17.04.2026
Benjamin-Immanuel Hoff / Maximilian Strötzel

Energieunabhängig wird Deutschland nur durch Erneuerbare

Foto: panthermedia_zstockphotos

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche wird nicht müde anzuecken. Sei es mit provokanten Vorschlägen zur Sozialpolitik, mit harscher medialer Kritik am Koalitionspartner SPD oder mit der dauerhaften Infragestellung von Klimazielen und der Energiewende.

In einem Gastbeitrag „Schluss mit der Selbsttäuschung in der Energiepolitik“ in der FAZ argumentiert sie, dass die deutsche Energiepolitik systematisch die Kosten und Risiken der Energiewende verharmlose. Dies läge daran, dass die handelnden Akteure sich an klimapolitischen Zielzahlen klammern würden, ohne die tatsächlichen Systemkosten zu berücksichtigen. Der schnelle Ausbau erneuerbarer Energien bei gleichzeitig schleppendem Netzausbau führe zu hohen Strompreisen, wachsender Unsicherheit und gefährde die industrielle Wettbewerbsfähigkeit. Sie fordert daher eine energiepolitische Kurskorrektur mit stärkerem Fokus auf Effizienz, Versorgungssicherheit und Kostenbegrenzung, statt auf aus ihrer Sicht politisch motivierte Zielvorgaben. Dazu verweist die Bundeswirtschaftsministerin auf hohe Strompreise, auf die zeitliche Asymmetrie zwischen schnell errichteten Solarparks und langsam ausgebauten Netzen sowie auf die Gefahr einer schleichenden Deindustrialisierung.

Diese Diagnose greift reale Probleme auf – insbesondere die unzureichende Synchronisierung von Erzeugung, Netzinfrastruktur und Flexibilitätsoptionen. Doch sie bleibt analytisch verkürzt, weil sie zentrale systemische, fiskalische und geopolitische Dimensionen der Energiepolitik ausblendet.

Die Kosten der Energiewende

Die Darstellung konzentriert sich stark auf sichtbare Strompreise, ohne die Zusammensetzung dieser Preise ausreichend zu differenzieren. Ein erheblicher Teil der Belastung für Haushalte und Industrie resultiert nicht aus den Erzeugungskosten erneuerbarer Energien – die aufgrund ihrer niedrigen Grenzkosten preisdämpfend wirken –, sondern aus Netzentgelten, Abgaben und Umlagen. In der aktuellen Koalition wird selbst daran gearbeitet, Teile der Kosten des Netzaus- und -umbaus aus den Netzentgelten herauszulösen und steuerlich oder haushalterisch zu finanzieren. Zudem wurden zuletzt milliardenschwere Zuschüsse zu den Netzentgelten sowie Entlastungen bei der Stromsteuer für die Industrie beschlossen. Wer steigende Strompreise allein der Energiewende zuschreibt, unterschlägt diese strukturellen Effekte.

Hinzu kommt ein Aspekt, der in Reinpreisdebatten systematisch fehlt: Fossile Energieträger verursachen massive externe Kosten – durch Klimaschäden, Gesundheitsbelastungen und sicherheitspolitische Risiken. Während die für den Komplettumbau der Energieinfrastruktur notwendigen Investitionen enorm hoch, aber zeitlich begrenzt sind, wirken externe Risiken durch fossile Betriebsstoffe dauerhaft. Die Abhängigkeit von Energieimporten und binden erhebliche volkswirtschaftliche Mittel. Bereits heute spart Deutschland durch den bestehenden Anteil erneuerbarer Energien jährlich einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag an fossilen Importkosten ein. Eine betriebswirtschaftliche Betrachtung einzelner Strompreiskomponenten greift daher zu kurz; sie verkennt die volkswirtschaftlichen Kosten der Alternativen.

Auch das häufig angeführte Argument der zeitlichen Asymmetrie zwischen dem schnellen Ausbau von Photovoltaik und dem langsameren Netzausbau ist sachlich zutreffend, aber analytisch unvollständig. Es handelt sich um ein Koordinationsproblem, nicht um ein Übermaß an erneuerbarer Erzeugung. Engpässe im Netz verweisen auf Defizite in Planung, Regulierung und Systemintegration. Genau hier hat die Bundesregierung wiederholt Handlungsbedarf identifiziert, ohne bislang alle vereinbarten Maßnahmen konsequent umzusetzen: etwa zur besseren Netzauslastung („Nutzen statt Abregeln“), zum beschleunigten Smart-Meter-Rollout, zur stärkeren Einbindung von Prosumern oder zur Erleichterung von Überbauung und sektorübergreifender Nutzung hinter dem Netzverknüpfungspunkt.

Ein Argument, das Bundesministerin Reiche bemerkenswerterweise nicht bemüht, ist die Kostenineffizienz des Netzausbaus durch private Investoren. Netze sind natürliche Monopole, ein Markt hier nicht darstellbar und private Investoren keinem Wettbewerb ausgesetzt. Die nach Energiewirtschaftsgesetz von der Bundesnetzagentur ausgegebene Zielrendite für Netzinvestitionen werden überschritten. Gleichzeitig ist die Dynamik im Netzausbau nach wie vor mangelhaft. Ein staatlich koordinierter und finanzierter Ausbau könnte effizienter, zielgerichteter und entlang regionaler entwicklungs- und beschäftigungspolitischer Rationalitäten organisiert werden und würde zusätzlich preisdämpfend auf die Netzentgeltentwicklung wirken.

Kritik an ausbleibender Regulierung

Ebenfalls in der FAZ hat die energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Nina Scheer auf die Bundeswirtschaftsmninisterin geantwortet: "Was Ministerin Reiche unterschlägt, verschweigt und unterlässt". Darin weist Scheer auf die auch von uns benannten Leerstellen hin und rückt das Bild der Bundeswirtschaftsministerin deutlich zurecht. Sie kritisiert insbesondere, dass Ziele wie 80 Prozent erneuerbarer Strom bis 2030 oder Klimaneutralität 2045 rhetorisch delegitimiert werden, während zugleich die gesetzgeberischen und marktlichen Voraussetzungen für ihre Erreichung nicht mit der gleichen Entschlossenheit vorangetrieben werden. Ziele sind nicht selbstwirksam – sie benötigen konsistente Instrumente, verlässliche Rahmenbedingungen und eine klare Marktarchitektur. Das gilt auch für die seit Langem angekündigte Kraftwerksstrategie, deren gesetzliche Ausgestaltung bislang aussteht.

Problematisch ist in diesem Zusammenhang auch die Debatte um einen Ausbaustopp oder Vorbehalte gegenüber weiteren erneuerbaren Kapazitäten bei Netzengpässen. Ohne verlässliche Regelungen zur Entschädigung nicht einspeisbaren Stroms würden Investitionen in erneuerbare Erzeugung und Speicher gleichermaßen ausgebremst. Der bestehende Rückstau von Speicheranschlussbegehren zeigt, dass der Hochlauf von Flexibilität unmittelbar an einen ambitionierten Ausbau erneuerbarer Energien gekoppelt ist. Wer diesen Ausbau dämpft, schwächt damit auch den zentralen Hebel zur Senkung von Systemkosten und zur Reduktion von Erdgasabhängigkeiten.

Ähnlich verkürzt ist die Gegenüberstellung von erneuerbaren Energien und Versorgungssicherheit. Deutschland weist weiterhin eine der höchsten Versorgungssicherheiten weltweit auf. Die Herausforderungen durch volatile Einspeisung sind real, aber technisch und ökonomisch adressierbar – durch europäische Marktintegration, Speicher, flexible Nachfrage und einen marktbasierten Kapazitätsmechanismus. Die Fixierung auf Redispatchkosten blendet dabei aus, dass erneuerbare Energien insgesamt erhebliche System- und Importkosten vermeiden.

In diesem Sinne kritisierten bereits im Februar 2026 die IG Metall Küste und die Betriebsräte aus der gesamten Windenergiebranche die Pläne von Bundeswirtschaftsministerin Reiche in einer gemeinsamen Erklärung: „Die Reformpläne der Bundesregierung zur Energiewende bremsen den Ausbau der Erneuerbaren, machen Strom teurer und lösen nicht die vorhandenen Probleme. Wir brauchen endlich den Ausbau der Stromnetze! Der Vorrang für erneuerbare Energien muss beibehalten werden!

Wir brauchen Planungs- und Investitionssicherheiten, damit die Windkraft die deutsche Energieunabhängigkeit sichert, den Anforderungen der Elektrifizierung der Industrie Rechnung trägt und ihre Beschäftigungspotenziale voll entfalten kann. Ministerin Reiches Pläne erzeugen das Gegenteil und ein Fadenriss in dieser Zukunftsbranche wird wahrscheinlicher.“

Das Fazit von Gewerkschaft und Betriebsräten: „Wir brauchen Rückenwind statt Gegenwind beim Ausbau der Windenergie!“ 

Der Irankrieg ist eine energiepolitische Zeitenwende

Am deutlichsten unterschätzt Reiches Argumentation jedoch die geopolitische Dimension von Energiepolitik. Spätestens seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ist klar, dass fossile Abhängigkeiten nicht nur ein Preis-, sondern ein Sicherheitsproblem darstellen. Globale Spannungen und potenzielle Störungen zentraler Handelsrouten verschärfen diese Verwundbarkeit. In diesem Kontext ist die Energiewende kein idealistisches Projekt, sondern eine strategische Antwort auf externe Abhängigkeiten und geopolitische Erpressbarkeit.

Für die Industrie ergibt sich daraus eine deutlich differenziertere Perspektive. Maßgeblich ist nicht allein das aktuelle Preisniveau, sondern die Erwartung stabiler und verlässlicher Rahmenbedingungen. Investitionen in Elektrifizierung, klimaneutrale Produktionsprozesse und Wasserstoff sind langfristig angelegt. Hier liegt eines der größten Defizite der deutschen Energiepolitik: die wiederholte Veränderung von Zielen, Instrumenten und Regulierung. Diese politische Volatilität wirkt selbst als Investitionshemmnis.

Vor diesem Hintergrund verschiebt sich der Fokus der Debatte. Die zentrale Herausforderung besteht nicht darin, den Ausbau erneuerbarer Energien zu relativieren, sondern darin, das Energiesystem konsistent weiterzuentwickeln – infrastrukturell, regulatorisch und industriepolitisch. Dazu gehören beschleunigter Netzausbau, ein verlässlicher Rahmen für Speicher und Flexibilität sowie eine klar definierte Kraftwerks- und Marktdesignstrategie.

Verlässlichkeit durch überparteilichen Energiewendekonsens

Strategisch entscheidend ist dabei ein politischer Grundkonsens. Solange energiepolitische Grundentscheidungen mit jedem Regierungswechsel infrage gestellt werden, bleibt das System strukturell instabil. Ein über Legislaturperioden tragfähiger Konsens über Ausbaupfade, Infrastrukturprioritäten und industriepolitische Leitlinien würde Planungssicherheit schaffen und Investitionen erleichtern.

Deshalb ist es notwendig, dass die schwarz-rote Bundesregierung einen energiepolitischen Grundkonsens unter Einbeziehung der Opposition formuliert. Ein solcher Konsens würde zentrale Leitlinien – etwa Ausbaupfade, Infrastrukturprioritäten und industriepolitische Zielsetzungen – über Legislaturperioden hinweg absichern und damit die Voraussetzung für langfristige Investitionen schaffen.

Ein solcher Schritt erfordert Bewegung auf allen Seiten: Die Befürworter der Energiewende müssen die Anforderungen von Industrie und Systemintegration stärker berücksichtigen; ihre Kritiker müssen die Notwendigkeit der Dekarbonisierung und die sicherheitspolitische Dimension der Energiefrage anerkennen. Der Gewinn eines solchen Konsenses liegt nicht in der Aufhebung politischer Unterschiede, sondern in der Stabilisierung strategischer Grundlagen.

Kurzum: Die Energiewende ist weder ein gescheitertes Projekt noch ein bloßes Kostenproblem. Sie ist ein industriepolitisches Transformationsprojekt unter Bedingungen geopolitischer Unsicherheit. Ihre Schwächen liegen weniger im Ziel als in der Umsetzung und in der mangelnden politischen Verlässlichkeit. Die entscheidende Aufgabe besteht darin, genau diese Verlässlichkeit herzustellen – technisch, ökonomisch und politisch.

 

Benjamin-Immanuel Hoff leitet das Ressort Grundsatzfragen & Gesellschaftspolitik und Maximilian Strötzel das Ressort Industriepolitik beim Vorstand der IG Metall. Beide geben hier ihre persönliche Meinung wieder.