„Der Kobalt-Kanzler“ – ein Albtraumroman
Als der frühere Herausgeber der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und BILD-Kolumnist Hugo Müller-Vogg im Januar 2009 das Buch „Volksrepublik Deutschland. ‚Drehbuch für die rot-rot-grüne Wende“ publizierte, zitierte er im Vorwort William Faulkner: „Fiktion kommt der Wahrheit manchmal näher als der Journalismus“.
So wurde beispielsweise der Thriller-Autor Tom Clancy, bekannt durch das später verfilmte Buch „Jagd auf Roter Oktober“, nach den Anschlägen vom 11. September 2001 von der amerikanischen Regierung als spezieller Berater hinzugezogen. Denn in seinem Roman „Befehl von oben“ hatte er ein Szenario entworfen, das der späteren Realität sehr nahegekommen war.
Ähnliches wird Hans-Ulrich Jörges, dessen Roman „Der Kobalt-Kanzler. Ein deutscher Albtraum“ im Osburg Verlag inzwischen in 2. Auflage erschienen ist, sicherlich nicht passieren.
Das von ihm entworfene Szenario ist zweifelsohne hochaktuell: Die AfD erhält bei der Bundestagswahl 38 Prozent der Stimmen und wird mit Abstand stärkste Partei. Die Union folgt mit 23 Prozent, während SPD, Grüne und die Wagenknecht-Partei zwischen 7 und 9 Prozent erhalten. Linke und FDP sind aus dem Bundestag ausgeschieden – zum Zeitpunkt der Entstehung des Romans kein unwahrscheinliches Szenario für beide Parteien.
Die AfD-Vorsitzende bietet dem CDU-Vorsitzenden eine Koalition an, die dieser bereit ist einzugehen unter der Maßgabe, dass nicht die fiktionale AfD-Chefin Voss die Kanzlerschaft übernimmt, sondern das ehemalige CDU-Mitglied Konrad Frotzeck, der Gauland nachempfunden ist, und dass nach zwei Jahren die Kanzlerschaft an den CDU-Vorsitzenden Korn übergeht. Ein Modell, das in Israel verschiedentlich praktiziert worden war.
Infolge dieser Entscheidung und chaotischem Kommunikationsmanagement verlässt die CSU die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU. Sie tritt auch der „kobaltblauen“ Koalition nicht bei, während die Ministerpräsidenten aus NRW und Schleswig-Holstein erfolglos gegen den Rechtskurs opponieren.
Die AfD an der Macht lässt die Ukraine im Stich, biedert sich Putin an, zwingt die USA zum Abzug aller US-Soldaten und Waffen auf deutschem Boden. Deutschland wird dafür von Russlands Präsident mit der faktischen Rückgabe des wieder Ostpreußen benannten Kaliningrads belohnt.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird nach autoritär-populistischen Vorbildern Ungarns und Polens auf Regierungslinie gebracht. Eine Karikatur Ulf Poschardts amtiert als Regierungssprecher und rechtsextremer Strippenzieher im Bundespresseamt.
Auf den Straßen tobt eine mit Schusswaffen bewaffnete Antifa, während von Rechtsextremisten die zum Gedenken an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus verbauten Stolpersteine aus den Gehwegen gehebelt werden. Angestachelt vom AfD-Rechtsaußen, der als Landwirtschaftsminister amtiert.
Der Verlag behauptet: „Hans-Ulrich Jörges […] schildert, was passiert, wenn die Gespenster der deutschen Geschichte aufs Neue geweckt werden.“ Nach der Lektüre des 252 Seiten starken Buches ist zu sagen: weder ist dies der Fall noch hat sich die Lektüre des Romans gelohnt.
Was der 1951 im thüringischen Bad Salzungen geborene und nach der Übersiedlung der Familie in Hessen aufgewachsene verdiente Journalist Jörges freilich den Leser:innen zumutet, sind politisch aberwitzige Szenen und Dialoge, die vielfach jeder Logik entbehren.
Dass der Vorsitzende der CDU eine Sondierung mit der AfD in seinem Parteipräsidium durchsetzt und ernstlich vergisst, den Vorsitzenden der Schwesterpartei CSU darüber zu informieren, mag zugunsten des Plots noch durchgehen – ist aber bereits unvorstellbar.
Szenen wie das Treffen des sozialdemokratischen Bundespräsidenten mit dem noch amtierenden SPD-Kanzler und einem stotternden SPD-Parteivorsitzenden sowie der DGB-Vorsitzenden und dem Chef der IG Metall im Schloss Bellevue sind Armutszeugnisse für einen Journalisten, der sein ganzes Berufsleben ernsthaft politische Akteur:innen beobachtet hatte. So wird konsequent jede gute Idee, die es im Buch gibt - z.B. dass die polnische Rechtspartei PiS als Reaktion auf die Schändungen der Stolpersteine in Deutschland plant, die Gedenkstätten der ehemals deutschen Konzentrationslager Polen zu planieren - systematisch kaputtgeschrieben.
Wie zum Beispiel der Umgang mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Jörges beschreibt dessen Gleichschaltung nach ungarischem oder polnischem Vorbild. Soweit so nachvollziehbar. Er vergisst jedoch auch nur anzudeuten, wie dies unter den Bedingungen des deutschen Verfassungsrechts möglich sein soll. Zweifelsohne zuzustimmen ist ihm, dass disruptive Maßnahmen gegen die Öffentlich-Rechtlichen, in Verbindung mit einer Abschaffung des Rundfunkbeitrags auf erhebliche Zustimmung in der Öffentlichkeit treffen dürften. Doch die Rundfunkfreiheit ist durch eine umfangreiche Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts abgesichert, föderal in den Ländern verankert und institutionell bewusst staatsfern konstruiert. Ein autoritärer Umbau aus der Bundesregierung heraus wäre nicht nur politisch umkämpft, sondern rechtlich hochgradig konfliktträchtig.
Erneut wird deutlich - dass der Bundespräsident und das Bundesverfassungsgericht im Roman als mit Kompetenzen ausgestattete Akteure keine Rolle spielen, entwertet das Szenario analytisch.
In dieser institutionellen Gedankenlosigkeit liegt eine Schwäche des Romans. Die von Jörges entworfenen Entwicklungen ab dem fiktionalen Wahltag ignorieren politische Verfahren, verfassungsrechtliche Schranken und mediale Gegenkräfte in einem Ausmaß, das man als Leser aus Gründen des Verbraucher:innenschutzes klar sagen muss: Jörges mag Einblick in autoritäre Fantasien geben – als politisches Szenario bleibt sein Buch dünn.
Wer autoritäre Entwicklungen beschreibt, muss erklären, wie demokratische Sicherungen ausgehebelt werden. Der Kobalt-Kanzler umgeht diese Frage systematisch. Macht erscheint als unmittelbare Verfügung, nicht als Ergebnis konflikthafter, rechtlich gebundener Prozesse. Damit verfehlt der Roman genau das, was politische Fiktion leisten könnte: die nachvollziehbare Erosion demokratischer Institutionen.
Deutlich wird dieses Defizit auch in der Darstellung politischer Öffentlichkeit. Der Verlag verweist darauf, dass Hans-Ulrich Jörges 2004 als „politischer Journalist des Jahres“ ausgezeichnet wurde und von der Financial Times zu den einflussreichsten Kommentatoren der Welt gezählt wurde. Seither hat sich die Welt weitergedreht. Umso auffälliger ist, dass der Roman eine Welt beschreibt, in der weder Blogger noch Podcaster existieren und in der auch die autoritäre Rechte nur als nationale Erscheinung vorkommt, nicht als global vernetzte politische Bewegung.
Politische Kommunikation bleibt im Roman folgenlos, geheime Absprachen bleiben geheim, institutionelle Brüche erzeugen keinen öffentlichen Widerhall. Wenn sich der CDU-Vorsitzende und die AfD-Vorsitzende am Tag nach der Bundestagswahl unerkannt (!) treffen wollen, geschieht dies um 7:30 Uhr im – na klar – Bundestagsbüro des CDU-Vorsitzenden. Selbst 1969, bei der vertraulichen Vorbereitung der sozialliberalen Koalition, wäre niemand auf die Idee gekommen, ein geheimes Treffen in dieser Weise zu inszenieren.
Wie ein erfahrener politischer Journalist, der über Jahre die Chefredaktion des Stern prägte und dessen Berliner Hauptstadtbüro leitete, politische Realitäten derart hartnäckig ignoriert, bleibt erklärungsbedürftig. Umso mehr, als genau diese Prozesse den Roman analytisch dichter und literarisch interessanter hätten machen könnten.
Ein Roman ist kein Sachbuch, und künstlerische Freiheit steht auch Hans-Ulrich Jörges zu, mag die Eine oder der Andere nachsichtig einwenden. Doch die Maßstäbe an politische Plausibilität sinken nicht, wenn ein Autor mit journalistischer Autorität ein hochaktuelles Szenario entwirft. Im Gegenteil: Gerade dann entscheidet sich, ob politische Fiktion zur Aufklärung beiträgt – oder an ihrer eigenen Vereinfachung scheitert.
Maximilian Steinbeis ist Gründer und Herausgeber des Verfassungsblog. Dessen Team verdankt die Republik inzwischen eine ganze Reihe wichtiger Foresight-Beiträge und Szenarien, zuletzt „Das Justiz-Projekt. Verwundbarkeit und Resilienz der dritten Gewalt“, die dazu dienen, unsere Demokratie resilienter zu machen. Steinbeis veröffentlichte im September 2019 den Essay „Ein Volkskanzler“, in dem er aufzeigte, wie eine Unterminierung der Verfassungsorgane ohne den Gesetzesbruch möglich wäre. Das Essay wurde später zur Vorlage des gleichnamigen Theaterstücks.
Was Maximilian Steinbeis und Hans-Ulrich Jörges voneinander unterscheidet, ist Folgendes: Die Romanwelt von Jörges ist eine fiktionale Vergangenheit, die mit der Realität – trotz der verkaufsfördernden Falschbehauptung des Verlags – nichts zu tun hat.
Sie ist vielmehr unangenehm durchsetzt von den feuchten Altherren-Phantasien Jörges. Nur zwei Beispiele aus vielen, zu vielen Passagen:
„‚Ich verstehe das, Herr Präsident‘, fiel ihm die Verteidigungsministerin ins Wort. Charlene Magrot war eine blonde Schönheit in den Vierzigern, und auch an diesem Morgen war sie auf High Heels erschienen. […] Sein Blick fiel auf ihre Beine“, beschreibt Jörges eine Besprechung des französischen Präsidenten im Élysée-Palast.
„‚Aber… aber… Sie wissen doch, dass ich eigentlich nicht…‘ Sie nestelte an ihrer Bluse und öffnete noch zwei Knöpfe, sodass der Ansatz ihrer Brust erkennbar war. ‚Die Zukunft ist offen, liebe Frau Voss. Ganz offen. Man muss nur wollen und sich ein wenig Mühe geben. Oder sagen wir’s anders: sich einfach fallen lassen.‘“ - so stellt der Autor sich den Dialog zwischen dem CDU-Vorsitzenden und Außenminister mit der AfD-Vorsitzenden und Chefin des Bundeskanzleramtes vor.
Wenigstens Angela Merkel bleibt von diesen Phantasien verschont. Sie wird stattdessen würdelos als Feigling porträtiert. Darin nimmt sie dasselbe Schicksal wie der porträtierte Jude Frank Schlesinger. Der lebt - natürlich wohlhabend - im Frankfurter Westend. In der Wohnung, in die seine Eltern, die den Holocaust im Exil überlebten, zurückgekehrt waren. Der erneute jüdische Auswanderungsdruck wird plausibel geschildert. Die Szene - ob Zufall oder Absicht im Kapitel 38 des Buches -, wie sich Schlesinger und sein Steuerberater Wirth begegnen, könnte so stark sein. Wenn Jörges nicht zwingend die Figur des reichen Juden konstruieren würde, dem er letztlich die Worte: "Die Kobaltblauen haben Ihr Land [sic! BIHoff] inzwischen fest in der Hand, verehrter Herr Wirth!" in den Mund legen würde. Wie tief ist ein Klischee verankert, wenn Jörges selbst dem fiktionalen Juden Schlesinger abspricht, von Deutschland als "unserem Land" zu sprechen. Nein, der Jude bleibt auch Jörges ein quasi ausländischer Fremdkörper.
An diesen und vielen anderen Stellen möchte man(n) das Buch schreiend in die Ecke werfen – und entscheidet sich letztlich für diesen Verriss.
Denn heute ist der 23. Dezember. Wer das Buch gekauft hat, um es Weihnachten ahnungslos, aber mit guter Absicht einer nahestehenden Person zu schenken, dem empfehle ich, vor der Bescherung noch schnell ein anderes Präsent zu erwerben.
Und an den Verfassungsblog spenden, denn wenigstens dafür sollte dieser Albtraumroman nütze sein – bitte hier entlang!