende Farben, kontrastreich bearbeitete Bilder – also vieles von dem, was man von der Identitären Bewegung kennt.
In der Kampagnenzeitung treten bestimmte Autoren auf, etwa Jürgen Elsässer, Benedikt Kaiser, Björn Höcke oder Simon Kaupert, ein rechter Medienaktivist. Dort wird von Raubtierkapitalismus gesprochen, aber auch von der „Wende“ und von einer dubiosen Elite – ein stark antisemitisch aufgeladenes Narrativ. Gerade dieser Wendebegriff ist in Baden-Württemberg, wo Zentrum bei Mercedes stark ist, überhaupt nicht verankert. Deshalb gehe ich auch davon aus, dass diese Kampagnenzeitung 2018 vor allem im Pegida-Milieu im Osten verteilt wurde und gar nicht so sehr im Betrieb selbst.
2022 ist das dann komplett anders. Es gibt ein anderes Design, das mit Grün und Weiß arbeitet. Das wirkt sympathisch, frisch und hebt sich zugleich klar vom Rot der IG Metall ab.
Man muss sich ja vorstellen: Wir sind im Betrieb, es gibt ein schwarzes Brett, dort werden Plakate aufgehängt. Da kann man nicht dieselbe Farbe wie die IG Metall nehmen, denn man muss sich ja abgrenzen. Zentrum macht das dann in einem freundlich wirkenden Design.
2022 finden sich außerdem neutral anmutende Erklärvideos mit Animationen, in denen nett erklärt wird, was eine Betriebsratswahl ist und so weiter – aber alles ist darauf angelegt, Zentrum zu branden. Die anderen Gewerkschaften tauchen praktisch nicht auf; stattdessen lautet die implizite Botschaft: Gewerkschaft gleich Zentrum. Über diese vermeintlich neutrale Ansprache versuchen sie, neue Zielgruppen zu erreichen.
Sie haben außerdem eine Betriebszeitung, in der betriebliche Themen alltagsnah aufgegriffen werden – etwa in Untertürkheim, im Hauptwerk, wo sie stärker sind als an anderen Standorten.
Bei der Corona-Pandemie haben sie sich ebenfalls stark an diesem Thema abgearbeitet und an den Regeln, die teilweise tatsächlich widersprüchlich wirkten: Man darf nicht auf den Spielplatz, aber im Werk steht man eng zusammen. Auch dort haben sie versucht, hineinzukommen.
Daran zeigt sich diese Veränderung. Gleichzeitig bleibt aber der Kontakt zur extremen Rechten bestehen, vor allem über den YouTube-Kanal. Sie gehen zur Compact-Konferenz, zeigen sich mit Elsässer und Co., mit extrem rechten AfD-Abgeordneten – also wirklich mit dem sehr rechten Rand, etwa Helferich, der sich selbst einmal als „freundliches Gesicht des NS“ bezeichnet hat.
Sie fahren also gewissermaßen zweigleisig. Es gibt aber auch Dinge, die gleichbleiben. Zum Beispiel der Fokus auf die Verbrennertechnologie als Heilmittel: Klimakrise ist Hysterie, der Verbrenner ist uneingeschränkt das Beste, dahin müsse man zurück.
Und das Feindbild sind die DGB-Gewerkschaften – und damit letztlich wirksame Arbeitnehmervertretung.
Was mich überrascht hat, ist, wie viel Augenmerk sie auf professionell produzierte Videos legen, die gut erzählen und an Emotionen rühren. Sie haben sogar zwei längere Filme in einer Art Dokumentarstil veröffentlicht.
Das hat mich schon überrascht. Man kann es aber auch so interpretieren, dass sie über diese Kampagnenkommunikation ihre mangelnde tatsächliche Stärke weginszenieren und kaschieren wollen.
Benjamin-Immanuel Hoff: Du hast es schon angesprochen: Ein zentraler Befund deiner Studie ist der hohe Grad an Professionalisierung rechter Kampagnenarbeit im Betrieb. Du hast die Erklärvideos, Social-Media-Formate und Testimonials genannt.
Das sind zunächst scheinbar neutrale Informationsangebote, sie tragen aber zur Normalisierung rechter Akteure im Betrieb bei. Gerade dann, wenn sie – wie im Vergleich zwischen 2018 und 2022 – nicht als Provokation auftreten, sondern den Anspruch erheben, pragmatische Problemlöser zu sein und den anderen Gewerkschaften die Ideologie-Marke umzuhängen.
Warum ist diese Form medialer Normalisierung im Betrieb so wirksam? Und warum findet sie Anschluss, statt selbst schon als Problem erkannt zu werden?
Daphne Weber: Das ist eine sehr gute Frage. Es knüpft eben stärker an den Alltagsverstand an. Wenn sie auf ihrem YouTube-Kanal während der Corona-Pandemie irgendetwas von Generalstreik erzählen, wirkt das fast ein bisschen absurd. Dann denkt man vielleicht eher: Na ja, gut.
Wenn sie aber auf humorvolle Weise widersprüchliche Corona-Regeln aufgreifen und kritisieren, dann sagen vielleicht mehr Leute: Ja, da ist schon etwas dran.
Den unterschiedlichen Grad, in dem sie in den Alltagsverstand hineinwirken, steuern sie also über verschiedene Medien sehr unterschiedlich.
Nehmen wir zum Beispiel einen Karabiner, den sie in Umlauf gebracht haben. Darauf ist einfach ihr Logo zu sehen: Zentrum. Man kann jetzt natürlich sagen: Ich habe einen Knall, wenn ich darin ein Problem sehe – das ist doch etwas völlig Harmloses.
Aber genau darin liegt diese graduelle Normalisierung im Alltag der Beschäftigten: durch einen Gebrauchsgegenstand, der nützlich ist. Ein stabiler Karabiner ist ja tatsächlich etwas, das man gebrauchen kann.
Und dann handelt es sich eben nicht um ideologische Agitation, die sich vielleicht an bereits Überzeugte richtet und andere eher abschreckt. Sondern es ist ein kleines, praktisches Alltagszeichen.
Und genau das ist letztlich viel wirksamer, weil es viel niedrigschwelliger ansetzt und trotzdem dauerhaft brandet – also eine Marke einführt und diese Marke zum Teil des Alltags werden lässt.
Der Pausenraum als demokratischer Ort
Benjamin-Immanuel Hoff: Gerd, du hast unter anderem in den Blättern für deutsche und internationale Politik, die wir hier monatlich im Podcast vorstellen, einen Text geschrieben, der sich mit dem rechten Aufstieg und dem Druck auf Gewerkschaften auseinandersetzt.
Darin verknüpfst du drei Dynamiken, die den Resonanzraum für rechte Angebote im Betrieb erklären können. Erstens die Erosion des Aufstiegsversprechens – also die Vorstellung: Wenn man hart arbeitet, kann man aufsteigen. Zweitens eine symbolische Entwertung industrieller Arbeit im Transformationsdiskurs – das ist das, was wir als Entehrung diskutieren und was interessanterweise an Debatten erinnert, die wir im vergangenen Jahr anhand der Bauernproteste geführt haben. Und drittens den Verlust von Selbstwirksamkeitswahrnehmung bei vielen Beschäftigten.
Dort, wo kollektive Strukturen fehlen, werden Kränkungs- und Ohnmachtserfahrungen – so sagst du – in Ressentiments überführt und nicht in soziale Kämpfe.
Warum greifen klassische sozial- und gewerkschaftspolitische Gegenargumente in so einer Situation so häufig ins Leere – selbst dort, wo die soziale Unsicherheit objektiv hoch ist und man doch annehmen müsste, dass eine klassische gewerkschaftliche Antwort plausibel wäre?
Gerd Wiegel: Ja, das ist eine Frage, die mich tatsächlich bis heute umtreibt. Die haben wir uns auch sehr intensiv gestellt. Aber ich nehme zur Kenntnis, dass wir manchmal eine zu mechanistische Vorstellung davon haben, dass Menschen in schlechten, prekären sozialen Lagen automatisch Gewerkschaften als Schutzraum begreifen oder progressive Parteien wählen, die für Umverteilung und die soziale Frage stehen. So einfach scheint es nicht zu sein.
Wir haben in den letzten drei Jahren sehr viele Materialien erstellt, mit denen wir versucht haben nachzuweisen, dass die AfD gerade keine Partei der Beschäftigten ist, sondern ein Feind der Arbeiterinnen und Arbeiter – so heißt es ja auch auf der DGB-Homepage.
Und wir behaupten das nicht nur, sondern weisen es ziemlich akribisch nach: Die AfD ist gegen Tarifbindung, sie unterstützt den Mindestlohn nicht, sie will das Streikrecht einschränken – also lauter Positionen, die gegen die Interessen der Beschäftigten stehen.
Diese Materialien haben wir unseren Leuten in den Gewerkschaften an die Hand gegeben, damit sie in den Betrieben damit argumentieren können.
Wenn wir uns aber das Ergebnis anschauen, sehen wir: Die AfD ist nach wie vor – oder sogar in steigendem Maße – bei Menschen, die sich selbst als Arbeiterinnen und Arbeiter verstehen, die stärkste politische Kraft.
Das heißt: Diese einfache Ableitung – du hast bestimmte materielle Interessen, also bist du für uns erreichbar – funktioniert offensichtlich nicht .
Ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass viele Menschen den Eindruck haben, dass Gewerkschaften und linke progressive Parteien ihre materiellen Interessen in den vergangenen Jahren eben nicht in dem Maße durchgesetzt haben, wie die Menschen die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen wahrnehmen.
Und insofern erscheinen andere ideologische Angebote plausibler, nämlich rechte Angebote. Die argumentieren stark mit nationaler oder ethnischer Konkurrenz. Sie sagen: Wenn die ganzen Leute, die in den letzten Jahren hierhergekommen sind, nicht da wären, dann würde es jedem Einzelnen besser gehen.
Wenn uns die Politik sagt, der zu verteilende Kuchen werde kleiner, dann klingt es für manche offenbar logisch zu sagen: Dann sollen besser weniger Leute von diesem Kuchen etwas abbekommen.
Diese rechten Argumentationen scheinen also näher an der Alltagswahrnehmung vieler Menschen zu sein, weil die Versprechungen, die linke Parteien und teilweise auch Gewerkschaften machen – etwa bessere Lohnabschlüsse zu erzielen oder Reallohnverluste auszugleichen –, in den Augen vieler in den letzten Jahren eben nicht funktioniert haben.
Wir haben uns deshalb auch gefragt, auf wen wir mit unseren Argumentationen eigentlich zielen.
Wir haben uns in den letzten Jahren sehr stark darauf konzentriert, Kolleginnen und Kollegen zurückzuholen, die nach rechts abgewandert sind oder für Pseudogewerkschaften wie Zentrum ansprechbar sind.
Meine Erfahrung aus den letzten zwei Jahren ist aber, dass das nur in sehr eingeschränktem Maße funktioniert.
Deshalb versuchen wir inzwischen stärker, nicht nur die in den Blick zu nehmen, die schon längst nach rechts gegangen sind, sondern zu fragen: Wie stärken wir die Kolleginnen und Kollegen, die diese Rechtswende noch nicht mitgemacht haben, die aber im Betrieb mit Kollegen konfrontiert sind, die ihnen ständig ihre AfD-Sprüche entgegenschleudern? Wie machen wir diese Leute stark? Welche Argumente geben wir ihnen mit, damit sie diese weitere Rechtsentwicklung nicht unterstützen?
Daphne Weber: Mich würde total interessieren, Gerd: Wie habt ihr denn versucht, die Leute zu erreichen, die schon gewissermaßen drüben sind oder bereits abgewandert sind?
Gerd Wiegel: Wir haben in Absprache mit den Mitgliedsgewerkschaften sehr viel Material produziert, das die Kolleginnen und Kollegen nutzen können, die als Betriebsräte oder Gewerkschaftssekretäre in die Betriebe gehen.
Sie haben gesagt: Was wir brauchen, sind kurze, knappe Materialien, in denen durchargumentiert wird, worin der materielle Gegensatz besteht – also: Wo steht die AfD, wo stehen wir mit unseren gewerkschaftspolitischen Themen?
Kurz und knapp, nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern an konkreten Beispielen aus den Parlamenten: Was machen die dort eigentlich? Was schlagen sie vor?
Das haben wir gemacht.
Ehrlicherweise muss ich aber sagen: Ich weiß gar nicht genau, wie stark diese Materialien dann tatsächlich genutzt wurden, um in die betriebliche Diskussion zu gehen.
Denn uns wird aus den Gewerkschaften immer wieder gespiegelt, dass viele Kolleginnen und Kollegen sagen: Ich versuche diese Themen möglichst zu vermeiden. Wenn ich – klassisch oder klischeehaft gesagt – in Ostdeutschland, etwa in Ostsachsen, mit Belegschaften zu tun habe, von denen ich weiß, dass 60 Prozent AfD wählen, dann will ich nicht in eine Diskussion gehen, die ich von vornherein verloren glaube.
Auf der anderen Seite gab es sehr wohl die Verabredung mit den Mitgliedsgewerkschaften, dieses Thema stärker auf die betriebliche Ebene zu tragen. Das wurde auch versucht.
Aber meine Schlussfolgerung nach zwei Wahlzyklen – Bundestagswahl und die Landtagswahlen 2024 in Thüringen, Sachsen und Brandenburg – wäre, dass das nicht so einfach funktioniert, wie wir es uns anfangs vorgestellt haben.
Und ich glaube, das hat auch mit der Zielgruppe zu tun. Entweder sind Menschen ideologisch schon lange bei der extremen Rechten verankert – oder ihre Motivation, zur extremen Rechten zu gehen, ist eben nicht die materielle Frage, die wir adressieren, sondern etwas anderes.
Deshalb kommen wir dort offensichtlich schwerer heran. Und deswegen überlegen wir gerade, ob es nicht sinnvoller ist, diejenigen stärker in den Blick zu nehmen, die noch ansprechbar sind.
Mein Bild ist immer der Pausenraum. Ich denke dann: Wer hält dort eigentlich dagegen, wenn der bekannte Rechte im Betrieb seine Sprüche klopft?
Diesen Leuten würde ich gern Argumente mitgeben, kurze Schlagworte, mit denen sie etwas entgegenhalten können – Menschen also, die sich bisher ihren Teil denken, aber lieber still bleiben. Das ist im Moment unser veränderter Blick.
Daphne Weber: Das finde ich total sinnvoll. Also die Leute zu stärken, die aufstehen, und die Schwankenden zu überzeugen – und nicht die eingefleischten Rechten. Ja, total.
Umdeutung von Solidarität und rechte Narrative gegen die Einheitsgewerkschaft
Benjamin-Immanuel Hoff: In deiner Untersuchung, Daphne, steht im Zentrum die sogenannte alternative Gewerkschaft Zentrum Automobil.
Du hast dich dabei vor allem auf den industriellen Sektor konzentriert. Diese Organisation inszeniert sich als die wahre Interessenvertretung der Beschäftigten – in scharfer Abgrenzung vor allem zur IG Metall. Die IG Metall wird als korrupt, elitär und managementnah dargestellt.
Auffällig ist dabei zweierlei: Zum einen wird der klassische Konflikt zwischen oben und unten, also zwischen Kapital und Arbeit, systematisch verschoben. Zum anderen wird die Gewerkschaft – in diesem Fall etwa die IG Metall – als ein Elitenprojekt „der da oben“ dargestellt.
Wie funktioniert diese Umdeutung von Solidarität und diese Denunziation der Mehrheitsgewerkschaft als exklusive, elitäre Gemeinschaft, die die Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiter verrät?
Daphne Weber: Ich würde sagen, dass Solidarität nie einfach eine gegebene Ressource ist, sondern immer in der Praxis aktiv hergestellt wird. Solidarisch zu sein – wir benutzen dieses Wort sehr oft, auch in der Gewerkschaftssprache – ist, glaube ich, gar nicht so niedrigschwellig, wie wir manchmal denken, sondern eher kompliziert. Es ist mittlerweile ein bildungssprachliches Wort, auch wenn das vielleicht einmal anders war.
Was wir mit Solidarität bezeichnen, ist ein Prozess, in dem immer wieder neu ausgehandelt werden muss, wer zu dieser Gemeinschaft gehört, mit der man solidarisch ist, wer zu diesem Kollektiv dazugehört und wer eben nicht. Das ist immer umkämpft. Gerd hat das mit der Statussicherung schon angesprochen.
Es ist eben nicht so, dass es uns automatisch besser ginge, wenn man Migrantinnen und Migranten abschiebt, weil es dann angeblich mehr für „uns“ gäbe. Das wäre eine bestimmte Antwort auf die Frage, wohin Solidarität gerichtet wird.
Oder man wählt einen inklusiven Ansatz und sagt: Wir machen keinen Unterschied zwischen denen, die schon seit Generationen hier leben, und denen, die neu angekommen sind. Wir machen keinen Unterschied zwischen Stammbelegschaften und Leiharbeitern. Wir treten für alle ein. Wir machen keinen Unterschied zwischen Geschlechtern, Branchen, Hautfarben, Herkünften oder Religionen.
Das ist also nie statisch gegeben, sondern immer Ergebnis von Auseinandersetzungen.
Und wenn man sich die Umkodierung von Solidarität und Gemeinschaft durch die extreme Rechte anschaut, dann ist bei Zentrum zum Beispiel gar nicht so klar definiert, wer dazugehört und wer nicht. Sie setzen relativ offensiv Kolleginnen und Kollegen aus ihren aktiven Strukturen ein, die etwa türkeistämmig oder schwarz sind, um dem Vorwurf zu begegnen, sie verträten rechte oder rassistische Positionen.
Der Widerspruch bleibt aber bestehen: Einerseits arbeiten sie mit der AfD zusammen – und vor allem mit deren äußerst rechtem Teil – sowie mit der Neuen Rechten um Elsässer und Co. Andererseits versuchen sie in ihrer Öffentlichkeitsarbeit mit solchen „Tokens“ den gegenteiligen Eindruck zu erzeugen.
Gleichzeitig tun sie – und darauf hat Gerd schon hingewiesen – Dinge, die eigentlich nicht im Interesse der Beschäftigten sind. Ich habe das Tariftreuegesetz bereits angesprochen.
Im Grunde gilt Ähnliches auch für die Klimakrise. In der sozial-ökologischen Transformation muss etwas passieren – ökologisch und zugleich sozial abgesichert. Es ist keine Lösung, das Thema einfach zu ignorieren. Also auch da handeln sie nicht im Interesse der Beschäftigten.
Sie kooperieren mit der AfD, die den Sozialstaat abbauen und Arbeitnehmerrechte massiv beschneiden will.
Aber Gerd hat die Probleme, die damit einhergehen, schon benannt: Offensichtlich ist das manchen Menschen, die Arbeiter sind und zugleich AfD wählen, trotzdem egal – oder jedenfalls nicht ausschlaggebend –, obwohl die AfD sie konkret schlechterstellen würde.
Das ist ein Problem, das wir hier heute sicher nicht auflösen werden. Aber es ist eines, das kontinuierlich bearbeitet werden muss.
Benjamin-Immanuel Hoff: Diese Erzählung von den DGB-Gewerkschaften als Partner der Eliten und damit als Feind der Arbeiterinnen und Arbeiter – nimmst du die, Gerd, in deiner Arbeit im DGB auch außerhalb der IG Metall wahr? Ist das auch ein Thema etwa für Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes oder in anderen industriellen Sektoren?
Gerd Wiegel: Ja, ich glaube, diese Wahrnehmung gibt es schon in größeren Teilen. Ich kann das für die einzelnen Mitgliedsgewerkschaften nicht im Detail ausbuchstabieren, weil ich dafür zu wenig Einblick habe, was ihnen jeweils konkret entgegenschlägt.
Aber natürlich gibt es diese Kritik. Die gab es früher auch von links, wird jetzt aber von rechts in einer ganz anderen Weise besetzt: Gewerkschaften oder auch der DGB seien zu nah an Regierungspolitik, stünden nicht wirklich in Opposition zu dem, was dort an sozialpolitischen Zumutungen beschlossen wird, und hätten sich zu eng an die Sozialdemokratie gebunden.
All diese Vorwürfe kennen wir. Und sie verfangen, glaube ich, besonders gut, wenn ohnehin ein starkes Misstrauen gegenüber etablierter Politik besteht. Und das sehen wir ja seit vielen Jahren.
Wenn Gewerkschaften es dann – aus verschiedenen Gründen, von denen ich manche durchaus nachvollziehen kann – nicht schaffen, deutlich zu machen, wo sie auch im Gegensatz oder in Opposition zu etablierter Regierungspolitik stehen, dann werden sie sehr schnell in dieses Elitennarrativ eingemeindet und mit dem Etikett versehen: denen ist nicht zu trauen.
Das muss aber nicht so sein. Gewerkschaften haben immer wieder die Möglichkeit – und zeigen es ja auch in ihrer alltäglichen Praxis –, dass sie tatsächlich Widerstand organisieren können. Sie können das an der Basis, auf der betrieblichen Ebene und durch ihre Vertretungen im Betrieb deutlich machen.
Es ist also ein zwiespältiger Prozess. Einerseits gibt es diese Kritik. Andererseits genießen Gewerkschaften, wenn man Menschen im Betrieb fragt, immer noch ein relativ großes Vertrauen – jedenfalls ein größeres Vertrauen als viele politische Parteien.
Konfliktbereitschaft der Gewerkschaften ausbauen
Benjamin-Immanuel Hoff: An der Universität Jena hat lange Zeit Klaus Dörre zum Arbeiterinnen- und Arbeiterbewusstsein geforscht, insbesondere in ostdeutschen Betrieben, auch in Sektoren der Carbonindustrie.
Eine seiner Schlussfolgerungen ist, dass konkrete betriebliche Kämpfe Erfahrungen von Solidarität und Selbstwirksamkeit hervorrufen – und dass diese Erfahrungen ein wirksames Immuninstrument gegen rechte Narrative und rechte Einflussnahme sein können.
Nun setzen betriebliche Kämpfe auch voraus, dass man vorab analysiert, ob man sie überhaupt gewinnen kann. Deshalb sind Gewerkschaften manchmal zurückhaltender.
Gerd Wiegel: Ich glaube, es würde den Gewerkschaften gut tun, diese Konfliktfähigkeit wieder stärker nach vorn zu stellen. Du hast natürlich recht: Man überlegt immer, in welchen Konflikt man hineingeht. Einen Konflikt zu führen, den man mit hoher Wahrscheinlichkeit verliert, ist problematisch. Denn dann weckt man Erwartungen bei Kolleginnen und Kollegen, von denen man weiß, dass man sie nicht erfüllen kann – oder dass man Teilerfolge auf anderem Wege vielleicht besser erzielen könnte.
Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob jeder verlorene Konflikt wirklich ein verlorener Konflikt ist.
Ich glaube, man kann auch in Konflikte hineingehen, die man gemeinsam führt und im schlechten Fall auch gemeinsam verliert – und trotzdem war das auf der Ebene des gewerkschaftlichen Bewusstseins ein Fortschritt.
Ein sehr gutes Beispiel sind für mich die Streiks bei der CFM, dieser Charité-Tochter. Das ist mir in den letzten zwei Jahren bei Veranstaltungen immer wieder begegnet, weil die Kolleginnen und Kollegen in Berlin sehr präsent waren.
Diese Streiks waren stark von Kolleginnen und Kollegen mit migrantischem Hintergrund geprägt. Sie waren sehr stark eigenbestimmt, über Organizing-Konzepte von ver.di. Man hatte den Eindruck: Da ging es wirklich ums Eingemachte – um existenzielle Fragen, um Einkommen, Arbeitszeiten, Tarifbindung.
Und die Kolleginnen und Kollegen haben diesen Streik sehr lange durchgehalten. Sie haben viel Solidarität erfahren. Ich glaube, das hat im Bewusstsein dieser Beschäftigten sehr viel bewirkt, weil sie gesehen haben: Erstens können wir gemeinsam etwas auf die Beine stellen. Zweitens können wir unsere Situation sichtbar machen. In einer Stadtgesellschaft wie Berlin ist das relativ gut gelungen. Und drittens haben sie am Ende auch Erfolge erzielt. Vielleicht nicht alles, was sie wollten, aber Teile davon.
Und das hat ihnen, glaube ich, gezeigt, dass sie eine Selbstwirksamkeit haben, die sie über einen rein delegierten Verhandlungsweg – also wenn die Gewerkschaft im Hinterzimmer für sie verhandelt – so niemals für sich wahrgenommen hätten.
Neben der migrantischen Komponente, die bei der CFM sehr stark war und Solidarität zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft hervorgebracht hat, war auch wichtig, dass plötzlich Fragen wie: Kommt die Kollegin aus Polen oder aus der Ukraine? Hat sie einen malaysischen Hintergrund? – keine Rolle mehr spielten, weil die gemeinsame Auseinandersetzung im Mittelpunkt stand.
Ich denke, dass solche Erfahrungen für eine gewerkschaftliche Verankerung von Kolleginnen und Kollegen sehr wichtig sind.
Daphne Weber: Das ist auf jeden Fall eine starke Geschichte. Ich glaube, an solchen Erfahrungen zeigt sich auch, wie man aus Ohnmacht ausbrechen kann – aus dem Gefühl, dass sich nichts bewegt, dass sich nichts verbessert –, indem man es selbst in die Hand nimmt. Nach dem Motto: Wir machen das jetzt einfach selbst.
Was mich schon lange umtreibt, ist allerdings dieses regelmäßige Gemäcker nach Tarifabschlüssen: Warum ist das so niedrig? Warum nicht höher? Warum nicht besser? Ver.di macht nichts für uns. Ich nehme das nur als Beispiel.
Dabei ist es ja schon oft mehr, aber eben häufig nicht inflationsausgleichend und nicht alles, was man gefordert hat. Natürlich setzt man in solchen Verhandlungen nicht alles durch – so ist das eben bei Forderungen.
Aber ich frage mich, wie man den Zusammenhang besser verdeutlichen kann, dass man mehr durchsetzt, je stärker man ist.
Also: Wie kommt man von dieser Zuschauerrolle weg – man steht daneben und schaut, was „die von ver.di“ herausholen und was dabei für einen selbst herausspringt – hin zu der Einsicht, dass Gewerkschaft eben kein unbeteiligter Dritter ist, der für „uns“ verhandelt und irgendetwas herausschlägt?
Sie können nur gut verhandeln, wenn sie möglichst viele Mitglieder haben, wenn sie möglichst viele streikbereite Leute haben. Wie legt man diesen Schalter um: Moment mal, Gewerkschaft sind wir alle in diesem Betrieb – und es wird umso besser, je mehr wir sind und je mehr sich dahinterstellen?
Ich glaube, du verstehst, was ich meine: Wie bekommt man diesen Sprung hin, dass Menschen merken: Wenn ihr mit dem Ergebnis unzufrieden seid, dann müsst ihr beim nächsten Mal umso stärker mitmachen, euch beteiligen und mit den Kolleginnen und Kollegen zusammengehen.
Gerd Wiegel: Diese Erfahrung oder Motivation steht natürlich auch im Widerspruch zu dem, was viele – oder wir alle – in den letzten 20 oder 30 Jahren erlebt haben: eine starke Form der Vereinzelung.
Die politische Ideologie des Neoliberalismus – um einmal dieses große Wort zu verwenden – hat ja im Grunde immer das Gegenteil propagiert: Du musst dich selbst durchsetzen, du musst auf dem Markt bestehen, du musst deine Interessen vertreten. Die anderen sind deine Konkurrenten.
Das wurde sehr lange verbreitet – und in gewisser Weise bis heute. Und das macht sich natürlich auch unter Beschäftigten bemerkbar. Ich habe den Eindruck, dass davon sehr viel ins Bewusstsein von Kolleginnen und Kollegen eingesickert ist.
Ein Beispiel: Ich habe 2004/2005 in Thüringen gearbeitet. Als ich dort anfing, liefen die Hartz-IV-Proteste. Der DGB war ständig unterwegs und organisierte Demonstrationen. Da kamen übrigens auch Rechte hin. Aber vor allem waren das gewerkschaftliche Demos, die gerade in Ostdeutschland eine gute Resonanz hatten. Daraus entstand eine richtige Bewegung.
Heute hat die Sozialdemokratie Schwierigkeiten, das Bürgergeld zu verteidigen – und zwar sogar gegenüber ihren eigenen Wählerinnen und Wählern, also auch gegenüber Leuten aus den Betrieben. Die sagen dann: Das sind Menschen, die leistungsloses Einkommen bekommen.
Da ist in diesen zwanzig Jahren etwas passiert, das, glaube ich, tief in die Köpfe eingesickert ist. Und das ist offensichtlich auch ein Hinderungsgrund dafür, sich zu organisieren und in Gewerkschaften zu gehen. Denn diese Vorstellung – gemeinsam setzen wir für alle mehr durch –, die ist offenbar sehr weit weg.
Benjamin-Immanuel Hoff: Das führt mich in gewisser Hinsicht schon fast zu meiner Abschlussfrage: Was folgt daraus praktisch?
Was müssten Gewerkschaften, Betriebsräte, aber auch politische Bildung und gewerkschaftliche Bildung kommunikativ, organisatorisch und strategisch anders machen, um dieser Entwicklung wirksam zu begegnen?
Daphne, ich würde dich zunächst bitten, auch mit Blick auf deine Studie zu sagen: Was sind wirksame Kommunikationsformen? Kann man von rechts in diesem Feld überhaupt etwas lernen? Oder kann man von ihnen gar nichts lernen und muss einfach selbst besser werden?
Und Gerd würde ich anschließend gern fragen, was daraus folgt, wie man einem gesellschaftlich-neoliberalen Narrativ entgegentritt – vermutlich eine Arbeit von ebenfalls zwanzig Jahren.
Daphne Weber: Ich sage immer: Wir müssen diese rechten Projekte auf Betriebsebene ernst nehmen. Wir müssen sie analysieren, wir müssen hinschauen. Aber wir sollten auch die Kirche im Dorf lassen und uns nicht verrückt machen.
Gemessen an der Stärke der DGB-Gewerkschaften ist das alles marginal. Wir haben in Deutschland starke Gewerkschaften. Wir haben einen Gewerkschaftsbund, der auch aus den Erfahrungen von 1933 bis 1945 gelernt hat. Und dieses jahrzehntelange Know-how, diese Stärke der Organisierung, die materiellen und immateriellen Ressourcen – das lässt sich nicht von heute auf morgen von rechten Akteuren aufbauen und auch nicht so leicht herausfordern.
Gleichzeitig würde ich dafür plädieren, aus der Beschäftigung mit Zentrum als Beispiel organisierter rechter Listen vor allem auf die Erfolgsgeschichten zu schauen, die in Gewerkschaften entstehen und entstanden sind – und diese Geschichten selbstbewusst zu erzählen.
Also sehr viel stärker mit Menschen zu arbeiten, die in Konflikten waren, die von diesen Konflikten erzählen, die berichten, was sie daraus gelernt haben, die Beispiele der Hoffnung sind – und das möglichst einfach und nahbar zu erzählen. Am besten durch die Menschen selbst, die Gewerkschaft im Betrieb und darüber hinaus tatsächlich leben. Weniger Fachsprache, mehr zum Herzen sprechen.
Und ich glaube, dabei können wir auch soziale Medien offensiv nutzen – auch wenn wir gleichzeitig für ihre Entprivatisierung und Regulierung eintreten. Aber diese Medien stärker zu umarmen und für die Geschichten zu nutzen, die Gewerkschaften eigentlich erzählen wollen, halte ich für sinnvoll.
Gerd Wiegel: Selbstbewusstsein ist ein schönes Stichwort. Daran kann ich gut anknüpfen. Das ist in der Tat wichtig, gerade in einer Situation, in der einem politisch oft ein starker Gegenwind ins Gesicht weht. Ich glaube, es ist wichtig, genau diese Geschichten zu erzählen, daraus Selbstbewusstsein zu schöpfen und auch eine eigene Sicherheit in der eigenen Positionierung zu gewinnen.
Nur wenn man von dem, was man selbst macht, überzeugt ist, kann man auch andere begeistern. Das ist, glaube ich, für Gewerkschaften ganz wichtig.
Wir hatten im letzten Jahr eine Veranstaltung zu 70 Jahren Anwerbeabkommen mit Italien. Da haben Gewerkschaftskolleginnen und -kollegen der ersten Stunde erzählt, wie sie in die Gewerkschaft gekommen sind. Da spürte man den ganzen Stolz, Teil einer großen Bewegung zu sein – etwas, das sie lange getragen hat. Und die Jüngeren saßen mit leuchtenden Augen da.
Das war so ein Moment, in dem man sieht, wie auch eine lange Geschichte ein Pfund ist, mit dem man wuchern kann. Dann geht es aber natürlich auch darum, neue Kolleginnen und Kollegen zu gewinnen.
Ich hatte vorhin die CFM erwähnt. Ein guter Freund von mir, mit dem ich studiert habe, arbeitet als Krankenpfleger in Mainz. Er war schon immer ver.di-Mitglied – aber eher mit Karteileichencharakter, wie viele.
Durch die Auseinandersetzung um einen Entlastungstarifvertrag wurde er plötzlich mobilisiert, weil dort Gruppen in seiner Abteilung gebildet wurden. Dann wurde er angeschrieben: Komm, wir legen unsere Forderungen fest. Es wurde immer wieder in die Gruppen zurückgebunden, was der Verhandlungsstand ist. Also dieses Organizing-Konzept.
Und das war für ihn eine völlig neue Erfahrung, weil er sagte: Auf einmal konnte ich selbst mitentscheiden. Ich wusste, was da drin verhandelt wird. Ich wurde als Erster informiert – natürlich innerhalb der Gruppe.
Das war für ihn sehr motivierend. Seitdem erzählt er mir ständig, was bei ver.di gerade läuft und was dort gemacht wird.
Das ist nur eine kleine Erfahrung, aber für mich ein deutlicher Hinweis: Wenn man Kolleginnen und Kollegen einbindet, anspricht und ihre Kompetenz in ihrem Arbeitsfeld ernst nimmt, dann erhöht das die Motivation, sich selbst aktiv einzubringen.
Und vielleicht noch ein letzter Punkt: Ich arbeite ja auch im Bereich der Migrationspolitik. Ich arbeite dort immer mit Kolleginnen und Kollegen von ver.di, der IG Metall und anderen Mitgliedsgewerkschaften zusammen.
Gerade die beiden großen Gewerkschaften haben eigene migrationspolitische Arbeitskreise, und da machen sie, wie ich finde, sehr gute Arbeit. Die IG Metall sagt immer von sich: Wir sind die größte migrationspolitische Organisation in diesem Land. Dort sind sehr viele Leute organisiert. Sie machen spezifische Arbeit mit Betriebsräten mit Migrationsgeschichte.
Das heißt: Sie geben diesen Kolleginnen und Kollegen Selbstbewusstsein und organisieren auf diese Weise sehr viele Menschen. Und das strahlt wiederum in die ganze Organisation hinein – auch auf andere Kolleginnen und Kollegen.
Ich glaube, das sind Möglichkeiten, Gewerkschaft wieder stärker als eine Form politischer Heimat zu etablieren.
Und in Zeiten wie diesen, in denen viele Menschen sich fragen, wo ihre politische Heimat eigentlich ist, ist das ein wichtiges Pfund, mit dem wir stärker wuchern sollten.
Benjamin-Immanuel Hoff: Dem stimme ich absolut zu. Liebe Daphne, lieber Gerd, vielen Dank, dass ihr heute meine Gäste wart. Wir werden diese Form gewerkschaftlicher Fragestellungen in Kunst der Freiheit weiter begleiten. Und ich würde mich freuen, euch in der einen oder anderen Sendung wieder als Gästin beziehungsweise Gast begrüßen zu dürfen.