Handbuch zum Wandel der Gewerkschaften in Deutschland
Zum Jahresbeginn verdichten sich in Politik, Kammern und Verbänden jene Formate der Selbstvergewisserung, in denen Lagebeschreibungen, Deutungen und strategische Linien für das kommende Jahr abgesteckt werden: Klausurtagungen wie in Seeon, das liberale Dreikönigstreffen, Neujahrsauftakte und Jahresauftaktpressekonferenzen. Auch die IG Metall bilanzierte in ihrer Jahrespressekonferenz 2026 die wirtschaftliche Lage, Herausforderungen der deutschen Industrie und die Entwicklung der eigenen Organisation. Zwar sank die Mitgliederzahl erneut ab, doch verband die Gewerkschaft diese Diagnose nicht mit Rückzug, sondern mit dem Anspruch, ihre politische und tarifliche Handlungsfähigkeit auch unter verschärften Bedingungen aufrechtzuerhalten. Vollkommen zu Recht.
Denn in schweren Zeiten verfügt die Gewerkschaft über knapp zwei Millionen Mitglieder. Die Erste Vorsitzende Christiane Benner beschreibt die Organisation als stabilen Akteur in einer sich zuspitzenden Industriekrise: Beschäftigungssicherung, Investitionszusagen, Standortpolitik und eine aktive Rolle in der bevorstehenden Transformation werden als zentrale Felder gewerkschaftlichen Handelns benannt. Die Botschaft ist eindeutig: Ohne gewerkschaftliche Interventionen wäre die Lage der Industrie deutlich schlechter.
Der Bericht verweist jedoch auch auf die Spannungen dieser Selbstbeschreibung. Die IG Metall bleibt finanziell handlungsfähig, ihre Streikkasse ist gut gefüllt, und sie reklamiert Einfluss in zentralen industriepolitischen Fragen. Die anhaltenden Mitgliederverluste verweisen zugleich auf eine Schwächung der sozialen Verankerung, die sich nicht allein durch politische Präsenz ausgleichen lässt.
Ein genauerer Blick auf die Entwicklung hinter diesen Zahlen relativiert diesen Befund. In einer der tiefsten Krisen der deutschen Industrie, in der monatlich zehntausend Industriearbeitsplätze verloren gehen und insgesamt mehr als 140 000 Industriejobs abgebaut wurden, gelang es der IG Metall innerhalb eines Jahres, rund 93 000 neue Mitglieder zu gewinnen. Damit liegt die Zahl der Neuaufnahmen nur wenige Tausend unter den Werten früherer Hochkonjunkturphasen. Hinzu kommt, dass nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Ausbildungsstellen spürbar zurückgegangen sind. Dennoch konnte die IG Metall bei der Gewinnung junger Mitglieder im Grundsatz an frühere Jahre anschließen. Der Mitgliederverlust resultiert damit weniger aus einem Einbruch bei den Zugängen als aus strukturellen Verschiebungen: dem Wegfall ganzer Beschäftigungssegmente und dem altersbedingten Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge aus dem Erwerbsleben.
Gewerkschaften in widersprüchlicher Transformation
Diese Konstellation bildet den Ausgangspunkt der dritten Auflage des von Wolfgang Schroeder und Samuel Greef beim Verlag Springer VS herausgegebenen Handbuchs Gewerkschaften in Deutschland.
Anders als die zweite Auflage beschränkt sich der Band nicht auf Aktualisierungen und Erweiterungen bestehender Beiträge. Für die Neuauflage wurden zahlreiche neue Autor:innen gewonnen und zentrale gegenwärtige Konflikt- und Transformationsfragen erstmals eigenständig aufgenommen.
Der Sammelband versteht Gewerkschaften weder als Auslaufmodell noch als wiedererstarkte Gegenmacht, sondern als Organisationen in einer offenen, widersprüchlichen Transformation. Die konzeptionelle Linie des Bandes ist eng mit dem wissenschaftlichen Profil seiner Herausgeber verbunden. Wolfgang Schroeder ist Professor und Leiter des Fachgebiets Politisches System der Bundesrepublik Deutschland – Staatlichkeit im Wandel an der Universität Kassel sowie Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Samuel Greef ist Privatdozent am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel und wissenschaftlicher Mitarbeiter am selben Fachgebiet. Beide arbeiten seit Jahren zu Fragen der Transformation von Staatlichkeit, Interessenvermittlung und industriellen Beziehungen. Diese Forschungsperspektive prägt den organisations- und akteurszentrierten Zugriff des Handbuchs deutlich.
Kennzeichnend für die Herangehensweise der Herausgeber ist die bewusste Abkehr von zwei dominanten Erzählungen der vergangenen Jahrzehnte: der Niedergangsthese, die Gewerkschaften als institutionelle Überbleibsel der fordistischen Industriegesellschaft deutet, und der Renaissancethese, die aus punktuellen Erfolgen in Krisenzeiten bereits eine strukturelle Rückkehr gewerkschaftlicher Stärke ableitet. Beide Perspektiven greifen aus ihrer Sicht zu kurz. Stattdessen beschreiben sie die deutschen Gewerkschaften als Organisationen in einer Transformation, deren Ausgang weder determiniert noch normativ vorentschieden ist. Wandel erscheint hier nicht als linearer Anpassungsprozess, sondern als konflikthafte Suchbewegung, in der Stabilisierung, Erosion und Neujustierung zugleich wirksam sind.
Im Zentrum steht die Fokussierung auf Organisationsmacht. Schroeder und Greef verschieben den analytischen Schwerpunkt weg von sozialmoralischen Milieus, Klassenidentitäten oder historisch gewachsenen Loyalitätsbindungen hin zu den inneren Strukturen, Ressourcenverteilungen und strategischen Entscheidungen der Gewerkschaften selbst. Gewerkschaften werden nicht primär als Reflex gesellschaftlicher Umbrüche verstanden, sondern als eigenverantwortliche Akteure, deren Handlungsfähigkeit davon abhängt, ob es ihnen gelingt, unter veränderten Bedingungen Mitglieder zu gewinnen, zu halten und zu aktivieren. Die Herausforderung liegt weniger in der abstrakten Diagnose von Individualisierung, Digitalisierung oder Dienstleistungsökonomie als in der konkreten Frage, wie organisationale Kohärenz und kollektive Handlungsfähigkeit unter Bedingungen wachsender Heterogenität hergestellt werden können.
Diese Perspektive erklärt auch die zentrale Bedeutung, die die Herausgeber der Mitgliederfrage beimessen. Der langfristige Rückgang der gewerkschaftlichen Organisationsgrade wird nicht als bloßes Resultat externer Strukturveränderungen gedeutet, sondern als strategische Kernherausforderung. Zugleich vermeiden Schroeder und Greef jede voluntaristische Verkürzung. Es gebe keinen Königsweg, keine schnelle strategische Lösung und keine Rückkehr zu den sozialmoralischen Resonanzräumen der Nachkriegszeit. Erneuerung sei pfadabhängig, konflikthaft und ungleichzeitig – und gerade deshalb politisch ernst zu nehmen.
Ein zweiter zentraler Baustein ihrer Linie ist die konsequente Abkehr von der Vorstellung „der“ deutschen Gewerkschaften. Mit der Unterscheidung dreier Welten der Arbeitsbeziehungen – sozialpartnerschaftlich integrierte Kernbereiche, konfliktpartnerschaftliche Zwischenzonen und Bereiche von Konflikt ohne Partnerschaft – wird das sogenannte deutsche Modell nicht verworfen, aber relativiert. Es fungiert weniger als flächendeckende Realität denn als analytische Vergleichsfolie, an der sich Fragmentierung, Selektivität und Exklusion sichtbar machen lassen. Gewerkschaftliche Stärke erscheint in diesem Zugriff nicht als gesamtgesellschaftliche Größe, sondern als sektor- und regionalspezifisches Phänomen. Dass Gewerkschaften zugleich stark und schwach sein können, ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck dieser Differenzierung.
Vor diesem Hintergrund gewinnt auch der Umgang mit Korporatismus und Sozialpartnerschaft eine nüchterne Kontur. Schroeder und Greef halten am Begriff des deutschen Modells fest, entkleiden ihn jedoch jeder normativen Verklärung. Der Nachkriegskonsens zwischen Kapital, Arbeit und Staat wird als historisch wirksam, aber politisch erodiert beschrieben. Phänomene des Krisenkorporatismus – in der Finanzkrise, während der Corona-Pandemie oder in der Energiekrise – erscheinen als situative Reaktivierungen, nicht als strukturelle Rückkehr stabiler Arrangements. Korporatismus ist in dieser Perspektive keine verlässliche Ordnung mehr, sondern eine strategische Option mit begrenzter Reichweite, die zugleich neue Exklusionen erzeugen kann.
Wie an vielen anderen Stellen zeigt sich auch hier, dass Schroeder/Greef gerade nicht aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft auf die Welt schauen, sondern nah dran sind an den realen und sehr konkreten Auseinandersetzungen unserer Zeit.
Tarifbindung unter Vorbehalt: Verschiebungen auf der Arbeitgeberseite
Seit dem 1. Januar dieses Jahres ist Udo Dinglreiter neuer Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. Mit seiner Wahl ist ein Novum verbunden: Er ist der erste Präsident in der 135-jährigen Geschichte des Verbands, der aus einem Unternehmen ohne Tarifbindung stammt. Dieses Detail verweist auf eine Verschiebung innerhalb der Arbeitgeberorganisationen, die seit Jahren den Rahmen der Sozialpartnerschaft verändert. Die Tarifbindung sinkt, während Mitgliedschaften ohne Tarifbindung zunehmen. Diese stabilisieren zwar die Verbände organisatorisch, untergraben jedoch die tarifliche Verbindlichkeit. Werden tarifgebundene Unternehmen zur Minderheit, gerät die Sozialpartnerschaft insgesamt unter Druck. Gesamtmetall hat sich mit den OT-Mitgliedschaften in eine Sackgasse manövriert: Während der Anteil der OT-Mitglieder steigt, gibt es kaum mehr neue tarifgebundene Mitglieder. Knapp 60 Prozent der Mitgliedsfirmen von Gesamtmetall haben nach den eigenen Zahlen des Verbandes nur noch einen OT-Status, in Bayern liegt der Anteil bei 84, 6 Prozent.
Dinglreiter selbst relativierte diesen Befund, indem er den Flächentarif als nicht für jedes Unternehmen passendes Regelwerk bezeichnete und betonte, Gesamtmetall vertrete tarifgebundene wie nicht tarifgebundene Unternehmen gleichermaßen. In dieser Gleichsetzung liegt der Bruch, da sie tariflose Mitgliedschaften nicht mehr als Ausnahme, sondern als dauerhaften Bestandteil der Verbandsrealität normalisiert.
Der zeitliche und inhaltliche Zusammenhang mit der Grundsatzkritik von Nico Fickinger, Hauptgeschäftsführer von Nordmetall, ist offenkundig. Fickinger stellte in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tarifliche Strukturen und staatliche Rahmensetzungen in ungewöhnlich scharfer Form infrage. Seine Intervention zielte nicht auf Reform, sondern auf die Delegitimierung eines Ordnungsprinzips, das über Jahrzehnte industrielle Stabilität gewährleistet hat.
In ihrer Antwort, ebenfalls in der FAZ veröffentlicht, formulierte Christiane Benner eine präzise Klarstellung. Sozialpartnerschaft sei kein Naturzustand, sondern ein institutionelles Arrangement, das auf Gegenseitigkeit, Verlässlichkeit und verbindlichen Regeln beruhe. Wo Arbeitgeber tarifliche Bindung systematisch unterlaufen, entstehe kein Mehr an Freiheit, sondern ein ordnungspolitisches Vakuum. Staatliche Rahmensetzung werde in diesem Fall nicht zum Angriff auf die Tarifautonomie, sondern zu ihrer funktionalen Voraussetzung.
Hier berühren sich politische Intervention und analytischer Zugriff. Während Benner die Notwendigkeit staatlicher Rahmensetzung dort betont, wo sozialpartnerschaftliche Selbstregulierung nicht mehr trägt, analysiert der Einleitungsbeitrag des Handbuchs dieselbe Entwicklung als Kontextbedingung, die aus der Erosion bestehender Arrangements hervorgeht. Diese Zurückhaltung ist programmatisch: Schroeder und Greef wollen erklären, warum Gewerkschaften handeln, wie sie handeln – nicht vorgeben, was sie tun sollten.
In diesem Sinne markiert der Einleitungsbeitrag den Rahmen, in dem sich sowohl die Selbstbeschreibung der IG Metall als auch Benners Intervention einordnen lassen. Das Handbuch erklärt, warum Gewerkschaften heute zugleich an Bindungskraft verlieren und politisch handlungsfähig bleiben. Ob und wie aus dieser Konstellation eine neue Stabilität entstehen kann, bleibt bewusst offen. Genau darin liegt sein Erkenntnisinteresse – und der Maßstab für die folgenden Beiträge.
Eine analytische Landkarte
Im Anschluss an die Einleitung entfalten die weiteren Beiträge eine Panoramakarte des gegenwärtigen Stands der Gewerkschaftsforschung. Sie folgen einer klar gegliederten, handbuchtypischen Struktur. Die dritte Auflage ist dabei ausdrücklich nicht als bloße Fortschreibung früherer Fassungen angelegt, sondern als inhaltlich neu akzentuierte Gesamtschau.
Der Sammelband ist in fünf große Abteilungen gegliedert, die gemeinsam darauf zielen, Gewerkschaften zugleich als historische Akteure, als Organisationen, als Bestandteil politisch-ökonomischer Ordnungen und als handelnde Akteure in spezifischen Politikfeldern zu erfassen.
Die erste Abteilung (Grundlagen) verortet Gewerkschaften historisch, rechtlich und theoretisch. Neben einem Überblick zur Rolle von Gewerkschaften im 21. Jahrhundert werden zentrale Bezugspunkte gesetzt: die Geschichte und Erinnerung der deutschen Gewerkschaftsbewegung, die Bedeutung von Koalitionsfreiheit und Tarifautonomie sowie grundlegende Strukturmerkmale des deutschen Gewerkschaftsmodells. Dieser Teil erfüllt eine ordnende und kontextualisierende Funktion. Er schafft den begrifflichen und historischen Rahmen, auf den sich die späteren Beiträge beziehen.
Die zweite Abteilung (Gewerkschaftliche Organisation) bildet das Schwerpunktzentrum des Bandes. Hier tritt die organisationszentrierte Perspektive der Herausgeber besonders deutlich hervor. Behandelt werden die innere Rechtsverfassung der Gewerkschaften, haupt- und ehrenamtliche Funktionseliten, gewerkschaftliche Bildungsarbeit, Mitgliederentwicklung und Mitgliederpolitik sowie Geschlechterverhältnisse innerhalb der Organisationen. Dieser Teil beschränkt sich nicht auf klassische organisationstheoretische Fragen, sondern greift aktuelle Transformationsprobleme systematisch auf, etwa Stabilisierungstendenzen nach dem Mitgliederrückgang oder anhaltende Repräsentationsdefizite. Gewerkschaften erscheinen hier weniger als abstrakte Interessenverbände denn als komplexe Organisationen mit eigenen Macht- und Entscheidungsstrukturen.
Die dritte Abteilung (Einbettung der Gewerkschaften in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft) richtet den Blick nach außen. Im Zentrum stehen das Verhältnis von Gewerkschaften zu korporatistischen Arrangements, zur Medienöffentlichkeit, zu anderen Interessenverbänden und zu Arbeitgeberorganisationen. Auch Arbeitskämpfe und Streiks werden in diesem Zusammenhang behandelt. Der Abschnitt verdeutlicht, dass gewerkschaftliche Handlungsfähigkeit nicht isoliert zu denken ist, sondern in relationalen Konstellationen entsteht – zwischen Organisationen, Institutionen und gesellschaftlichen Erwartungshorizonten. Zugleich bleibt die systematische Verknüpfung von Organisations- und Kontextperspektive überwiegend implizit.
Die vierte Abteilung (Gewerkschaftliche Handlungsfelder) widmet sich den klassischen und erweiterten Politikfeldern gewerkschaftlichen Handelns. Tarifpolitik, Betriebspolitik, Mitbestimmung, Sozialpolitik sowie die Interessenvertretung atypisch Beschäftigter werden hier behandelt. Der Fokus liegt auf der Beschreibung institutioneller Arrangements, Handlungsspielräume und struktureller Grenzen, weniger auf programmatischen Forderungen. Der Abschnitt macht deutlich, dass sich gewerkschaftliche Politik zunehmend unter Bedingungen von Fragmentierung, Differenzierung und begrenzter Durchsetzungsmacht vollzieht, ohne dass damit ihre gesellschaftliche Relevanz verschwindet.
Die fünfte Abteilung (Gewerkschaften im internationalen Umfeld) erweitert den Blick über den nationalen Rahmen hinaus. Internationale Vergleichsperspektiven, europäische Gewerkschaftsorganisationen und internationale Gewerkschaftspolitik werden hier behandelt. Der Abschnitt ergänzt den Band um eine transnationale Dimension, bleibt jedoch eng an das zentrale Erkenntnisinteresse angebunden: die Analyse des deutschen Gewerkschaftsmodells und seiner Transformation im internationalen Kontext.
Abgerundet wird der Sammelband durch einen umfangreichen Anhang mit aktuellen Daten, Zeitreihen, Übersichten und Synopsen zu Gewerkschaften, Arbeitsbeziehungen und Arbeitsmarktentwicklung. Dieser unterstreicht den Charakter des Werks als Referenz- und Arbeitsinstrument, das analytische Orientierung mit empirischer Fundierung verbindet.
Kontinuität und Korrektur: Die dritte Auflage im Spiegel der Kritik
In einer Rezension beim Archiv für Sozialgeschichte zur zweiten Auflage des Handbuchs formulierte die Politikwissenschaftlerin Sigrid Koch-Baumgarten eine Kritik, die über Einzelbeiträge hinausging. Sie zielte auf die konzeptionelle Grundentscheidung des Bandes: die starke Binnenperspektive, die organisationszentrierte Deutung der Krise und die vergleichsweise schwache Kontextualisierung gesellschaftlicher, politischer und kultureller Transformationsprozesse. Vor diesem Hintergrund lässt sich die dritte Auflage als reaktionsfähig, aber nicht paradigmatisch neu ausgerichtet lesen.
Die Herausgeber haben auf zentrale Einwände erkennbar reagiert. Themen, die 2014 als unterbelichtet galten – Geschlechterverhältnisse, Mitgliederpolitik, Medienöffentlichkeit, atypische Beschäftigung –, sind nun systematisch verankert. Die dritte Auflage ist thematisch breiter aufgestellt und näher an den Konfliktlinien der Gegenwart. Auch der Vorwurf einer starken Bindung an die Gewerkschaftsforschung des 20. Jahrhunderts verliert an Gewicht: Digitalisierung, sozial-ökologische Transformation, Rechtspopulismus und multiple Krisen bilden nun einen selbstverständlichen Hintergrund der Analyse.
Zugleich bleibt die grundlegende analytische Setzung bemerkenswert stabil. Wie bereits in der zweiten Auflage wird die Krise der Gewerkschaften primär als Frage der Organisationsmacht und der strategischen Entscheidungen innerhalb der Verbände interpretiert. Auch in der dritten Auflage bildet die Mitgliederfrage den Dreh- und Angelpunkt gewerkschaftlicher Zukunftsfähigkeit. Externe Strukturveränderungen werden berücksichtigt, jedoch nicht als hinreichende Erklärung akzeptiert. In diesem Sinne hält der Band an jener Akteursperspektive fest, die Koch-Baumgarten bereits 2015 kritisch hervorgehoben hatte.
Die Stärke des Bandes liegt in dieser organisationsanalytischen Tiefenschärfe. Innere Strukturen, Machtverhältnisse, Mitgliederpolitik und institutionelle Routinen werden als zentrale Bedingungen gewerkschaftlicher Handlungsfähigkeit behandelt. Damit unterscheidet sich das Handbuch von Darstellungen, die Gewerkschaften vor allem aus dem Wandel von Märkten, Technologien oder Milieus erklären. Erneuerung erscheint hier nicht als unmittelbare Folge veränderter Rahmenbedingungen, sondern als Ergebnis innerorganisatorischer Entscheidungen.
Die politische Ökonomie der Gegenseite, ein Kernanliegen der früheren Kritik, wird jedoch auch in der dritten Auflage nicht systematisch in die Gesamtarchitektur integriert. Die Transformation der Arbeitgeberverbände, Strategien der Tarifflucht, die politische Ökonomie staatlicher Arbeitsmarkt- und Industriepolitik sowie die konflikthafte Rolle des Staates erscheinen überwiegend als Kontext, nicht als eigenständige Arenen gesellschaftlicher Auseinandersetzung.
Auffällig bleibt zudem die zurückhaltende Behandlung normativer Fragen. Der Band erklärt, wie Gewerkschaften handeln und unter welchen Bedingungen sie handlungsfähig bleiben, enthält sich jedoch weitgehend einer Bewertung, welche Formen gewerkschaftlicher Erneuerung gesellschaftlich wünschenswert oder demokratisch geboten wären. Diese analytische Nüchternheit schützt vor vorschnellen Strategierezepten, lässt jedoch eine Leerstelle offen, die in aktuellen Debatten um Tariftreue, Mindestlohn, staatliche Rahmensetzung und europäische Regulierung zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Als Referenz- und Analyseinstrument ist das Handbuch außerordentlich leistungsfähig. Als politischer Kompass bleibt es zurückhaltend.
So überzeugend der von Wolfgang Schroeder und Samuel Greef herausgegebene Sammelband analytisch und systematisch angelegt ist, so deutlich tritt ein Spannungsverhältnis zu seinem eigenen Gegenstand zutage. Das Handbuch Gewerkschaften in Deutschland ist weder open access verfügbar noch niedrigschwellig zugänglich. Mit einem Umfang von rund 780 Seiten und einem E-Book-Preis von etwa 90 Euro beziehungsweise einem Hardcoverpreis von rund 119 Euro richtet sich das Werk faktisch an Universitätsbibliotheken und institutionelle Forschungskontexte, nicht jedoch an die gewerkschaftliche Praxis, deren Transformation es analysiert.
Für haupt- und ehrenamtliche Gewerkschafter:innen, Betriebsräte oder Bildungsreferent:innen ist diese Publikationsform kaum erschwinglich. Das ist problematisch, da der Band wiederholt die Bedeutung von Organisationsmacht, innergewerkschaftlichem Lernen und strategischer Selbstreflexion betont. Ein Werk, das den Anspruch erhebt, den State of the Art der Gewerkschaftsforschung abzubilden, bleibt damit jenen Akteur:innen weitgehend verschlossen, die diese Organisationsmacht im Alltag herstellen oder an ihre Grenzen führen.
Diese Diskrepanz ist nicht allein den Herausgebern anzulasten. Sie verweist auf ein strukturelles Dilemma wissenschaftlicher Publikationslogiken, insbesondere im Kontext großer Fachverlage. Gleichwohl ist der Befund politisch und gewerkschaftlich relevant: Die Wissensproduktion über Gewerkschaften ist institutionell zugänglich, aber sozial selektiv. Das steht in einem Spannungsverhältnis zu dem im Band formulierten Anspruch, Gewerkschaften als lernende, strategische Organisationen ernst zu nehmen.