02.01.2026

Die fünf Legenden der Niedergangsrhetorik

In der ersten Ausgabe des Handelsblatt im gerade einmal zwei Tage alten Jahr 2026 zeigt der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Steffen Kampeter, worauf wir uns in den kommenden Monaten einstellen können: Die ungebremste Fortsetzung der Niedergangsrhetorik seitens der Arbeitgeber und Familienunternehmer.

Wer Deutschlands Zukunft über Verzichtserzählungen, Arbeitszeitverlängerung und Sozialabbau definiert, betreibt keine nüchterne Analyse, sondern interessengeleitete Dramatisierung.

Kampeter steht dabei nicht für eine Einzelmeinung, sondern für ein vertrautes Deutungsmuster: wirtschaftspolitische Probleme werden moralisiert, soziale Sicherungssysteme delegitimiert und notwendige Investitionen rhetorisch ausgeblendet.

Dabei wissen inzwischen alle, dass wir als Demokratie und Volkswirtschaft vor großen Herausforderungen stehen. Nicht vergessen werden sollte aber: Rückschritt beginnt dort, wo niemand mehr von Fortschritt spricht. Zeit also, einen ehrlichen Blick auf die Ausgangslage zu werfen.

Legende 1: „Deutschland lebt über seine Verhältnisse“

Die Behauptung, Deutschland lebe über seine Verhältnisse, gehört zu den hartnäckigsten Legenden der aktuellen Niedergangsrhetorik. Deutschland zählt weiterhin zu den wirtschaftlich stärksten Ländern der Welt. Das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt im oberen Fünftel der Industriestaaten, die industrielle Wertschöpfung bleibt hoch, die Exportstärke intakt. Das Problem ist nicht mangelnde Leistungsfähigkeit, sondern ihre ungleiche und ineffiziente Nutzung. Öffentliche Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Digitalisierung liegen seit Jahren unter dem internationalen Durchschnitt. Diese Unterinvestition ist kein ökonomisches Schicksal, sondern das Ergebnis politischer Prioritätensetzung.

Nicht ein zu großer Sozialstaat schwächt die Wettbewerbsfähigkeit, sondern ein zu schwacher Zukunftsstaat.

Legende 2: „Wachstum entsteht durch Druck und Verzicht“

Auch die Vorstellung, Wachstum entstehe vor allem durch Druck und Verzicht, ist weniger ökonomische Erkenntnis als politische Legende. Internationale Vergleiche zeigen: Volkswirtschaften mit hoher Tarifbindung, starker Mitbestimmung und stabilen sozialen Sicherungssystemen erzielen höhere Produktivitätszuwächse als Länder mit Niedriglohn- und Prekarisierungsstrategien. Produktivität entsteht dort, wo Qualifikation, Innovation und Planungssicherheit zusammentreffen – nicht dort, wo Arbeitsintensität steigt und soziale Risiken individualisiert werden.

Hinzu kommt: Erfolgreiche Industrie- und Transformationspolitik beruht nicht auf Kostenkonkurrenz, sondern auf strategischer Steuerung. Aktive Industriepolitik, öffentliche Investitionen und die gezielte Nutzung staatlicher Nachfrage schaffen Leitmärkte für klimaneutrale, digitale und industrielle Zukunftstechnologien. Local-Content-Ansätze, gekoppelt an Tarifbindung, Qualifizierung und Mitbestimmung, sichern Wertschöpfung vor Ort und stabilisieren industrielle Kerne. Wo der Staat Rahmen setzt und langfristige Investitionspfade absichert, entstehen Innovation, Resilienz und Beschäftigung.

Wachstum ist daher kein Resultat von Disziplinierung oder Standortdumping, sondern von koordinierter Industriepolitik, guten Arbeitsbedingungen und Investitionen in Menschen, Wissen und Technik.

Legende 3: „Wir arbeiten zu wenig“

Die Erzählung vom arbeitsscheuen Deutschland hält einer empirischen Prüfung nicht stand. Deutschland weist eine der höchsten Erwerbstätigenquoten Europas auf. Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen ist hoch, die Produktivität pro Arbeitsstunde ebenfalls. Dass die durchschnittliche Jahresarbeitszeit unter der anderer Länder liegt, erklärt sich durch Teilzeitmodelle, hohe Effizienz und tariflich abgesicherte Arbeitszeitverkürzungen. Genau diese Faktoren stabilisieren Beschäftigung und sichern Wertschöpfung – auch in Krisenzeiten.

Tatsächliche Arbeitskräftepotenziale liegen nicht in längeren Arbeitszeiten, sondern in besserer Integration und Infrastruktur. Die beschleunigte Anerkennung von Abschlüssen, gezielte Sprach- und Qualifizierungsprogramme sowie frühzeitiger Arbeitsmarktzugang sind zentrale Instrumente, um Geflüchtete schneller und nachhaltiger in Beschäftigung zu bringen. Internationale Erfahrungen zeigen, dass frühe Integration nicht nur Beschäftigung erhöht, sondern auch Qualifikationsverluste vermeidet.

Ähnlich verhält es sich mit der hohen Teilzeitquote von Frauen. Sie ist weniger Ausdruck individueller Präferenzen als Folge unzureichender Betreuungsangebote, ungleicher Sorgearbeit und fehlender Arbeitszeitmodelle mit verlässlicher Planbarkeit. Der Ausbau qualitativ hochwertiger und bezahlbarer Kinderbetreuung, Ganztagsschulen sowie eine bessere Vereinbarkeit von Arbeitszeiten sind zentrale Voraussetzungen, um Arbeitsvolumen zu erhöhen – ohne Druck, sondern durch Ermöglichung.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie viele Stunden gearbeitet werden, sondern wie Arbeitsmarktpolitik, Infrastruktur und betriebliche Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass vorhandene Fähigkeiten tatsächlich genutzt werden können.

Legende 4: „Der Sozialstaat ist das Problem“

Der Sozialstaat wird regelmäßig als ökonomischer Ballast dargestellt. Tatsächlich ist er ein Stabilitätsanker. Er sichert Nachfrage, begrenzt Ungleichheit und stärkt den sozialen Zusammenhalt. Internationale Vergleiche zeigen: Länder mit schwachen Sicherungssystemen zahlen einen hohen Preis – politische Polarisierung, geringere Innovationsbereitschaft, höhere Folgekosten in Gesundheit und Bildung. Deutschlands relative soziale Stabilität ist kein Zufall, sondern das Ergebnis institutioneller Absicherung.

Dass die fünf reichsten (Unternehmer-)Familien in Deutschland zusammen ein Privatvermögen von 250 Mrd. Euro besitzen und damit mehr als über 40 Millionen Menschen - und damit die Hälfte der Bevölkerung der Bundesrepublik - lässt Steffen Kampeter unerwähnt. Auch bei den Familienunternehmen taucht dieser Fakt in der Rhetorik des “gierigen Staates” und der “faulen Deutschen” nicht auf.

Instrumente wie eine funktionsfähige Erbschaftsteuer, eine moderat ausgestaltete Vermögensteuer sowie eine Bürgerversicherung, die unterschiedliche Einkommensarten einbezieht, würden die Finanzierungsbasis verbreitern. Gerecht ist es, die tatsächliche wirtschaftliche Leistungsfähigkeit bei den notwendigen Reformen in den Blick zu nehmen.

Legende 5: „Deutschlands Bildungsproblem ist ein Leistungsproblem“

Bildungsdefizite lassen sich nicht leugnen. Doch der verbreitete Eindruck eines allgemeinen Leistungsverfalls - in den Worten Kampeters: “Deutschland, das Land der Dichter und Denker ist eine Lebenslüge”, verkennt die Befunde. Internationale Vergleichsstudien zeigen weniger einen flächendeckenden Niedergang als eine zunehmende soziale Spaltung der Bildungsergebnisse. Entscheidend ist nicht mangelnder Ehrgeiz, sondern der ungleiche Zugang zu frühkindlicher Förderung, Ganztagsangeboten, individueller Unterstützung und gut ausgestatteten Schulen.

Deutschland investiert im internationalen Vergleich weiterhin unterdurchschnittlich in Bildung, insbesondere im frühkindlichen Bereich und bei unterstützenden Angeboten im Schulalltag. Zugleich ist die Bildungsfinanzierung föderal fragmentiert und stark von der Finanzkraft der Kommunen abhängig. Bildungsungleichheit entsteht so nicht aus fehlender Leistungsbereitschaft, sondern aus strukturell ungleichen Startbedingungen.

Hinzu kommt: Die Fixierung auf formale Abschlüsse greift zu kurz. Die duale Ausbildung, betriebliche Weiterbildung und tariflich abgesicherte Qualifizierungswege bleiben zentrale Stärken des deutschen Modells. Wo Unternehmen gemeinsam mit Beschäftigten in Qualifikation investieren, entstehen stabile Erwerbsbiografien und Innovationsfähigkeit. Wo diese Strukturen ausgedünnt werden, verschärft sich der Fachkräftemangel. Deshalb sind sich hier sowohl Arbeitgeber als auch Gewerkschaften einig, dass langfristige Investitionen und verlässliche Rahmenbedingungen für ein modernes Schul- und Bildungssystem ebenso unerlässlich sind, wie die nötigen öffentlichen Verkehrsinfrastrukturen, um auch im ländlichen Raum (Berufs-)Schulen überall gut erreichen zu können.

Pessimismus ist kein Realismus, sondern bleibt Pessimismus

Niedergangsrhetorik, wie sie zu Jahresbeginn erneut von Arbeitgeberseite vorgetragen wird, erzeugt keine Reformfähigkeit, sondern Resignation. Eine Demokratie, eine Volkswirtschaft und ein Sozialstaat, die permanent schlechtgeredet werden, schwächen ihre eigene Handlungsfähigkeit. Deutschland steht vor tiefgreifenden Umbrüchen: ökonomisch, demografisch, ökologisch und technologisch. Die Alternative zur Verdrängung ist jedoch nicht Sozialabbau, sondern sozial-ökologische Erneuerung.

Historisch zeigt sich: Gesellschaften reformieren sich erfolgreich, wenn sie Veränderungen als kollektive Gestaltungsaufgabe begreifen. Die großen Modernisierungsschübe der Bundesrepublik – von der Bildungsreform bis zur Mitbestimmung – entstanden aus Zuversicht, nicht aus Selbstabwertung.

Eine aktive Industriepolitik, starke Tarifbindung, öffentliche Investitionen und demokratische Mitbestimmung sind keine Standortnachteile, sondern bewährte Instrumente kollektiver Zukunftsgestaltung.

Nicht vermeintliche Lebenslügen gefährden den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern die Vorstellung, Solidarität sei ein Auslaufmodell. Gerade im Wandel bleibt sie die produktivste Ressource einer modernen Gesellschaft.