Mehr Demokratie statt autoritäres Playbook
Die autoritäre Rechte weltweit arbeitet zusammen und sie lernen voneinander. Die illiberalen Muster, mit dem sie vorgehen können als eine Art Drehbuch verstanden werden. Diese Muster zu kennen, hilft, um sich zu organisieren und Gegenmaßnahmen zu ergreifen, Resilienz zu erreichen.
Darüber sprach ich mit der Strategie-Campaignerin Victoria Gulde im Podcast KUNST DER FREIHEIT in der Sendung vom 15. Februar 2026.
Victoria hat gemeinsam mit Daniel Mullis das spannende Paper "Das autoritäre Playbook verstehen - Demokratie organisieren" verfasst. Darüber hinaus interviewten Beide zivilgesellschaftlich Engagierte in Europa und den USA zu ihrem Engagement gegen autoritäre Rechte. Die Berichte und Schlussfolgerungen sind zusammengefasst im Paper: "Engagement unter autoritären Bedingungen. Erfahrungen aus den USA und Europa".
Mit pragmatischem Optimismus erläutert Victoria wie Solidarität gegen Mutlosigkeit hilft und welche internationalen Lernerfahrungen bedeutsam sind. Darunter: Warum ein Zebrastreifen das Demonstrationsrecht schützt. Und sie macht deutlich, was die Progressiven von den Autoritären lernen könnten: Pragmatismus in der Akzeptanz von Differenzen, um sich auf das Hauptziel zu konzentrieren - Mehr Demokratie.
Das Gespräch mit Victoria kann nunmehr auch nachgelesen werden.
Benjamin-Immanuel Hoff: Seit Jahren zeigen Demokratierankings in dieselbe Richtung: Autoritäre und illiberale Kräfte gewinnen an Einfluss, demokratische Institutionen geraten unter Druck. In Ländern wie Ungarn, Polen oder den USA sehen wir, wie Demokratie formal bestehen bleibt – oder, wie in Polen unter der PiS-Regierung, bestehen blieb – und zugleich Schritt für Schritt ausgehöhlt wird. Auch in Deutschland verschieben sich Debatten und politische Praktiken spürbar. Die extreme Rechte spricht offen über Systemwechsel, Remigration und Disruption.
Wer verstehen will, was dahintersteht, muss genauer hinschauen: Welche Muster wiederholen sich international? Welche Werkzeuge nutzen autoritäre Akteure? Und was bedeutet das für Demokratie und Zivilgesellschaft? Eine, die genau hingeschaut hat, ist mein heutiger Gast: Victoria Gulde. Sie arbeitet als Strategie-Campaignerin bei der zivilgesellschaftlichen Organisation Campact.
Victoria Gulde: Danke für die Einladung. Ich freue mich, hier zu sein.
Benjamin-Immanuel Hoff: Ihr habt in relativ kurzer Zeit drei Arbeiten vorgelegt, die sich ergänzen – oder genauer: zwei Studien und ein Arbeitspapier –, die aber unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Es geht um Analyse, um Strategie und um Praxiserfahrungen.
Was war der konkrete Anlass für diese Arbeiten war. Gab es einen Moment, in dem ihr bei Campact gesagt habt: Das sind nicht nur beunruhigende Einzelereignisse, sondern Entwicklungen, auf die wir systematisch schauen müssen, um daraus Schlussfolgerungen ziehen zu können?
Victoria Gulde: Es gab nicht den einen Moment. Für mich persönlich war ein wichtiger Punkt die Anfangszeit der zweiten Trump-Regierung – vor dem Hintergrund von Project 2025, also dieses Step-by-Step-Plans, den die Heritage Foundation vorgelegt hatte. In den ersten Monaten war bereits zu sehen: Vieles davon wird tatsächlich umgesetzt.
Von Trump war man ja einiges an erratischer Politik gewohnt. Aber zu sehen, dass dahinter ein Plan, eine Strategie, klar formulierte Ziele stehen, die dann auch in konkrete Politik übersetzt werden, war schon eindrücklich.
Ich glaube, in Deutschland schauen wir darauf manchmal mit einer gewissen Naivität. Es gibt ja immer noch den Mythos, man solle die AfD einfach mal regieren lassen, dann werde sie sich schnell selbst entzaubern, weil sie es nicht könne. Ich will der AfD gar nicht zu viel Credit geben. Man darf auch nicht überschätzen, was sie tatsächlich könnten. Aber was man ihnen, glaube ich, nicht vorwerfen kann, ist Planlosigkeit – also dass sie keine Politik und keine Ideen hätten, die sie umsetzen wollen.
Was ebenfalls oft untergeht: Bei nationalistischen Bewegungen liegt die Annahme nahe, dass sie schlechter kooperieren, wenn doch jede sagt: „America first“, „unser Volk zuerst“. Aber genau das ist eben nicht der Fall.
Daraus wurde für uns klar, dass wir genauer hinschauen müssen. Und zugleich auch, dass es, wenn es so etwas wie ein autokratisches Playbook gibt, auch so etwas wie ein demokratisches Playbook geben kann. Dass wir als Demokratinnen und Demokraten genau das ebenfalls entwickeln können – und sollten.
Die heterogene extreme Rechte
Benjamin-Immanuel Hoff: Wir hatten im August 2025 hier im Podcast Marcel Lewandowsky zu Gast, der ein sehr kluges Buch über die globale Rechte geschrieben hat. Uns hat damals genau der Punkt beschäftigt, den du eben angesprochen hast: Wie migrationsfeindliche Rechtsextremisten trotzdem international zusammenarbeiten – und wie es zusammenpasst, dass in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche rechtsextreme Akteure bestehen können, obwohl sich ihre jeweilige Feindlichkeit gegen andere Gruppen durchaus verschieden äußert.
Victoria Gulde: Die extreme Rechte ist kein homogener Block. Umso erstaunlicher ist es, wie gut es ihr gelingt, über Differenzen hinwegzugehen.
Es ist ja eigentlich kaum vorstellbar, dass Ultraliberale, fundamentalistische Christinnen und Christen, Tech-Utopistinnen und -Utopisten – also diese sehr unterschiedlichen Strömungen – am Ende exakt dasselbe wollen. Das tun sie auch nicht. Aber es gelingt ihnen erstaunlich gut, Differenzen beiseitezulegen und zu sagen: Wir haben hier ein übergeordnetes Ziel. Solange dieses Ziel trägt, können wir unsere Unterschiede zurückstellen. Die Linke ist darin notorisch deutlich schlechter.
Auch innerhalb der extremen Rechten gibt es ja erhebliche Konfliktlinien – etwa beim Verhältnis zu Russland. Da besteht durchaus viel Uneinigkeit. Trotzdem gelingt es ihnen, das auszublenden. Solange es ein gemeinsames, verbindendes Element gibt – nämlich der Angriff auf die liberale Demokratie, auf ihre Institutionen und Prozesse –, finden sie Austauschräume, lernen voneinander und kooperieren.
Diese Kooperation ist zum Teil sehr formalisiert. Dahinter steckt auch viel Geld. Es gibt große Konferenzen, die organisiert werden. Das wird offen gesagt. In den USA hat etwa die Heritage Foundation Viktor Orbán ausdrücklich als Vorbild benannt.
Benjamin-Immanuel Hoff: Lass uns noch einmal auf diesen Plan der Heritage Foundation, das Project 2025 zurückkommen. Das spielte im vergangenen Jahr eine große Rolle. Bevor Trump gewählt wurde, entwickelte diese ultrakonservative Stiftung, die auch den rechten Tech-Konzernen nahesteht, einen Masterplan.
Vor dem Hintergrund meiner politischen Erfahrung bin ich bei solchen Masterplänen immer etwas skeptisch. Am Reißbrett sieht das oft sehr schlüssig aus, aber die Realität ist ja komplexer. Die Heritage Foundation hat diesen Plan auch deshalb entwickelt, weil sie mit Trumps erster Amtszeit höchst unzufrieden war – gerade wegen dieses erratischen Agierens, dieses Hin und Her.
Du hast vorhin gesagt, dieser Plan werde nun abgearbeitet. Das ist einerseits richtig, andererseits ist es ja nicht so, dass da jetzt jemand Tag für Tag eine To-do-Liste abhakt. Was bedeutet das konkret aus eurer Forschungsperspektive?
Victoria Gulde: Ich glaube, genau das ist wichtig – auch mit Blick auf das autoritäre Playbook, über das wir gleich noch sprechen. Das ist keine Checkliste. Es ist nicht so, dass A, B, C, D, E vorgegeben ist und dann genau so abgearbeitet wird. Es ist eine übergeordnete Strategie.
Gerade in den USA haben wir es mit Trump mit einer sehr erratischen Persönlichkeit und einem erratischen Politikstil zu tun. Natürlich läuft das nicht so, dass man dort einen Haken nach dem anderen setzt. Aber dass es überhaupt einen Plan gab, dass klare Ziele formuliert waren, und dass Trump in den ersten Tagen und Wochen seiner Amtszeit eine enorme Zahl von Executive Orders unterzeichnete – also vieles, was sich per Federstrich erledigen ließ, auch per Federstrich erledigte –, zeigt doch, dass diese Strategien wirken.
Deshalb sollten wir darauf nicht wie auf eine Einkaufsliste der extremen Rechten schauen, sondern eher wie auf eine Roadmap, die je nach Kontext unterschiedlich umgesetzt wird, aber doch eine Richtung vorgibt.
Benjamin-Immanuel Hoff: Genau dieses Spannungsverhältnis scheint mir zentral zu sein: Es gibt eine sehr unterschiedliche internationale Rechte mit vielen Differenzen. Aber in den Angriffen auf die Zivilgesellschaft, auf die liberale Demokratie und auf demokratische Institutionen wie Gerichte und Wahlen verfolgt sie ähnliche Ansätze – und lernt voneinander. So habe ich eure Arbeit verstanden.
Das ist, glaube ich, das „Drehbuch“, von dem ihr sprecht. Ihr schaut euch vier Länder an: Ungarn als Vorreiter der illiberalen Demokratie, die USA – mit dem Kapitel „Die Demokratie stirbt am helllichten Tag“, ein bedrückend treffender Titel –, dann Polen, wo es um den steinigen Weg zurück zur Demokratie geht, und schließlich Italien.
Bei Italien würden viele erst einmal sagen: Wie Italien? Friedrich Merz hat doch gerade mit Giorgia Meloni zusammen ein Papier erarbeitet. Sie ist fest in der Europäischen Union verankert, sie schießt nicht permanent gegen die EU-Institutionen. Deshalb lass uns, bevor wir auf Polen schauen, noch einmal über Italien sprechen. Und als regelmäßiger Gardaseefahrer frage ich: Wie problematisch ist Italien in eurer Perspektive?
Victoria Gulde: Ich würde Italien ungern auf einer Skala des Schreckens einordnen. Bei autoritären Entwicklungen ist das ohnehin schwierig.
Aber du hast recht: Italien fliegt oft unter dem Radar, gerade weil Giorgia Meloni sich gegenüber der EU anders positioniert. In Polen und Ungarn sehen wir eine starke EU-Feindlichkeit. Dort wird die EU als Feindbild aufgebaut und bespielt: Brüssel als bürokratisches Monster, das nationale Souveränität zerstört. Da schwingen auch Diskurse von der Dekadenz des Westens mit, wie man sie teilweise auch von Putin kennt. Trump wiederum attackiert die EU und Europa aus ganz anderer Perspektive immer wieder.
Meloni macht das nicht. Sie ist in der EU gut vernetzt und nutzt diese Bühne, um sich staatsmännisch zu präsentieren. Das verstellt ein Stück weit den Blick darauf, dass sie in Italien durchaus Politik betreibt, die Elemente dieses autoritären Playbooks aufgreift.
Wenn wir etwa auf ihre geplante Justizreform schauen, dann würde diese die Unabhängigkeit der Justiz weiter untergraben. Hinzu kommt eine Wahlrechtsreform, die Macht zugunsten der stärksten Partei verzerrt – etwas, das Orbán in Ungarn ebenfalls getan hat. Dazu kommt ihre Beteiligung am Kulturkampf, insbesondere gegenüber Migrantinnen und Migranten sowie queeren Menschen. Gegenüber queeren Eltern gab es im vergangenen Jahr einige Vorstöße. Auch arme Menschen werden mit der Abschaffung des Bürgergelds zum Feindbild gemacht.
In der Politik Melonis finden sich also durchaus Elemente, die wir als Bestandteile eines autoritären Playbooks beschreiben.
Was im italienischen Fall besonders spannend ist: Die Entwicklung der Regierungspartei verläuft gewissermaßen umgekehrt zu anderen Ländern. In den USA, in Ungarn und in Polen radikalisierten sich konservative – oder im polnischen Fall ursprünglich liberale – Parteien an der Macht nach rechts außen. In Italien verlief die Entwicklung andersherum.
Giorgia Melonis Karriere begann in der Alleanza Nazionale, also in einer klaren Rechtsaußenpartei, die im Parteienspektrum lange geächtet war.
Benjamin-Immanuel Hoff: Mit Mussolini-Bezug.
Victoria Gulde: Genau. Diese Partei wurde im Spektrum lange gemieden, bis Berlusconi ihr die Tür öffnete, indem er sowohl die Alleanza Nazionale als auch die Lega Nord – aus der die heutige Lega hervorging – in sein Kabinett holte. Also zwei extrem rechte Parteien. Die Konservativen haben diesen Kräften damals den Weg in den Mainstream geöffnet. Davon profitiert Giorgia Meloni heute.
Polens Weg steiniger Weg zurück aus der illiberalen Demokratie
Benjamin-Immanuel Hoff: Inwiefern ist das dann ein Argument für jene Konservativen, die auf Einbindung der AfD setzen und die Brandmauer niederreißen wollen?
Victoria Gulde: Ich glaube, es ist eher ein Warnsignal dafür, dass genau das nicht funktioniert.
Es ist ja auch nicht das einzige Beispiel. Es gibt inzwischen eine ziemlich gute Studienlage dazu, dass sogenannte Accommodation Strategies nicht funktionieren – also weder das Einbinden noch das Übernehmen rechter Themen. Andere haben dazu sehr kluge Forschung vorgelegt.
Ich hoffe, dass das auch in der CDU gelesen wird und ankommt, auch wenn ich im Moment nicht den Eindruck habe.
Benjamin-Immanuel Hoff: Das Kapitel zu Polen trägt den Titel „Der steinige Weg zurück zur Demokratie“. Dort hat sich im Prinzip ein sehr breites Bündnis – von der demokratischen Linken bis zur Rechtskonservativen – gegen die PiS zusammengeschlossen. Diese Koalition agierte in einem fragilen Regierungsbündnis und musste gleichzeitig mit einem rechtsaußen stehenden Präsidenten umgehen, der deutlich mehr Macht besitzt als der deutsche Bundespräsident.
Die Denkwerkstatt More in Common hat einmal einen Vertreter aus Polen zitiert, der sagte: Wir konnten gegen die PiS nur gewinnen, indem wir ebenso populistisch waren wie sie – aber wir haben die Schraube noch eine Umdrehung weitergedreht. Das werde irgendwann den demokratischen Diskurs zerstören.
Wenn du für die Hörerinnen und Hörer jenseits dieser Populismusfrage schildern würdest: Wie sieht dieser steinige Weg zurück zur Demokratie in Polen gegenwärtig aus?
Victoria Gulde: Nicht besonders gut. In Polen greifen mehrere Mechanismen ineinander, die zum Teil auch mit dem institutionellen Gefüge des Landes zu tun haben, das sich von dem in Deutschland unterscheidet.
Wenn wir in einem Abwehrkampf gegen die extreme Rechte stehen, dann ist das Ziel oft: Abwahl – oder jedenfalls ihre Begrenzung. Dahinter steht häufig die Vorstellung: Danach wird alles wieder gut. Polen zeigt aber, dass das nicht so ist. Mit einer Abwahl wird nicht automatisch alles rückgängig gemacht.
Das liegt zum einen an der Art der Veränderungen, die solche Regierungen anstoßen. Verfassungsänderungen, Umbesetzungen in Gerichten – das kann man nicht einfach wieder zurückdrehen. Wenn einmal loyale Richterinnen und Richter eingesetzt wurden, kann man sie nicht schlicht austauschen, ohne zu ähnlichen Mitteln zu greifen wie die PiS selbst.
Genau darin liegt das Dilemma für Demokratinnen und Demokraten: Inwieweit gibt man demokratische Mittel auf, um undemokratisch zustande gekommene Entscheidungen wieder zu revidieren?
In Polen kommt hinzu, dass der Präsident ein Vetorecht hat. Die Regierung kann vieles selbst dann nicht durchsetzen, wenn sie es will, weil dieses Veto sehr bewusst und strategisch eingesetzt wird.
Und wie du schon angedeutet hast: Die Koalition, die die PiS abgelöst hat, ist ein sehr breites Bündnis aus sehr unterschiedlichen Parteien. Solange man sich auf das gemeinsame Ziel einigen konnte – die PiS abwählen –, funktionierte das vergleichsweise gut. Wenn es dann aber um konkrete Regierungspolitik geht, wird es naturgemäß schwieriger, mit den Spannungen in diesem breiten Spektrum umzugehen.
Benjamin-Immanuel Hoff: Man könnte andererseits auch positiv sagen: Dass diese Koalition nun schon bald drei Jahre hält, zeigt zumindest, dass es eine Form der Verständigung gibt.
Victoria Gulde: Das kann man so sehen. Und ich finde deinen normativen Optimismus sehr schön.
Ich teile ihn teilweise. Mir ist nur wichtig klarzumachen, dass das kein Selbstläufer ist. Die Regierung geht durchaus pragmatisch vor, aber sie hat über den Präsidenten und über die PiS eine mächtige Opposition gegen sich. Ich bin mir gerade nicht sicher, wer es war – es könnte Jarosław Kaczyński gewesen sein –, der von einem „kalten Bürgerkrieg“ gesprochen hat. Also sehr deutlich gemacht hat: Wir werden dieses Veto nutzen und bis zum bitteren Ende alles bekämpfen, was diese Regierung versucht, auf den Weg zu bringen oder von der PiS-Politik zurückzunehmen. Unter solchen Bedingungen Politik zu machen, ist außerordentlich schwierig.
Benjamin-Immanuel Hoff: Das zeigt sich ja auch daran, dass etwa die Angriffe auf das Selbstbestimmungsrecht der Frauen – insbesondere die Verschärfungen im Abtreibungsrecht durch die PiS – von der jetzigen Regierung bislang nicht zurückgenommen werden konnten, gerade wegen dieser Vetoposition. Zugleich überdeckt diese Frage auch innere Spannungen innerhalb der Koalition.
Victoria Gulde: Ja, das glaube ich auch. Da ist wieder das gemeinsame Feindbild stabilisierend wirksam. Aber die Frage ist natürlich, was das mit den Wählerinnen und Wählern macht. Gerade das Abtreibungsrecht war ja ein Thema, das in Polen enorm mobilisierte und wesentlich dazu beitrug, dass die PiS abgewählt wurde.
Wir beschreiben das in unserem Paper als einen Kulturkampf, der zu weit gedreht wurde – der Bogen wurde überspannt und die Stimmung in der Bevölkerung kippte.
Wenn diese Reformen nun aus unterschiedlichen Gründen – auch aus institutionellen Zwängen – nicht zurückgenommen werden können, wird sich zeigen, was das für die Wählerinnen und Wähler bedeutet.
Mechanismen der autoritären Transformation
Benjamin-Immanuel Hoff: Wir haben vorhin über die Vorstellung eines autoritären Drehbuchs gesprochen. Einerseits klingt das schnell mechanistisch – da hast du schon klargemacht, dass es keine To-do-Liste ist. Andererseits gibt es eben Vergleichbarkeiten, Muster und Lerneffekte, die ihr herausarbeitet.
Ihr benennt sieben wiederkehrende Elemente: die Politisierung unabhängiger Institutionen, Desinformation, Machtkonzentration, Sündenbockpolitik, Wahlmanipulation, das Schüren von Gewalt. Wir können natürlich nicht alle sieben Punkte durchgehen – und das wäre auch nicht besonders reizvoll, weil eure Studie gelesen werden soll. Wir verlinken sie in den Shownotes.
Aber wenn du einige Elemente herausgreifen würdest, an denen sich eine gemeinsame Logik in Ungarn, den USA und Italien besonders deutlich zeigt: Welche wären das?
Victoria Gulde: Ich würde zwei Aspekte herausgreifen, die vielleicht besonders anschaulich sind. Manche Dinge – etwa Machtkonzentration in der Exekutive – sind etwas abstrakter. Plastischer wird es beim Kulturkampf.
Den erleben wir ja sehr direkt. Die extreme Rechte betreibt ihn in allen von uns untersuchten Fällen: durch die Einteilung in ein „Wir“ und ein „Die“, durch die Konstruktion von Sündenböcken und durch eine moralische Aufladung, sodass sich letztlich ein Kampf von Gut gegen Böse ergibt.
Dabei hat dieser Kulturkampf zwei Seiten. Die sichtbarere ist die Feindbildproduktion: Es werden Gruppen markiert, die angeblich an allem schuld sind. Gleichzeitig erfüllt Kulturkampf aber auch eine integrierende Funktion. Er schafft Gemeinschaft, Solidarität und Gemeinsinn auf der extrem rechten Seite.
Wie stark es dabei um Zugehörigkeit geht, sieht man auch an der AfD. 2021 zog sie mit dem Slogan „Deutschland. Aber normal“ in den Bundestagswahlkampf. Darin steckt ebenfalls eine moralische Aufladung: Du bist gut so, wie du bist – vielleicht sogar moralisch überlegen –, weil du zu den „Normalen“ gehörst.
In den verschiedenen Ländern ähneln sich die Feindbilder oft sehr: Migrantinnen und Migranten, queere Menschen, zunehmend auch arme Menschen. Diese Feindbilder werden geteilt und weiterentwickelt. Auch die Begründungen ähneln sich: Bei Migration wird mit Sicherheit und Kriminalität argumentiert, bei queeren Menschen mit Kinderschutz. Da wird voneinander abgeschaut.
Ein Beispiel: In den letzten Jahren rückten, ausgehend von den USA, Transpersonen verstärkt in den Fokus. Nicht in allen Ländern gleichermaßen, aber man sieht klar: Da wird beobachtet, was funktioniert – und was sich vielleicht im eigenen Kontext ebenfalls einsetzen lässt.
Eng damit verbunden ist ein weiterer Aspekt, den Daniel und ich beschreiben: die Gewaltakzeptanz.
Ich meine damit nicht nur tatsächliche staatliche Gewalt – auch wenn in unseren Gesprächen von Bürodurchsuchungen, Telefonüberwachung oder Polizeipräsenz bei Demonstrationen die Rede war. Ich meine vor allem eine Diskursverschiebung, in der Gewalt normalisiert und legitimiert wird.
In Ungarn und in Polen wurde die Opposition auf unterschiedliche Weise als „Ungeziefer“ bezeichnet. Trump wiederum hat die Antifa – was auch immer das konkret sein soll – als Terrororganisation eingestuft. Es geht darum, die Grenze zwischen Opposition und Feindschaft aufzuheben. Dann gibt es nicht mehr Gegnerinnen und Gegner, sondern Feindinnen und Feinde. Und diese Feinde sind dann womöglich gar keine Mitmenschen mehr, sondern eben „Ungeziefer“ oder „Terroristen“.
Meiner Nachbarin würde ich eher keine Gewalt antun. Meiner politischen Gegnerin auch nicht. Wenn aber jemand als Feind markiert und zugleich entmenschlicht wird, sinkt diese Schwelle.
Diese Rhetorik senkt also die Hemmschwelle für Gewalt. Regierungen können sich dann immer auf plausible deniability berufen, weil sie Gewalt nicht direkt angeordnet haben. Aber die Folgen sind gravierend.
Wenn wir etwa auf Minneapolis schauen, wo der ICE-Beamte, der Renny Good erschoss, sie unmittelbar zuvor als „fucking bitch“ bezeichnete, dann zeigt das genau diese Logik: Da stand nicht mehr ein Mensch vor ihm, sondern eine Feindin. Und damit wird Gewalt anwendbar gemacht.
Die Rolle der Medien
Benjamin-Immanuel Hoff: Die Medien spielen dabei eine wichtige Rolle. Ich erinnere mich an einen Fox-News-Moderator, der anhand eines Handyvideos versuchte, exzessive Gewalt zu plausibilisieren – also zu rechtfertigen, warum ein Mitglied dieser Trump-Gestapo-artigen ICE-Truppe jemanden erschossen habe, der lediglich ein Handy in der Hand hielt. Es wurde behauptet, das sei als Waffe erkennbar gewesen. Wie relevant sind solche Legitimierungsstrategien durch regierungsnahe Medien aus eurer Perspektive?
Victoria Gulde: Wir haben das eher am Rande betrachtet. Ich glaube, hier kommt es sehr stark auf den jeweiligen nationalen Medienkontext an. Die Konzentration von Medienmacht bei der Regierung oder bei regierungsnahen Loyalistinnen und Loyalisten sehen wir allerdings in allen autoritären Systemen. Und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, wenn sie Radio hören, den Fernseher einschalten oder eine Zeitung aufschlagen, regierungsgenehme Berichterstattung erhalten.
Das ist nicht in jedem Land gleich stark. Die Medienlandschaft in den USA ist eine völlig andere als in Ungarn, wo Orbán seit Jahren an einer Zentralisierung der Medien arbeitet und die Pressevielfalt deutlich geringer ist.
Was du angesprochen hast, ist aber interessant: Fox News ist natürlich regierungsnah, aber eben kein staatliches Medium. Und dennoch passiert genau das: Es gibt Videomaterial, alle können sehen, was geschieht – und Moderatorinnen und Moderatoren stellen sich hin und sagen im Grunde: Nein, das, was du siehst, siehst du gar nicht. Wir erklären dir jetzt, was du zu sehen hast.
Dass das in den USA passiert, ist bemerkenswert. Zugleich würde ich an diesem Punkt mit Verallgemeinerungen vorsichtig sein, weil sich die von uns untersuchten Länder hier auf sehr unterschiedlichen Entwicklungspfaden befinden.
Benjamin-Immanuel Hoff: Der Zugriff auf öffentlich zugängliche Nachrichten und Medien ist aber doch ein übergreifender Bestandteil des autoritären Drehbuchs, oder?
Victoria Gulde: Ja, Medienzentralisierung sehen wir in autoritären Systemen eigentlich durchweg.
Ein Aspekt, über den wir in unseren Papern nur am Rande sprechen, ist dabei auch die Selbstbereicherung. Wenn Medienhäuser verkauft oder zentralisiert werden, dann gehen sie oft an friends and family. Es spielen also auch ökonomische Motive hinein.
Wie diese Medienzentralisierung konkret aussieht, kann sehr unterschiedlich sein. Eine direkte repressive Maßnahme ist etwa, dass nur noch die Regierungspartei Sendezeit für Wahlwerbespots bekommt. Andere Parteien können formal weiter Wahlkampf machen, Plakate aufhängen und so weiter, haben aber nicht dieselben Möglichkeiten, sich in den zentralen Medien an die Wählerinnen und Wähler zu wenden.
Benjamin-Immanuel Hoff: So war der Versuch in Ungarn und Polen.
Victoria Gulde: Genau.
Benjamin-Immanuel Hoff: Während wir in den USA etwa bei der Washington Post sehen, wie eine Art Selbstunterwerfung eines Tech-Milliardärs erfolgt – und damit eine kritische Stimme ausgeschaltet wird, letztlich auch mit Blick auf andere ökonomische Interessen gegenüber der Trump-Regierung. Nicht verordnet von oben, sondern als ökonomische Selbstunterwerfung.
Victoria Gulde: Es ist in diesem Fall nicht verordnet, aber ich würde sagen: herbeigedroht. Es gibt eine Einschüchterungskulisse, in der klar ist, welches Verhalten als genehm und konform gilt – und dass man ökonomisch profitieren kann, wenn man es zeigt.
Spannend ist dabei: Es ist keineswegs garantiert, dass man belohnt wird, wenn man sich konform verhält. Die Grenzen zwischen Freund und Feind, zwischen Einschüchterung, Bedrohung und Angriff, werden sehr willkürlich gezogen.
Kompetitiver Autoritarismus
Benjamin-Immanuel Hoff: Ihr verwendet in eurer Studie den Begriff des „kompetitiven Autoritarismus“. Das klingt zunächst sehr wissenschaftlich, in einem Podcast muss man so etwas ja übersetzen. Ich würde das einmal so formulieren: ein autoritäres Regime mit Wahlen, aber ohne faire Spielregeln. Geht das in die richtige Richtung?
Victoria Gulde: Ja, absolut. Und man muss dazusagen: Den Begriff haben wir uns nicht ausgedacht. Wir übernehmen ihn von Steven Levitsky und Lucan Way, zwei Politikwissenschaftlern, die ihn eingeführt haben, um Abstufungen innerhalb des autoritären Spektrums sichtbar zu machen.
Es gibt autoritäre Systeme, in denen Opposition vollständig ausgeschaltet ist. Mit dem Begriff des kompetitiven Autoritarismus wollten sie deutlich machen, dass es auch Zwischenformen gibt: Systeme, in denen demokratische Institutionen und Verfahren formal noch existieren, aber nicht mehr so funktionieren, dass sie zur Fairness des politischen Systems beitragen. Stattdessen werden sie von der Regierung zu Instrumenten des Machterhalts umgebaut.
Dass diese demokratische Fassade wichtig ist, sehen wir ja daran, dass die von uns untersuchten Länder sehr an ihr festhalten. Orbán hat den Begriff der „illiberalen Demokratie“ geprägt, um das ungarische System zu beschreiben – löst sich aber gerade nicht vom Demokratiebegriff. Es ist ihm wichtig, dass diese demokratische Hülle bestehen bleibt.
Was dann geschieht, ist, dass die Regeln verändert werden. Einige Punkte haben wir schon angesprochen: weniger Zeit und Raum für die Opposition im Wahlkampf, andere Spendenregelungen, bürokratische Hürden für zivilgesellschaftliche Organisationen, erschwerte Arbeitsbedingungen durch immer neue Auflagen – obwohl die Institutionen und Prozesse formal weiterexistieren.
Benjamin-Immanuel Hoff: Ihr habt außerdem zwölf Tiefeninterviews mit zivilgesellschaftlich Engagierten geführt – in den USA, in Ungarn, Polen, Österreich und Serbien. Im Ergebnispapier beginnt ihr mit einem Zitat von János Natsch aus Ungarn. Ich zitiere:
„Es gab nicht den einen Wendepunkt, wo es plötzlich super schlimm geworden ist oder wo wir gemerkt haben: Aha, das ist jetzt echter Rechtsextremismus und diese Demokratie ist zu Ende. Es war ein kontinuierliches Abrutschen in ein autoritäres Regime, das jeden Tag ein bisschen schlimmer geworden ist.“
Das sind keine abstrakten Analysen mehr, sondern sehr konkrete Erfahrungen mit Repression, Druck, finanzieller Austrocknung und öffentlicher Diffamierung. In Deutschland erleben wir seit mehr als einem Jahr ebenfalls massiven Druck auf zivilgesellschaftliche Organisationen – ich nenne nur die 551 Fragen der Unionsfraktion. Was hat dich in diesen Gesprächen am meisten bewegt?
Victoria Gulde: Vor allem, dass diese Menschen noch da sind. Dass sie weitermachen. Dass sie jeden Morgen aufstehen und zur Arbeit gehen – und das seit Jahren unter Bedingungen, die wir uns hier kaum vorstellen können.
Wir haben viel Frust wahrgenommen. Unsere Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner erzählten, wie ihnen die Arbeit erschwert wird, wie sie öffentlich angegriffen werden, wie ihre Büros durchsucht, ihre Handys abgehört und ihre finanziellen Mittel bedroht werden.
Und trotzdem gab es da einen optimistischen Pragmatismus. Aufhören ist für sie einfach keine Option.
Dazu kommt: Es sind ja nicht nur diese einzelnen Personen oder ihre Organisationen. Es gibt dahinter auch Partnerinnen und Partner, Netzwerke, eine Breite der Zivilgesellschaft, eine Breite des Engagements. Das fand ich sehr beeindruckend – und ermutigend.
Und vielleicht noch als kleine Ergänzung: Wir haben auch Interviews in Italien und in der Schweiz geführt, also in insgesamt sieben Ländern.
Mut und Optimismus - trotz alledem
Benjamin-Immanuel Hoff: Du arbeitest seit Jahren als professionelle Campaignerin bei Campact und hast viel Erfahrung. Mich machen solche Schilderungen aus den Tiefeninterviews häufig ziemlich hilflos und wütend.
Wie gehst du – und wie geht ihr bei Campact – mit diesen Geschichten und Erfahrungen um? Und ist dieser optimistische Pragmatismus tatsächlich auch das, woran du dich festhältst?
Victoria Gulde: Für mich auf jeden Fall. Ich glaube, es gibt dabei zwei Ebenen. Die eine ist ein internes Supportsystem: also die Frage, wie man Strukturen so aufstellt, dass man Freundinnen und Freunde um sich hat, Solidarität spürt, dass man weiß, wenn Mutlosigkeit oder Ratlosigkeit sich breitmachen, steht man damit nicht allein da und wird nicht davon erdrückt. Man kann mit Kolleginnen und Kollegen darüber sprechen, man hat resiliente Strukturen, die es erlauben, auf sich selbst aufzupassen, wenn es belastend wird.
Die andere Ebene ist: Es ist wichtig zu sehen, dass Erfolge möglich sind – auch in Ländern wie Ungarn und Polen, wo über Jahre massive Repressionen gegen die Zivilgesellschaft stattgefunden haben.
Um noch einmal auf Levitsky und Way zurückzukommen: Sie schlagen als Maßstab für kompetitiven Autoritarismus vor, zu fragen, wie hoch die Kosten des Widerstands sind. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass Menschen sich frei und ohne Angst engagieren und die Regierung kritisieren können. Je höher aber die Kosten dafür sind, desto kompetitiv-autoritärer ist ein System.
Und trotzdem sehen wir immer wieder, dass schöne und ermutigende Dinge geschehen. Ein gutes Beispiel ist die Budapester CSD-Parade im vergangenen Jahr. Die Veranstaltung wurde zunächst von der Regierung verboten. Dann konnte sie doch stattfinden, weil der Bürgermeister sie als städtisches Fest anmeldete. Ich glaube, 200.000 Menschen aus ganz Europa kamen. Für die Community war das sicher ein sehr starkes Signal und ein großer Erfolg. Der Bürgermeister wurde später deswegen angeklagt – und stellte sich hin und sagte sinngemäß: Dann sollen sie eben kommen.
Solche Geschichten haben wir in unseren Interviews immer wieder gehört – sowohl auf staatlicher Ebene wie in diesem Fall als auch auf ganz anderen Ebenen.
Der demokratische Zebrastreifen
Benjamin-Immanuel Hoff: In eurer Publikation schreibt ihr, dass sich trotz Repression, Angriffen und schrumpfenden Räumen für Aktivismus Menschen unermüdlich für Demokratie engagieren. Ihr zitiert Julia Nowak aus Polen mit dem Satz:
„Während der Regierung von PiS war die Zahl der Pride-Paraden so hoch wie nie zuvor. Es gab viele Impulse für die Bewegung und die Menschen beschlossen, sich zu organisieren.“
Zugleich erzählt ihr keine Heldengeschichten. Das wäre auch eine Romantisierung, die mit der Realität wenig zu tun hätte. Stattdessen beschreibt ihr ein Spannungsverhältnis von Widerstand und Kosten – Kosten für die autoritären Regierungen, aber eben auch hohe Kosten für die demokratische Zivilgesellschaft.
Lass uns dieses Spannungsverhältnis und den Blick auf Solidarität noch etwas genauer beleuchten. „Solidarität gegen Mutlosigkeit“ fand ich ein sehr starkes Bild.
Victoria Gulde: Ich würde vielleicht zunächst noch einmal an das Gespräch mit Julia Nowak anknüpfen. Sie sagte nämlich kurz danach auch, dass es in den ersten zwei Jahren der PiS-Regierung sehr leicht gewesen sei zu mobilisieren. Viele Menschen engagierten sich damals stark. Mit den Jahren wurde es dann aber immer schwieriger.
Ich glaube, das ist etwas, das wir auch in Deutschland merken: Es ist ein Marathon, kein Sprint. Darauf müssen wir uns einstellen.
Genau deshalb ist es wichtig, das nicht als Heldinnengeschichte zu erzählen, sondern zu zeigen, wie breit Engagement ist und wie viele verschiedene Formen es gibt, aktiv zu werden. Natürlich ist es wichtig, dass es charismatische Führungspersonen gibt, die Anliegen zuspitzen und öffentlich vertreten. Aber Engagement ist auf sehr vielen Ebenen möglich.
Ein schönes Beispiel dafür, wie mit den Kosten des Widerstands umgegangen wird, hat es leider nicht mehr ins Paper geschafft. Unsere serbische Gesprächspartnerin erzählte von geplanten Straßenblockaden. Die Regierung hatte im Vorfeld angekündigt, hart dagegen vorzugehen. Natürlich ist es erst einmal ein hoher Anspruch, Menschen zu zivilem Ungehorsam aufzurufen und sie zu bitten, etwas zu tun, das offiziell verboten ist.
Was die Menschen dann taten, war sehr klug: Sie gingen einfach hundertmal sehr langsam über einen Zebrastreifen, drehten um und gingen wieder zurück. So fanden sie eine Form, das Risiko für sich individuell zu verringern – denn sie taten ja nichts Verbotenes, sie gingen nur über einen Zebrastreifen – und konnten sich trotzdem beteiligen.
Ich glaube, diese Frage „Was ist der Zebrastreifen?“ können wir uns auch in anderen autoritären Kontexten immer wieder stellen.
Benjamin-Immanuel Hoff: Die serbische Protestbewegung ist wirklich spannend. Ausgangspunkt war ja der Einsturz eines neu errichteten Bahnhofsvordachs in Novi Sad – offensichtlich Pfusch am Bau im Kontext von Korruption. Daraus entwickelte sich eine vor allem von Studierenden getragene Protestbewegung, die inzwischen weit in die Gesellschaft hineinwirkt und im Kern gegen die Regierung Vučić protestiert.
Bemerkenswert ist, dass dieser Protest schon so lange andauert, obwohl die internationale Öffentlichkeit ihn nur sehr punktuell wahrnimmt, er aber dennoch eine große Tragfähigkeit in der Gesellschaft hat.
Victoria Gulde: Ja, und beeindruckend ist auch, wie dezentral dieser Protest ist. Das ist keine Bewegung, die sich nur auf die Hauptstadt konzentriert. Die Studierenden tragen den Protest auch in kleinere Städte und in ländliche Räume. Natürlich ist Serbien kleiner als Deutschland. Aber diese Dezentralität, diese Graswurzelverankerung, beobachten wir auch in den USA oder bei den polnischen Frauenstreiks, die ebenfalls nicht zentral aus Warschau gesteuert wurden. Menschen im ganzen Land haben es geschafft, diesen Protest zu ihrem eigenen zu machen.
Demokratisches Drehbuch
Benjamin-Immanuel Hoff: Ihr habt euch sehr bewusst dafür entschieden, nicht bei der Diagnose stehenzubleiben, sondern ein Papier mit dem Titel In die Offensive kommen vorzulegen. Darin entwickelt ihr klare Handlungsansätze. Was war für euch der Punkt, an dem klar war: Wir dürfen nicht nur über Gefahren sprechen, sondern müssen auch eine Tür zum Handeln öffnen?
Victoria Gulde: Für mich gehörte das von Anfang an zusammen. Analyse ist wichtig, um die Gefahr besser zu verstehen und zu begreifen, womit wir es zu tun haben. Aber es bringt nichts, wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange zu stehen, die Schlange genau zu beschreiben und dann dort stehenzubleiben. Wir müssen ja wissen, was daraus folgt.
Deshalb gehören für mich Analyse und Handlungsorientierung untrennbar zusammen: Womit haben wir es zu tun – und was folgt daraus?
Benjamin-Immanuel Hoff: Du hast vorhin gesagt, man müsse dem autoritären Drehbuch ein demokratisches Drehbuch entgegensetzen. Wir haben schon über Solidarität gegen Mutlosigkeit und über den demokratischen Zebrastreifen gesprochen.
Ihr formuliert acht Vorschläge für eine demokratische Antwort – oder, wie ich es genannt habe, für einen anderen demokratischen Plot gegen das autoritäre Drehbuch. Erzähl doch etwas darüber: Wer müsste wie weiterschreiben?
Victoria Gulde: Das ist eine große Frage. Uns war wichtig, verschiedene Ebenen abzudecken, weil es ein Zusammenspiel braucht: Es geht darum, Institutionen wetterfest zu machen. Es geht um organisierte Zivilgesellschaft, um Gewerkschaften, um Arbeitgeberverbände – und letztlich auch darum, was jede und jeder Einzelne tun kann.
Wir haben über den Zebrastreifen gesprochen. Wir formulieren das etwas profaner als „Jedes Engagement zählt“. Also: Auf welcher Ebene kann ich etwas tun? Wo fühle ich mich wohl, aktiv zu werden? Und wenn das im Faschingsverein ist oder in einer Elterngruppe – welche konkreten Anknüpfungspunkte gibt es für individuelles Engagement?
Auf der Ebene darüber stellt sich die Frage: Wie können Arbeitgeber, Unternehmen, Gewerkschaften und andere Akteure aktiv werden, um sich nach rechts außen hin abzusichern? Und auf einer institutionellen Ebene: Was können Parteien, was kann der Rechtsstaat tun? Welche rechtlichen Lücken lassen sich schließen – etwa solche, die ermöglicht haben, was die AfD im vergangenen Jahr im Thüringer Landtag veranstaltet hat?
An der Stelle kommt etwa das Thüringen-Projekt ins Spiel oder der Verfassungsblog, die sich genau mit solchen institutionellen Fragen beschäftigen.
Benjamin-Immanuel Hoff: Ich möchte noch auf einen Punkt zurückkommen, den ich vorhin ausgelassen habe. In euren Studien spielt der Staat eine doppelte Rolle: Einerseits wird er von autoritären Akteuren als Waffe benutzt, andererseits braucht es ihn, um Demokratie zu verteidigen – etwa durch Recht und Institutionen.
Daneben steht aber die demokratische Zivilgesellschaft. Sie existiert nicht ohne den Staat, steht aber zugleich in einem Spannungsverhältnis zu ihm.
Deshalb die Frage: Welche Spannungen und Herausforderungen siehst du hier für Parteien, Gewerkschaften und die Zivilgesellschaft? Du hast das eben schon angedeutet, aber vielleicht kannst du es noch etwas entfalten.
Victoria Gulde: Es gibt verschiedene Ebenen. Ein ganz praktisches Beispiel ist die Politisierung unabhängiger Institutionen – ein zentrales Element des autoritären Playbooks. Da geht es sehr konkret um Verwaltungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, um Beamtinnen und Beamte, deren Verhalten in Krisensituationen entscheidend ist: Was tun sie, wenn sie plötzlich mit Weisungen konfrontiert sind, die gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung gehen oder ihrem eigenen Wertekompass widersprechen?
Im Moment herrscht hier viel Verunsicherung – nicht nur in der Verwaltung, sondern etwa auch unter Lehrerinnen und Lehrern, die heftigen rechten Attacken ausgesetzt sind. Stichwort: AfD-Denunziationsportal.
Dort Klarheit zu schaffen, ist zentral: Was darf ich sagen? Was darf ich tun? Was muss ich vielleicht sogar tun? In diesem Zusammenhang – du hast die Kleine Anfrage von vor fast genau einem Jahr erwähnt – sehen wir ja, dass sich die AfD sehr aktiv und strategisch auf den Neutralitätsbegriff setzt. Das ist so etwas wie die Mutter vieler Probleme an dieser Stelle. Der Begriff wird genutzt, um Lehrerinnen und Lehrer zu denunzieren und zivilgesellschaftliches Engagement insgesamt zu delegitimieren.
Dagegen müssen wir klarhalten: Neutral ist es nicht, Rassismus einfach hinzunehmen. Demokratie ist kein extremistisches Projekt.
Die damalige Bundesregierung hat das in ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage der CDU auch sehr deutlich gemacht: Demokratisches Engagement ist zentral, förderwürdig und notwendig.
Und genau da kommt wieder die sektorübergreifende Solidarität ins Spiel. Also das Festhalten an einem gemeinsamen Bekenntnis zur Demokratie und zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung – und die Weigerung, sich durch dieses Neutralitätsgerede einschüchtern zu lassen.
Das heißt dann auch: NGOs tauschen sich mit Unternehmen aus. Gewerkschaften solidarisieren sich mit Umweltverbänden, auch wenn ihre Ziele nicht immer deckungsgleich sind. Man sagt gemeinsam: Das, was wir tun, ist wichtig, unterstützenswert und demokratisch legitim. Und wir lassen uns nicht einreden, dass es das nicht sei.
Benjamin-Immanuel Hoff: Sind eure acht Vorschläge so etwas wie das demokratische Gegenstück zum Generalplan der Heritage Foundation – nur eben demokratisch?
Victoria Gulde: Und mit deutlich weniger Geld, würde ich sagen. Aber ich glaube nicht, dass man das so direkt gegenüberstellen kann.
Benjamin-Immanuel Hoff: Dir gefällt der Gedanke offenbar nicht.
Victoria Gulde: Nein, ehrlich gesagt nicht besonders. Denn das Schöne an demokratischem Engagement ist ja gerade die Vielfalt. Es gibt nicht den einen Masterplan, sondern verschiedene Bausteine, an die Menschen je nach Standort, Rolle und Erfahrung andocken können. Einen absoluten Masterplan können wir nicht liefern – und ich bin auch nicht sicher, ob ich das überhaupt wollen würde.
Benjamin-Immanuel Hoff: Trotzdem muss ich die Frage stellen, weil sich durch eure Texte ein Gedanke zieht: die Warnung davor, sich auf die bloße Verteidigung des Status quo zu beschränken. Ihr sagt ziemlich klar: Eine progressive demokratische Zivilgesellschaft braucht eigene Projekte, eigene Visionen, eine eigene Erzählung. Zugleich muss sie kommunikations- und bündnisfähig gegenüber sehr unterschiedlichen weltanschaulichen Milieus bleiben, weil Zivilgesellschaft eben vielfältig ist.
Victoria Gulde: Absolut. Und ich glaube, auch hier lohnt sich der Blick in andere Länder. Wir haben den Pragmatismusbegriff ja schon mehrfach gestreift. Er spielt auch bei Bündnissen eine zentrale Rolle. Also: Was muss eigentlich gegeben sein, damit ich mit jemandem zusammenarbeiten kann?
Progressive Milieus sind sehr gut darin, Differenzen zu sehen und sich über vieles intensiv – oft auch respektvoll – zu streiten. In den Interviews haben wir aber gesehen: Wenn der Druck steigt, wenn also die Not größer wird, dann entstehen auch andere Bündnisse.
Ich glaube, wir sollten schon jetzt genauer schauen: Wo verlaufen unsere Linien? Wo haben wir ein gemeinsames Ziel und geteilte Grundwerte – und können im Rest vielleicht auch einmal Fünfe gerade sein lassen, wenn es darum geht, dieses gemeinsame Ziel zu erreichen? Das war jetzt eigentlich noch keine Antwort auf deine Frage nach Visionen.
Benjamin-Immanuel Hoff: Dann kommen wir noch einmal genau zu dieser Frage.
Victoria Gulde: Sie hat verschiedene Ebenen. Klar ist: Wir können die Bedrohung von rechts nicht ignorieren. Wir müssen auch dabei bleiben zu sagen: Es gibt hier etwas zu schützen, etwas zu verteidigen, und das ist wichtig.
Gleichzeitig ist es eine paradoxe Situation, dass Progressive in eine sehr konservative Haltung gedrängt werden – nämlich in die Verteidigung, ins Bewahren, ins Festhalten am Status quo.
Aber genau das reicht für Progressive nicht aus. Es ist ja gerade wichtig zu fragen: Wo ist dieser Status quo selbst nicht in Ordnung? Wo kann er verbessert werden? Wo wollen wir eigentlich hin?
Benjamin-Immanuel Hoff: Ein Kollege und Freund von mir, Carsten Brosda, und ich haben einmal geschrieben: „Rückschritt beginnt dort, wo niemand mehr vom Fortschritt spricht.“ Meinst du genau diesen Fortschrittsgedanken – also die Entwicklung einer positiven Zukunftsvorstellung?
Victoria Gulde: Ja, absolut. Es geht um eine Perspektive, die tatsächlich nach vorn weist. Die AfD bietet ja ebenfalls eine Perspektive an – allerdings eine, die zurückgewandt ist und zugleich über eine starke emotionale Klebefläche verfügt: Früher war alles besser, also wird es besser, wenn es wieder so wird wie früher. Welche Vorstellung von „früher“ da jeweils aufgerufen wird, ist oft unklar oder historisch falsch, aber emotional funktioniert das.
Wenn wir von einer nach vorn gerichteten Vision sprechen, dann muss diese emotionale Ebene mitgedacht werden. In einer Zeit, die sich dauerkrisenhaft anfühlt, braucht es einen emotionalen Ankerpunkt: Wir schauen nach vorn, wir lösen uns auch von manchen Gewissheiten, aber wir bieten zugleich Sicherheit und den Glauben daran, dass Dinge besser werden können.
Dann muss man das praktisch übersetzen: Welche Themen treiben die Menschen um? Im vergangenen Jahr wurden in Umfragen vor allem Armut und soziale Sicherheit als drängende Sorgen genannt.
Daran lassen sich sowohl inhaltlich als auch auf der Werteebene Anknüpfungspunkte finden. Man kann zum Beispiel die Frage der Fairness ins Zentrum stellen – und das konkret machen über Themen wie Mieten oder den öffentlichen Personennahverkehr.
Ich glaube, wir müssen viel stärker an drei Ebenen zugleich arbeiten: an einer großen emotionalen Erzählung, an den zugrunde liegenden Werten und an den konkreten Themen, in denen sich diese Werte ausdrücken.
Benjamin-Immanuel Hoff: Victoria, ich danke dir sehr – für deinen optimistischen Pragmatismus, für dein Bild von Solidarität gegen Mutlosigkeit und für deine anschauliche Vorstellung eines demokratischen Zebrastreifens, über den wir gehen können, um autoritäre Entwicklungen zu blockieren.