Transformation gestalten – zwischen FairWandel und Wirtschaftsdemokratie
Der erste Monat des Jahres 2026 ist noch nicht abgelaufen und schon blicken wir auf eine Fortsetzung von Ereignissen, die uns die gegenwärtige Weltunordnung wie eine sich rasant fortbewegende Lawine erscheinen lassen: Auf Befehl von Präsident Trump intervenieren die USA in Venezuela und verbringen den autokratischen Regierungschef Maduro sowie dessen Frau nach New York, im Ukraine-Krieg kommen die Verhandlungen über eine Friedenslösung nicht voran, stattdessen terrorisiert Putins Armee die Zivilbevölkerung des angegriffenen Landes mit der Zerstörung von Infrastruktur. Trump und dessen Vize J.D. Vance drohen unverhohlen mit einer Annexion Grönlands und den europäischen Unterstützern der Insel mit Strafzöllen.
Angesichts dessen erscheint die 36. Ausgabe des Jahrbuchs „Ökonomie und Gesellschaft“ mit seinem Themenschwerpunkt „Konversion – Wirtschaftsdemokratie für den sozial-ökologischen Umbau“ ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Doch dieser Eindruck trügt, wenn man aus der reaktiven Kurzatmigkeit des Dauerkrisenmodus heraustritt und sich die Zeit nimmt, eine Betrachtung in längeren Linien vorzunehmen.
In den Beiträgen wird Konversion als Begriff diskutiert, der auf bewusste Richtungsentscheidungen im Produktions- und Investitionsgeschehen zielt und damit Fragen nach gesellschaftlichen Prioritäten, Machtverhältnissen und demokratischer Einflussnahme aufwirft. Transformation wird parallel als Bezeichnung für einen längerfristigen, vielschichtigen Wandel wirtschaftlicher und sozialer Strukturen verwendet, der unterschiedliche Entwicklungspfade und Übergänge umfasst. Die Autor:innen untersuchen, welche politischen Konsequenzen mit diesen Begriffen jeweils verbunden sind, wie sie betriebliche Konflikte strukturieren und welche Handlungsspielräume sie für gewerkschaftliche, staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure eröffnen.
Der Begriff der Konversion verweist auf eine lange Geschichte von Auseinandersetzungen um den bewussten Umbau von Produktionsstrukturen – zunächst vor allem im Kontext der friedenspolitischen Forderung nach der Umstellung von Rüstungs- auf zivile Produktion, später im Rahmen industriepolitischer Strukturwandelprozesse und wirtschaftsdemokratischer Reformkonzepte. Konversion bezeichnete dabei stets mehr als technischen Wandel: Es ging um gesellschaftliche Prioritätensetzungen, um demokratische Einflussnahme auf Investitions- und Produktionsentscheidungen und um die soziale Absicherung der davon betroffenen Beschäftigten.
An diese Bedeutung knüpft Peter Bartelheimer an. Er war tätig am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) und ist gemeinsam mit Silke Ötsch, die am SOFI tätig ist, Herausgeber dieser Ausgabe des Jahrsbuchs. Bartelheimer begreift Konversion als präzisen Begriff für den sozialökologischen Umbau, weil er die bewusste Umsteuerung von Produktion und Beschäftigung in den Mittelpunkt rückt und die damit verbundenen politischen Entscheidungen sichtbar macht. Mit dieser begrifflichen Setzung positioniert sich Bartelheimer ausdrücklich anders als jene Beiträge, die aus strategischen oder organisationspolitischen Gründen den offeneren Transformationsbegriff bevorzugen, und eröffnet damit eine Kontroverse, die in den folgenden Texten aus unterschiedlichen Perspektiven weitergeführt wird.
Im Einführungsbeitrag und in den folgenden Texten wird diskutiert, wie tragfähig der Konversionsbegriff unter heutigen Bedingungen noch ist. Einerseits erlaubt er eine klare politische Zuspitzung, weil er die Zweckfrage von Produktion stellt und den sozialökologischen Umbau als bewusste Richtungsentscheidung begreift. Andererseits ist er historisch stark aufgeladen und mit Erwartungen tiefgreifender Systemveränderungen verbunden, die in betrieblichen und politischen Auseinandersetzungen eher Widerstände hervorrufen können. Demgegenüber hat sich der Begriff der Transformation etabliert, da er offener, anschlussfähiger und weniger konfrontativ erscheint, zugleich aber Gefahr läuft, Macht- und Verteilungsfragen zu entschärfen.
Vor diesem Hintergrund konzentriert sich die folgende Betrachtung auf jene Beiträge des Sammelbandes, die sich mit der sozialökologischen Transformation der Automobilindustrie befassen. Andere thematische Stränge des Jahrbuchs – insbesondere die Beiträge zur Landwirtschaft sowie zur Caritas und den sozialen Diensten – bleiben dabei außen vor, werden hier jedoch ausdrücklich benannt, weil sie den Anspruch des Bandes unterstreichen, Konversion und Transformation nicht auf einen einzelnen Wirtschaftssektor zu verengen, sondern als gesamtgesellschaftliche Herausforderung zu begreifen.
Die Fokussierung auf die Automobilindustrie folgt der besonderen Bedeutung dieses Sektors für die Debatte. Kaum ein anderer Industriezweig bündelt ökologische Belastungen, beschäftigungspolitische Abhängigkeiten, tarifliche Ordnungen und industriepolitische Interessen in vergleichbarer Weise. Zugleich dient die Automobilindustrie im Sammelband als empirisches und analytisches Feld, an dem sich unterschiedliche Verständnisse von Transformation und Konversion exemplarisch durchspielen lassen.
Die ausgewählten Beiträge setzen dabei an unterschiedlichen Ebenen an: Sie reichen von betrieblichen und tarifpolitischen Strategien über arbeitnehmergetriebene Konversionsansätze und aktivistische Bündniskonzepte bis hin zu wirtschaftsdemokratischen und hegemonietheoretischen Perspektiven. In ihrer Zusammenschau entfalten sie keinen einheitlichen Lösungsansatz, sondern eine Debatte über Bedingungen, Reichweiten und Grenzen politischer Wirksamkeit im sozialökologischen Umbau der Automobilindustrie. Exemplarisch deutlich wird dieser Spannungsbogen in den Texten von Katrin Mohr und Franziska Wiethold.
FairWandel und Wirtschaftsdemokratie
Im Beitrag „Die sozialökologische Transformation fair gestalten – Strategien und Perspektiven der IG Metall“ nimmt Katrin Mohr, die im Ressort Grundsatzfragen und Gesellschaftspolitik beim Vorstand der Industriegewerkschaft tätig ist, eine doppelte Perspektive ein. Sie verbindet eine nüchterne Zwischenbilanz der bisherigen Transformationspraxis in den von der IG Metall organisierten Branchen mit strategischen Schlussfolgerungen für gewerkschaftliches Handeln unter realen Macht-, Akzeptanz- und Mehrheitsverhältnissen. Transformation erscheint bei ihr weder als abstraktes Zukunftsversprechen noch als moralisch-politische Zielerzählung, sondern als bereits laufender Strukturbruch, ausgelöst durch Dekarbonisierung, Digitalisierung, demografische Verschiebungen und globale Konkurrenz.
Ausgangspunkt ihrer Argumentation ist die Feststellung, dass diese Transformation unumgänglich ist, ihr Verlauf jedoch offen bleibt. Sie erzeugt erhebliche Verliererrisiken, insbesondere in industriellen Kernbranchen, und sie ist politisch nur dann durchsetzbar, wenn soziale Sicherung, Mitbestimmung und Akzeptanz gewährleistet sind. Damit richtet sich Mohrs Beitrag gegen Deutungen, die den sozialökologischen Umbau vor allem als technisches Modernisierungsprojekt oder als kulturellen Einstellungswandel begreifen.
Zentral für ihre strategische Ableitung ist das von der IG Metall entwickelte Leitmotiv des „Fairwandels“. Mohr versteht Fairwandel als organisationspolitisches Orientierungs- und Steuerungskonzept, das ökologische, soziale und demokratische Dimensionen miteinander verbindet: die Anerkennung planetarer Grenzen, die Sicherung von Einkommen, Qualifikation und Beschäftigungsperspektiven sowie die Ausweitung von Mitbestimmung auf Investitions-, Produkt- und Standortentscheidungen. Fairwandel zielt dabei ausdrücklich nicht auf einen Systembruch, sondern auf einen radikalen Reformismus innerhalb bestehender Eigentums- und Machtverhältnisse.
Diese strategische Setzung stützt Mohr auf eine empirische Zwischenbilanz. Aus Betriebsrätebefragungen der IG Metall arbeitet sie heraus, dass ein erheblicher Teil der Betriebe sein Geschäftsmodell durch die Transformation gefährdet sieht, zugleich aber nur ein Teil dieser Betriebe über erkennbare Zukunfts- und Transformationsstrategien des Managements verfügt. Transformation vollzieht sich vielfach reaktiv, ungesteuert und ohne belastbaren Zukunftsplan. Daraus leitet Mohr die Notwendigkeit ab, dass Gewerkschaften nicht bei der Abfederung sozialer Folgen stehen bleiben dürfen, sondern die strategische Ausrichtung von Betrieben aktiv einfordern und mitgestalten müssen.
Entsprechend strukturiert sie die gewerkschaftlichen Handlungsansätze auf mehreren Ebenen. Auf betrieblicher Ebene setzt sie auf Strategiedialoge, Instrumente wie Transformationsatlanten, Betriebslandkarten und Zukunftsteams sowie auf Qualifizierung und interne Übergänge als vorrangige Lösungen. Tarifpolitisch verweist sie auf Zukunftstarifverträge, Qualifizierungs- und Transformationsgeld sowie auf die tarifliche Absicherung von Übergängen. Politisch schließlich plädiert sie für eine aktive Industrie- und Strukturpolitik, verlässliche Investitionsrahmen und die Bindung öffentlicher Förderung an Beschäftigungs- und Standortzusagen. Diese Ebenen stehen für sie nicht in Konkurrenz, sondern greifen ineinander.
Besonders klar positioniert sich Mohr in der Auseinandersetzung mit Konversions- und System-Change-Konzepten. Sie weist darauf hin, dass Konversion häufig mit Vergesellschaftung, radikaler Produktionsumstellung oder grundlegenden Systemwechseln verbunden wird. Solche Konzepte bewertet sie nicht normativ, wohl aber strategisch kritisch: Sie seien gegenwärtig weder mehrheitsfähig noch betrieblich anschlussfähig und unterschätzten die Bedeutung von Akzeptanz in Belegschaften und in der gesellschaftlichen Mitte. Gewerkschaftliche Politik müsse sich an realen Handlungsspielräumen orientieren und dürfe sich nicht an maximalen Zielvorstellungen erschöpfen.
Diese strategische Perspektive konkretisiert Mohr durch eine Reihe sehr praktischer Fragen, die sie als Prüfsteine für die Glaubwürdigkeit der Transformation aus Beschäftigtensicht versteht. Besonders deutlich wird dies am Beispiel der Weiterbildung. Mohr begreift Qualifizierung nicht als abstrakte Offensive, sondern als Macht- und Verteilungsfrage: Wer entscheidet über künftige Qualifikationsbedarfe, wer finanziert Weiterbildung und wer trägt das Risiko, wenn neue Qualifikationen sich als nicht nachgefragt erweisen? Ihre Antwort lautet eindeutig: Weiterbildung muss kollektiv abgesichert, tariflich gerahmt und betriebsnah organisiert werden. Individualisierte Verantwortung lehnt sie ab, weil sie soziale Spaltung verstärkt.
Ähnlich argumentiert sie mit Blick auf künftige Qualifikationsanforderungen. Viele Transformationsdebatten suggerieren Zielklarheit, während die empirische Realität durch strategische Ungewissheit geprägt ist. In zahlreichen Betrieben fehlen belastbare Zukunftsstrategien, künftige Tätigkeitsprofile bleiben unklar, Beschäftigte werden dennoch zu Anpassungsleistungen aufgefordert. Daraus zieht Mohr den Schluss, dass Qualifizierung breit angelegt, entwicklungsfähig und auf übertragbare Kompetenzen ausgerichtet sein muss.
Besondere Aufmerksamkeit widmet sie schließlich der Frage der Entlohnung in neuen, „grünen“ Tätigkeiten. Mohr macht deutlich, dass neue Jobs nicht automatisch gute Arbeit bedeuten. Ohne tarifliche Absicherung, Mitbestimmung und Einkommenssicherung droht eine Abwertung industrieller Beschäftigung. Ihre zugespitzte Leitfrage lautet: Warum sollten Beschäftigte Transformation unterstützen, wenn sie objektiv schlechter gestellt werden? Für Mohr ist dies kein Randaspekt, sondern ein zentrales Akzeptanzproblem.
In der Summe versteht Mohr Fairwandel als realpolitische Übersetzung tiefgreifender Veränderungsnotwendigkeiten. Inkrementeller Wandel erscheint bei ihr nicht als Mangel an Ambition, sondern als strategische Voraussetzung politischer Wirksamkeit. Gleichzeitig markiert ihr Beitrag die Grenze dieser Perspektive: Er setzt auf demokratische Gestaltung innerhalb gegebener Verhältnisse und verschiebt die Frage nach deren grundlegender Veränderung.
An genau diesem Punkt und im impliziten Widerspruch zu Mohr setzt Franziska Wiethold an. Die vormalige Gewerkschaftssekretärin der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di versteht sozialökologische Transformation als Ausdruck eines strukturellen Demokratiedefizits in der Wirtschaft und erst in nachgeordneter und abgeleiteter Ebene als Akzeptanz- und Umsetzungsproblem. In Ihrem Beitrag „Sozialökologische Transformation – ein Einstiegsprojekt in Wirtschaftsdemokratie?“ zeigt sie, dass Entscheidungen über Produktionsweisen, Investitionen und Standortentwicklungen weitreichende gesellschaftliche Folgen haben, sich aber demokratischer Kontrolle weitgehend entziehen.
Während Mohr nach politischer Wirksamkeit unter gegebenen Macht- und Mehrheitsverhältnissen fragt, rückt Wiethold die Verhältnisse selbst in den Fokus. Ihr Ausgangspunkt ist die Diagnose eines strukturellen Demokratiedefizits in der Organisation moderner Wirtschaft, das im Zuge der sozialökologischen Transformation nicht geringer, sondern sichtbarer wird.
Wiethold argumentiert, dass zentrale Entscheidungen über Produktionsweisen, Investitionen, Standorte und Wertschöpfung gesellschaftlich hoch wirksam sind, sich aber weitgehend demokratischer Kontrolle entziehen. Gerade im Kontext des sozialökologischen Umbaus werde dieses Defizit politisch brisant: Während Beschäftigte, Regionen und Kommunen die sozialen Folgen von Strukturbrüchen tragen, bleiben die maßgeblichen Entscheidungszentren ökonomischer Macht nur eingeschränkt rechenschaftspflichtig. Transformation erscheint in dieser Perspektive weniger als Umsetzungsproblem bestehender Ziele, sondern als Anlass, die demokratische Verfasstheit wirtschaftlicher Entscheidungen selbst zu überprüfen.
Konversion fungiert bei Wiethold als analytischer Einstiegspunkt in diese Fragestellung. Sie versteht den Begriff nicht primär als betriebliches Umrüstungsprogramm oder als kurzfristige Strategie zur Beschäftigungssicherung, sondern als Anlass, über die demokratische Steuerung von Wirtschaft insgesamt nachzudenken. Konversion verweist für sie auf Situationen, in denen gesellschaftliche Prioritäten neu gesetzt werden müssen – etwa im Umgang mit ökologischen Grenzen, öffentlichen Investitionen oder der Frage, welche Produktionszwecke politisch legitimiert werden sollen. In diesem Sinne verbindet Wiethold Konversion mit wirtschaftsdemokratischen Konzepten, die über den Betrieb hinausreichen und regionale, staatliche und finanzielle Ebenen einbeziehen.
Zugleich bleibt ihr Zugriff bewusst nüchtern. Wiethold warnt vor der Vorstellung, wirtschaftsdemokratische Elemente ließen sich konfliktfrei oder rein institutionell implementieren. Sie thematisiert die Gefahr eines neuen Korporatismus, in dem sozialökologische Transformation zwischen Staat, Kapital und etablierten Interessenorganisationen verhandelt wird, ohne die demokratische Beteiligung breiter gesellschaftlicher Gruppen zu erweitern. Wirtschaftsdemokratie erscheint bei ihr daher nicht als fertiges Modell, sondern als umkämpfter Prozess, in dem Machtverschiebungen, Konflikte und politische Mobilisierung eine zentrale Rolle spielen.
Franziska Wiethold verschiebt damit den Maßstab der Debatte. Akzeptanz und Anschlussfähigkeit bleiben zwar relevant, doch sie sind nicht die Voraussetzung, sondern das Ergebnis demokratischer Auseinandersetzung. Transformation prüft sie weniger entlang einzelner Instrumente oder Übergangsregelungen, sondern entlang der Frage, ob sie zu einer Ausweitung demokratischer Entscheidungsmöglichkeiten beiträgt oder bestehende Machtasymmetrien stabilisiert.
Die Zusammenschau beider Beiträge markiert eine zentrale Spannung des Bandes zwischen der Frage, wie Transformation unter bestehenden Macht- und Mehrheitsverhältnissen wirksam gestaltet werden kann, und der Frage, wie diese Verhältnisse selbst demokratisch verändert werden müssen. Dies zeigt sich auch in den weiteren industriepolitischen Beiträgen.
Umbau in der Automobilindustrie
Sarah Mewes, Politische Ökonomin und Mitgründerin von Next Economy Lab setzt in „Konversion? Herausforderungen und Chancen eines arbeitnehmergetriebenen Umbaus der Automobilindustrie“ gemeinsam mit Anna Katharina Keil, sozialökologische Ökonomin von der Universität Lausanne und Anneke Martens, Master-Studentin an der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in Koblenz, an dieser Schnittstelle an. Auf Grundlage von Interviews, betrieblichen Fallbeispielen und der Auswertung gewerkschaftlicher Programmatik untersuchen die Autorinnen, ob ein von Beschäftigten getragener Umbau der Automobilindustrie unter heutigen Bedingungen eine realistische politische Option darstellt. Ihr Befund ist bewusst nüchtern. Konversion erscheint als analytisch und normativ plausibles Konzept, findet in der betrieblichen Praxis jedoch bislang kaum Eingang als handlungsleitende Strategie. Als zentrale Gründe benennen sie die begrenzte Verfügungsmacht von Beschäftigten über Produkt- und Investitionsentscheidungen, unsichere Nachfrageperspektiven jenseits des automobilen Kerns, erhebliche soziale Risiken für die Belegschaften sowie eine fehlende industrie- und nachfragepolitische Rahmensetzung. Zugleich halten Martens, Keil und Mewes Konversion als kritischen Horizont offen, an dem sich die Reichweite inkrementeller Transformationspfade messen lässt. Ihr Beitrag bewegt sich damit zwischen Mohrs strategischem Pragmatismus und Wietholds demokratietheoretischer Zuspitzung.
Einen stärker betriebs- und tarifpolitisch verankerten Zugriff wählt der Wissenschaftler am Weizenbaum-Institut und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Mario Michael Ottaiano in seinem Beitrag „Tarifvertrag For Future? Potenziale und Grenzen betrieblicher Transformationspolitik am Beispiel der IG Metall Baden-Württemberg“. Ottaiano analysiert auf Basis konkreter Fallstudien die Einführung und Nutzung von Zukunftstarifverträgen als Instrumente der Transformationspolitik. Er zeigt, wie tarifliche Vereinbarungen genutzt werden, um Qualifizierung, Prozessinnovation und Beschäftigungssicherung miteinander zu verbinden. Zugleich macht seine Analyse deutlich, dass diese Praxis innerhalb bestehender Markt- und Eigentumsverhältnisse verbleibt. Weitergehende Konversionspfade, die den automobilen Kern grundsätzlich infrage stellen, bleiben begrenzt, solange gleichwertige Beschäftigungs- und Einkommensperspektiven außerhalb des Sektors fehlen. Ottaianos Beitrag konkretisiert damit Mohrs Ansatz auf der Ebene tariflicher Praxis und markiert zugleich die strukturellen Grenzen gewerkschaftlicher Gestaltung, wenn politische Rahmensetzung ausbleibt.
Einen deutlich anderen Zugriff verfolgen Lars Hirsekorn und Tobi Rosswog in ihrem Beitrag „Den automobilen Konsens aufbrechen. Die Kampagne ‚VW steht für VerkehrsWende‘ in der Autostadt Wolfsburg“. Der Aktivist Rosswog, Mit-Initiator der zweijährigen Kampagne „VW steht für VerkehrsWende in Wolfsburg“ und der VW-Betriebsrat Hirsekorn rekonstruieren ausgehend von eigenen Kampagnenerfahrungen Wolfsburg als Ort, an dem sich industrielle Abhängigkeit, städtische Entwicklung und klimapolitische Konflikte verdichten. Sie kritisieren eine auf Elektrifizierung verengte Antriebswende als industriepolitische Stabilisierung des Status quo und plädieren für eine Verkehrswende, die auch industrielle Konversion einschließt. Transformation erscheint hier als konflikthafter Prozess, in dem Akzeptanz nicht vorausgesetzt, sondern im Handeln erzeugt wird. Eigentums- und Machtfragen werden offen adressiert, etwa durch die Forderung nach Vergesellschaftung oder der Umnutzung industrieller Kapazitäten für den öffentlichen Verkehr. Der Beitrag steht damit deutlich näher an Wietholds wirtschaftsdemokratischer Perspektive und markiert bewusst Distanz zu Mohrs Fokus auf Anschlussfähigkeit.
Am weitesten in Richtung eines gegenhegemonialen Verständnisses von Konversion geht der Beitrag von Eva Gaßen mit dem Titel „Die Konversionsstrategie des Collettivo di Fabbrica ex-GKN. Vom Abwehrkampf in die Progressivität – ein gegenhegemoniales Projekt?“. Auf empirischer Grundlage – gestützt auf Dokumente, Interviews und die Analyse von Mobilisierungsprozessen – rekonstruiert Gaßen den Übergang von einem betrieblichen Abwehrkampf zu einem gesellschaftlich adressierten Konversionsprojekt. Konversion erscheint hier als bewusster Bruch mit der Profitlogik und als kollektiver Lernprozess, der Bündnisse mit Klima-, Kultur- und Nachbarschaftsinitiativen einschließt. Akzeptanz wird nicht vorausgesetzt, sondern im Konflikt hergestellt. Der Betrieb fungiert als Kristallisationspunkt einer weitergehenden Demokratisierung wirtschaftlicher Entscheidungen.
Regional-, struktur- und arbeitsmarktpolitische Perspektiven
Erweitert um eine regionale, sektorale und arbeitsmarktpolitische Perspektive wird die Debatte durch die Beiträge von Charlotte Sophia Bez, Hendrik Sander, Tobias Haas und Matthias Knuth. In unterschiedlicher Akzentuierung knüpfen sie an jene Fragen an, die Katrin Mohr als entscheidend für Akzeptanz und politische Wirksamkeit markiert: Wie werden Übergänge konkret gestaltet? Wer trägt Risiken? Und an welchen Punkten drohen soziale Spaltung und politische Blockade?
Im Beitrag „Industriepolitik und Sektoren der Transformation – ein Blick auf strukturschwache Regionen“ richtet die Wissenschaftlerin am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Charlotte Sophia Bez den Fokus auf die räumlichen Ungleichheiten sozialökologischen Umbaus. Sie zeigt, dass Transformation nicht gleichmäßig verläuft, sondern regionale Disparitäten verschärfen kann, wenn industriepolitische Strategien sich auf bestehende Wachstumszentren konzentrieren. Bez analysiert industriepolitische Instrumente und Förderlogiken und arbeitet heraus, dass strukturschwache Regionen häufig zugleich Transformationslasten tragen und von neuen Wertschöpfungspfaden ausgeschlossen bleiben. In dieser Perspektive erscheint Industriepolitik als zentrale Voraussetzung sozialer Akzeptanz: Nicht allein ökologische Zielsetzungen, sondern die Frage regionaler Entwicklungsperspektiven entscheidet darüber, ob Transformation als gestaltbar oder als Bedrohung wahrgenommen wird. Bez’ Beitrag vertieft damit Mohrs Forderung nach politischer Rahmensetzung und macht deutlich, dass betriebliche und tarifliche Strategien ohne eine aktive, regional ausgerichtete Industriepolitik an Grenzen stoßen.
Einen ähnlichen Fokus auf soziale Konfliktlinien legt der Beitrag von Hendrik Sander und Tobias Haas mit dem Titel „Strukturwandel in den deutschen Braunkohleregionen – ein sozialökologischer Transformationskonflikt“. Anhand der deutschen Braunkohleregionen analysieren sie den Ausstieg aus der fossilen Energieerzeugung als konflikthaften Prozess, der tief in regionale Identitäten, Arbeitsmärkte und politische Loyalitäten eingreift. Während Sander als wissenschaftlicher Mitarbeiter zum Schwerpunkt „Spatial and Environmental Justice“ am Institut für Europäische Urbanistik der Bauhaus-Universität Weimar tätig ist, wirkt Haas als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit – Helmholtz Zentrum Potsdam (RIFS). Beide zeigen, dass der Strukturwandel nicht primär an der Einsicht in ökologische Notwendigkeiten scheitert, sondern an der ungleichen Verteilung von Kosten, Risiken und Zukunftsaussichten. Wo Beschäftigte und Regionen den Eindruck gewinnen, zu Verlierern des Umbaus zu werden, entstehen politische Blockaden und Polarisierung. Ihr Beitrag macht sichtbar, was in der aktuellen Debatte um gesellschaftliche Triggerpunkte immer wieder betont wird: Transformation spaltet dort, wo sie als Kontrollverlust, Statusbedrohung oder Abwertung eigener Lebensleistungen erlebt wird. Damit liefern Sander und Haas eine empirisch fundierte Ergänzung zu Mohrs Akzeptanzargument und verorten es jenseits einzelbetrieblicher Kontexte auf regionaler Ebene.
Eine arbeitsmarktpolitische Zuspitzung erfährt diese Problemlage im Beitrag von Matthias Knuth „Wind of Change. Unterstützung beruflicher Konversionen durch arbeitsmarktpolitische Förderung“. Knuth war am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen tätig und untersucht, inwieweit arbeitsmarktpolitische Instrumente geeignet sind, individuelle berufliche Übergänge im Zuge des sozialökologischen Umbaus abzusichern. Auf Basis arbeitsmarktforscherischer Analysen arbeitet er heraus, dass berufliche Konversionen ohne gezielte Förderung selten gelingen und soziale Ungleichheiten eher verstärken. Weiterbildung, Umschulung und Übergangssicherung erscheinen bei Knuth nicht als individuelle Anpassungsleistung, sondern als kollektive Aufgabe öffentlicher Politik. Damit knüpft sein Beitrag unmittelbar an Mohrs Kritik an individualisierten Qualifizierungsnarrativen an und unterstreicht, dass fehlende Absicherung von Übergängen zu zentralen Konflikt- und Spaltungslinien der Transformation gehört.
In der Zusammenschau verdichten diese drei Beiträge jene Dimension der Debatte, die deutlich machte, dass sich sozialökologische Transformation an konkreten Übergängen – in Regionen, Branchen und Erwerbsbiografien entscheidet. Industriepolitik, Strukturpolitik und Arbeitsmarktpolitik fungieren dabei als Herausforderungszonen gesellschaftlicher Akzeptanz oder Ablehnung. Wo sie Perspektiven eröffnen, kann Transformation als gestaltbar erlebt werden. Wo sie ausbleiben oder als unzureichend wahrgenommen werden, entstehen jene sozialen Bruchlinien, die politische Polarisierung befördern.
In diesem Sinne steht das Jahrbuch quer zur reaktiven Kurzatmigkeit des Dauerkrisenmodus. Es erinnert daran, dass selbst unter Bedingungen beschleunigter Umbrüche politische Gestaltung auf historischen Erfahrungen, institutionellen Arrangements und kollektiven Aushandlungsprozessen aufbaut. Wer sich auf diese längeren Linien einlässt, findet in dem Band keine schnellen Antworten, aber ein analytisch dichtes Angebot, um die gegenwärtigen Konflikte des sozialökologischen Umbaus in einen Zusammenhang zu stellen, der über den Moment hinausweist.
Peter Bartelheimer/Silke Ötsch (Hrsg.), Konversion – Wirtschaftsdemokratie für den sozialökologischen Umbau, in: Ökonomie und Gesellschaft, Jahrbuch 36, Metropolis-Verlag, Marburg 2025 (ISBN 978-3-7316-1586-6). Der Sammelband ist open access, also kostenfrei abrufbar.