11.04.2026
Benjamin-Immanuel Hoff

Widersprüchlicher Alltagsverstand

Die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz waren nicht weniger als ein Beben. Den Grünen gelang es als erster Partei seit der Gründung der Bundesrepublik, jenseits von SPD und Union einen Ministerpräsidentenposten auch über den erstmaligen Amtsinhaber hinaus zu gewinnen. Die SPD sicherte in Baden-Württemberg ihren Verbleib im Landtag denkbar knapp mit 5,5 Prozent. Ob ihr dies in Sachsen-Anhalt am 6. September ebenfalls gelingen oder sie zum ersten Mal aus einem Landtag herausgewählt wird, ist gegenwärtig offen.

In Rheinland-Pfalz gelang es dem Sozialdemokraten Alexander Schweitzer nicht, die Staatskanzlei für die SPD zu halten. Nach 35 Jahren zieht erneut die CDU ein, die von der Gründung des Landes bis 1991 dort amtierte. Damit wird das seit einigen Jahren fast zum Naturgesetz erhobene Diktum durchbrochen, dass populäre Amtsinhaber*innen ihre Parteien nach oben ziehen. Dies wirft einen Schatten auf die Wahlkämpfe in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern – im Nordosten wird am 20. September parallel zu Berlin gewählt.

In beiden südwestdeutschen Ländern ist die AfD nunmehr drittstärkste Partei: in Baden-Württemberg mit 18,8 Prozent und in Rheinland-Pfalz mit 19,5 Prozent. Entgegen der immer noch verbreiteten Fehlannahme, die AfD würde vor allem aus Enttäuschung über die anderen Parteien gewählt, ist der Anteil der Überzeugungswähler*innen deutlich gestiegen. Gaben 2016 noch knapp zwei Drittel der AfD-Wähler*innen in Rheinland-Pfalz der Partei aus Enttäuschung die Stimme, waren dies 2026 nur noch 40 Prozent, während fast die Hälfte aus Überzeugung ihr Kreuz machte.

Die IG Metall ruft zur Wahl ihrer gewerkschaftlichen Listen auf.

Die von der Forschungsgruppe Wahlen bereitgestellte Analyse zeigt, dass die Zustimmung von Gewerkschaftsmitgliedern zur AfD mit 22,8 Prozent in Rheinland-Pfalz und 23,9 Prozent in Baden-Württemberg höher ausfällt als im Landesschnitt. Dies liegt nicht zuletzt am Wahlverhalten der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter*innen. Sie stimmten in Baden-Württemberg zu 36 Prozent und in Rheinland-Pfalz zu 32,9 Prozent für die AfD. Für eine Reihe von Kommentator*innen liegt daher die Schlussfolgerung nahe: Das männlich-dominierte Industrieproletariat wählt rechts. Schlimm, wenn es so einfach wäre.

Denn parallel zu den Landtagswahlen finden von Anfang März bis Ende Mai die Betriebsratswahlen statt, und die Ergebnisse dort zeigen – auch im Widerspruch zu manch medial geschürter Erwartung – ein anderes Bild. Statt dem prognostizierten Aufstieg rechter Betriebslisten wie des AfD-nahen Vereins »Zentrum« liegen sie in der Automobilindustrie nach bisherigen Auszählungen deutlich unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Vielmehr dominiert hier die IG Metall, die künftig mehr als 80 Prozent der Sitze besetzt.

Auch die Industriegewerkschaft Bergbau Chemie Energie (IG BCE) zeigt sich zufrieden mit dem bisherigen Verlauf. In den meisten Betrieben sei es gelungen, die Wahlbeteiligung gegenüber der vorangegangenen Wahl 2022 zu steigern, und die DGB-Gewerkschaft errang an den großen Standorten Zustimmungswerte zwischen 65 und über 80 Prozent.

Zwei Arenen

Die Lage ist also weder eindeutig noch gibt es das eine gewerkschaftliche Milieu. Gleichzeitig lässt sich der offenbare Widerspruch immerhin deuten, indem zwei Arenen unterschieden werden: Bei der Landtagswahl entscheiden viele Beschäftigte aufgrund einer allgemeinen politischen Stimmungslage: Zukunftsangst, Entwertungserfahrungen, Misstrauen gegenüber Parteien, Migration als symbolisch aufgeladene und bis weit in die politische Mitte hinein instrumentalisierte Konfliktlinie.

Nur 18 Prozent der Wahlberechtigten in Baden-Württemberg schauten Infratest dimap zufolge mit Zuversicht auf die Verhältnisse in Deutschland, 76 Prozent hingegen waren beunruhigt. Rund zwei Drittel sind in großer Sorge, dass die Automobilindustrie in Baden-Württemberg keine Zukunft mehr hat. Sahen bei der Landtagswahl 2021 noch zwei Drittel der Wahlberechtigten das Land Baden-Württemberg gut gerüstet, waren es bei der diesjährigen Wahl weniger als die Hälfte. Knapp die Hälfte sieht das Land gegenwärtig schlecht vorbereitet. In Rheinland-Pfalz stellte sich die Lage ähnlich dar.

Kollektive Handlungsfähigkeit übersetzt sich nicht automatisch in politische Orientierung.

Konkrete Sorgen um die soziale Absicherung im Alltag bestimmten die Wahlen im Südwesten. Rund die Hälfte der Wahlberechtigten befürchtet, im Alter Geldprobleme zu haben, die Rechnungen aufgrund des Preisanstiegs nicht mehr zahlen zu können oder den eigenen Lebensstandard nicht mehr halten zu können. Die CDU verstärkt diese Abstiegsangst. Nach Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen hatten die Wähler*innen in Baden-Württemberg zur CDU-Debatte über Arbeitszeit, Krankenstand und Rente eine klare Meinung: Rund drei Viertel finden sie schädlich, nur sieben Prozent hilfreich. Selbst mehr als die Hälfte der Unions-Anhänger*innen stimmte in die Kritik ein.

Die das Wahlergebnis analysierenden Medien sollten angesichts dessen ihren Fokus nachjustieren. Neben den parteizentrierten Erklärungsansätzen, die sich personalisiert gut erzählen lassen, aber sozio-ökonomisch blind sind, müssen jene Grundstimmungen in den Blick genommen werden, die maßgeblich zum Wahlverhalten und den langfristig tektonischen Verschiebungen beitragen.

Bei den Betriebsratswahlen wiederum entscheiden dieselben oder ähnliche Beschäftigtengruppen deutlich stärker nach der Frage, wer im Betrieb konkret schützt, verhandelt, organisiert und Ergebnisse liefert. Deshalb stehen hohe AfD-Werte unter Gewerkschaftsmitgliedern und zugleich starke Ergebnisse von IG Metall oder IG BCE nebeneinander. Der Soziologe Klaus Dörre argumentiert seit Jahren, dass die Zustimmung zu autoritärem Populismus in der Arbeitswelt auf einem Dualismus von Abstiegsangst beziehungsweise tatsächlicher materieller Benachteiligung und Anerkennungsdefiziten beruht, die er als Wahrnehmung einer »Entehrung« beschreibt. Die autoritäre Rechte nutze diesen »Problemrohstoff«, um die soziale Frage nationalistisch umzudeuten.  

Gewerkschaften verfügen dort, wo sie organisiert sind, über Organisations- und institutionelle Macht; Betriebsräte sind nicht bloß Symbolfiguren, sondern Teil einer realen Interessenvertretung. Das macht einen Unterschied. In Krisenzeiten der Auto-, Chemie- und Pharmaindustrie suchen Beschäftigte nicht nur eine politische Erzählung, sondern auch belastbare Schutzmechanismen. Wo Gewerkschaften diese sichtbar anbieten, bleiben sie für viele die glaubwürdigere Adresse.

Eine vergleichbar überzeugende politische Repräsentation ihrer sozialen Lage, Anerkennung des wahrgenommenen Statusverlusts und damit verbundener Zukunftsängste findet sich im Parteiensystem bei jenem Drittel autoritär-populistisch wählender Arbeiter*innen nicht. In diese Repräsentationslücke stößt die AfD und besetzt sie – zunehmend erfolgreich, wie die Vergleichsdaten 2016 und 2026 zeigen.

Der Befund einer »gespaltenen« Orientierung – gewerkschaftliche Praxis hier, AfD-Wahl dort – lässt sich über Dörre hinaus mit dem italienischen Philosophen und Kommunisten Antonio Gramsci fassbarer machen. Sein Satz »Jeder Mensch ist Philosoph« meint, dass alle Menschen sich die Welt erklären – allerdings nicht systematisch, sondern aus Erfahrungen, Deutungen und übernommenen Vorstellungen. Dieser sogenannte Alltagsverstand ist kein geschlossenes Weltbild, sondern oft widersprüchlich. Es ist kein Ausnahmefall, dass Beschäftigte im Betrieb solidarisch handeln und zugleich politische Positionen vertreten, die dieser Solidarität widersprechen. Im Arbeitsalltag entsteht aus gemeinsamen Erfahrungen ein »gesunder Menschenverstand«: Man organisiert sich, unterstützt sich gegenseitig und vertraut auf kollektive Interessenvertretung. Im politischen Raum greifen dagegen andere Deutungen, die Unsicherheit und Abwertung etwa national oder kulturell rahmen.

Unterschiedliche Kräfte prägen, wie Menschen ihre Erfahrungen deuten. Gewerkschaften tun dies im Betrieb sehr konkret durch ihre Praxis. Politische Akteure wie die AfD setzen dagegen stärker auf Deutungsangebote im öffentlichen Raum und knüpfen an vorhandene Unzufriedenheit an. Beschäftigte handeln nicht inkonsequent, sondern folgen unterschiedlichen Logiken ihres Alltagsverstands. Sie entscheiden im Betrieb entlang konkreter Erfahrungen gemeinsamer Interessen und im politischen Raum entlang symbolischer Deutungen von Krise und Zugehörigkeit.

Solidarische Gegenhegemonie

Für die gewerkschaftliche und betriebliche Praxis bestätigt der Befund zunächst die eigene Stärke – und legt zugleich ihre strategische Grenze offen. Gewerkschaften sind dort hegemonial, wo sie konkrete Erfahrungen organisieren: in Tarifkonflikten, bei Standortfragen, in der alltäglichen Interessenvertretung. Diese Verankerung bleibt stabil, selbst unter Bedingungen eines politischen Rechtsrucks.

Zugleich endet betriebliche Solidarität zuweilen am Werkstor. Kollektive Handlungsfähigkeit übersetzt sich nicht automatisch in politische Orientierung. Wer im Betrieb stark ist, organisiert nicht automatisch außerbetriebliche politische Hegemonie. Ohne politische Deutung bleibt auch erfolgreiche Interessenvertretung gesellschaftlich begrenzt.

Aus gewerkschaftlicher Perspektive und für progressive Politik ergibt sich daraus die Herausforderung, dass nicht primär die »moralische« Abgrenzung nach rechts bedeutsam ist, sondern die politische Bearbeitung jener Erfahrungen, die Dörre beschreibt: materielle Unsicherheit, Kontrollverlust, wahrgenommene Missachtung. Diese Erfahrungen glaubwürdig aufzugreifen und in ein konsistentes politisches Projekt zu übersetzen, wäre die Aufgabe, um an den Alltagsverstand anzuschließen und die entstandene Lücke zwischen betrieblicher Erfahrung und politischer Repräsentation zu schließen. Progressive Politik muss die Erfahrungen der Arbeitswelt vertreten, deuten und organisieren – sonst wird dies von anderen übernommen.

Der Beitrag erschien zuerst am 10. April 2026 in der linken Tageszeitung "nd".