Die Zerstörung der Gewerkschaften 1933
- Quelle: www.dhm.de
Die Ereignisse des 30. Januar 1933 und alles, was darauf folgte, sind bekannt. Entscheidend für uns als Gewerkschafter:innen und Antifaschist:innen ist jedoch die Frage, wie wir darüber sprechen.
Wollen wir Heldengeschichten hören, uns im Handeln der Generationen vor uns sonnen? Oder suchen wir ein Angebot, aus dieser Vergangenheit zu lernen? Letztlich bedarf es der kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, um daraus Schlüsse für das eigene Handeln in der Gegenwart zu ziehen.
Am 30. Januar wird Hitler zum Reichskanzler ernannt, drei Monate später werden die Gewerkschaften zerschlagen. Danach gibt es keine Gewerkschaften mehr, sondern nur noch Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter: in Haft, im Exil, vom Tode bedroht – mit unterschiedlichen Haltungen, in der von den Nazis initiierten Deutschen Arbeitsfront (DAF), im Widerstand oder als Zuschauende.
Für unsere heutige Auseinandersetzung ist entscheidend, was in den drei Monaten dazwischen geschieht: wie die noch bestehenden Gewerkschaften dem Handeln der Nazis begegnen – in einer Zeit, in der Gewalt und Repression zunehmen, die Organisationen aber noch existieren.
Zwischen Machtübertragung und Verbot: Das Versagen der Vorsicht
Sehr schnell kommt es zu ersten Verhaftungen. SA und NSBO stürmen Betriebsratsbüros, Arbeiterzeitungen werden verboten, die ADGB-Bundesschule in Bernau wird besetzt, Angriffe auf Gewerkschaftshäuser häufen sich.
Für die NSDAP sind linke, demokratische Organisationen der gesellschaftliche Hauptfeind, da sie von dort Gegenwind und Widerstand erwarten. Die deutsche Arbeiterbewegung gilt damals als die am besten organisierte der Welt; der Generalstreik gegen den Kapp-Putsch 1920 hat gezeigt, wozu sie fähig ist.
Gleichzeitig sind sich die Nazis bewusst, dass sie zwar nicht die Gewerkschaften als Massenorganisationen, wohl aber die Arbeiter:innen für sich gewinnen wollen, um so in die Gesellschaft hineinzuwirken.
Wie reagieren die Gewerkschaften auf die Situation, dass Hitler Reichskanzler ist und der Straßenterror bereits vor den Wahlen am 5. März zunimmt?
Unmittelbar nach der Machtübertragung tagt der Bundesausschuss des ADGB und veröffentlicht ein Flugblatt mit folgendem Aufruf:
„Die Lebensinteressen der gesamten Arbeitnehmerschaft stehen auf dem Spiel. Um Angriffe gegen Verfassung und Volksrechte im Ernstfall wirksam abzuwehren, ist kühles Blut und Besonnenheit erstes Gebot. Lasst Euch nicht zu voreiligen und darum schädlichen Einzelaktionen verleiten.“
Aufrufe zu Ruhe und Ordnung, verbunden mit der Annahme, niemand könne Geist und Stärke der Gewerkschaften brechen, ziehen sich bis Ende April durch Publikationen und Verlautbarungen. „Organisation statt Demonstration“ lautet das Schlagwort.
Theodor Leipart, der ADGB-Vorsitzende, schreibt im Vertrauen auf Recht und Ordnung mehrere Briefe an den Reichspräsidenten. Er zählt jeweils bis zu 36 Städte auf, in denen Verwaltungsgebäude besetzt und teilweise zerstört werden, vermutet Unwissen als Ursache dafür, dass niemand eingreift, und bittet höflich darum, Recht und Gesetz in Deutschland wieder zur Geltung zu bringen.
Trotz aller Angriffe können sich nur die wenigsten ein Verbot wirklich vorstellen. Stattdessen gibt es eine Bereitschaft, durch Anpassungsversuche die eigene Existenz zu bewahren.
Im Leitartikel der Zeitung „Gewerkschaft“ vom 18. März heißt es entsprechend:
„Gleichviel, wie die Regierungen auch heißen und zusammengesetzt sein mögen, zur Wahrung der Arbeitnehmerrechte brauchen wir die gewerkschaftlichen Organisationen.“
Nur wenigen ist die Tragweite dessen, was in diesen Wochen geschieht, wirklich bewusst. Einer von ihnen ist Siegfried Aufhäuser, Vorsitzender des AfA-Bundes, der gleich zwei Feindbildern der Nazis entspricht und damit ihren Hass auf sich zieht: Er ist Gewerkschafter – und er ist Jude.
Er tritt vom Vorsitz zurück, weil er den Anpassungskurs ablehnt und als Jude kein doppeltes Angriffsziel für den AfA-Bund darstellen will.
Der Antisemitismus ist einer der ideologischen Kerne der Nationalsozialisten und findet in der Bevölkerung ausreichend Widerhall, um vorhandene Ressentiments und Vorurteile für die eigenen Zwecke zu mobilisieren. Die Emanzipation der deutschen Jüdinnen und Juden ist ein Ergebnis der Revolution und eine Errungenschaft der Weimarer Republik. Damit ist der Antisemitismus nicht überwunden – er bleibt Teil der Gesellschaft –, aber er ist nicht Teil staatlicher Politik. Mit der Machtübertragung an die Nazis ändert sich das grundlegend und führt über Ausgrenzung und Verfolgung bis hin zur Vernichtung.
Dass Aufhäuser und andere jüdische Hauptamtliche sich resigniert zurückziehen, zeigt deutlich, dass mit einem solidarischen Kampf für die deutschen Jüdinnen und Juden auch innerhalb der Gewerkschaften nicht zu rechnen ist. Noch bevor Institutionen gezwungen werden, ihre jüdischen Mitglieder auszuschließen, kommt es zu einer Art Selbstarisierung. Mit jedem weiteren Schritt aus der Mehrheitsgesellschaft hinaus sind Jüdinnen und Juden zunehmend auf sich allein gestellt und können sich nicht auf gesellschaftliche Unterstützung verlassen.
Mit der Ankündigung, den 1. Mai zu einem gesetzlichen Feiertag zu machen, sehen die Gewerkschaften ihr Ziel erreicht: die Bewahrung der Organisation trotz veränderter politischer Rahmenbedingungen. Sie rufen zur Teilnahme an den Kundgebungen und Demonstrationen auf.
Der Aufruf liest sich heute wie ein Dokument gebrochenen Rückens. Sprachlich stark an den Ungeist der Zeit angepasst, wird statt von „Klasse“ von „Stand“ gesprochen, und die Häufigkeit des Begriffs „deutsch“ ist kaum zu zählen.
Ungeachtet dessen ist der 2. Mai von Seiten der Faschisten längst geplant: Am Morgen stürmt die SA die Gewerkschaftshäuser, die Vorsitzenden aller freien Gewerkschaften werden verhaftet, die Organisationen werden zerschlagen. Der Rest ist bekannt.
Wenn wir uns heute kritisch mit diesen drei Monaten auseinandersetzen, geht es nicht darum, sich über die Kolleginnen und Kollegen von damals zu erheben. Es geht darum, ihre Intentionen genau zu analysieren und zu begreifen, wie gefährlich diese Organisationspolitik im Jahr 1933 war.
Viele Gewerkschafter gehen später in den Widerstand, auch jene, die sich im Februar und März noch an die Vorstellung der Anpassung geklammert haben. Die Liste der Ermordeten ist lang. Wir zollen ihnen großen Respekt. Gleichzeitig müssen wir den ambivalenten Blick auf diese Zeit bewahren und aushalten.
Als DGB-Gewerkschaften haben wir uns im Wissen um unsere Geschichte einen klaren gesellschaftspolitischen Auftrag gegeben, der in unseren Satzungen nachzulesen ist. Uns gibt es nur dann, wenn wir uns für eine demokratische Gesellschaft einsetzen: gegen Unterdrückung und Ausgrenzung, gegen Rassismus und Antisemitismus. Auch wir sind darauf angewiesen.
Dass Betriebspolitik nur dort gestaltbar ist, wo Demokratie herrscht – diese Erfahrung haben wir bereits einmal gemacht. Wir sollten alles daransetzen, eine Wiederholung zu vermeiden.
Die Autorin Chaja Boebel ist Historikerin und politische Sekretärin im Ressort Grundsatzfragen & Gesellschaftspolitik beim Vorstand der IG Metall.
Mehr zum Thema "Zerschlagung der Gewerkschaften" findet sich hier.