In der Klassengesellschaft den Traum vom besseren Leben träumen
Über Jahrzehnte galt die Bundesrepublik Deutschland als Gesellschaft der Mitte. Begriffe wie Klasse oder Kapitalismus erschienen anachronistisch, ideologisch belastet oder politisch unpassend. Stattdessen prägten Erzählungen von der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ und der sozialen Marktwirtschaft das Selbstverständnis eines Landes, das sich im Systemgegensatz zur DDR von jeder Rede über Klassenverhältnisse distanzierte. Die Fiktion der Mitte erfüllte eine doppelte Funktion: Sie diente der politischen Selbstvergewisserung im Kalten Krieg wie der rhetorischen Befriedung sozialer Konflikte im Inneren. Soziale Ungleichheit wurde nicht geleugnet, aber entpolitisiert. Über bestehende Klassenverhältnisse wurde nicht gesprochen und Forschungsvorhaben bzw. -erkenntnisse, die in anderen Ländern klassenbezogene Ungleichheiten analysierten, waren Ausnahmen.
Das wirkt bis heute, wie Christoph Butterwegge jüngst in einer kritischen Auseinandersetzung mit dem siebten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung ausführte. Der Armuts- und Sozialexperte kritisiert, dass die regierungsoffizielle Analyse jene enttäuscht, die erwarten, Aufschluss darüber zu erhalten, ob sich soziale Ungleichheit in Deutschland vergrößert oder verringert hat, welche strukturellen Ursachen ausschlaggebend sind und welche politischen Konsequenzen daraus zu ziehen wären. Weder setzt die Analyse bei gesellschaftlichen, sozioökonomischen und politischen Ursachen ungleicher Verteilung an, noch stellt sie einen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß sozialer Ungleichheit und bestehenden Wirtschaftsstrukturen, Eigentumsverhältnissen oder Verteilungsmechanismen her. Stattdessen erschöpft sich der Text – wie in klassenblinden Analysen häufig – in der Beschreibung empirischer Befunde und verzichtet auf eine analytische Einordnung.
Die Göttinger Soziologin Nicole Mayer-Ahuja setzt hier an. In ihrem beim C.H. Beck-Verlag erschienenen Buch Klassengesellschaft akut zeigt sie, warum Klasse und Kapitalismus keine historischen Begriffe sind, sondern tragfähige Beschreibungen der Gegenwart – und ihrer Veränderbarkeit. Sie argumentiert nicht aus einer distanzierten akademischen Perspektive, sondern ausgehend von alltäglichen Erfahrungen der arbeitenden Klasse. Entgegen der optimistischen Vision Ulrich Becks, wonach alle gesellschaftlichen Gruppen vom „Fahrstuhleffekt“ des Wohlstands erfasst würden, verweist sie auf eine andere Realität: Mit Oliver Nachtwey gesprochen machen viele Lohnabhängige heute die Erfahrung, sich auf einer „Rolltreppe nach unten“ zu bewegen. Mayer-Ahuja bringt diese Diagnose präzise auf den Punkt:
Lohnarbeit bleibt Lohnarbeit – die Klassengesellschaft bleibt Klassengesellschaft.
Mayer-Ahuja, die zweimal das Soziologische Forschungsinstitut (SOFI) in Göttingen leitete und den Wissenstransfer zwischen Universität und Institut durch ihre Arbeit prägt, legt in Teil I ihres Buches die begrifflichen Grundlagen, bevor Teil II die Spaltungslinien innerhalb der arbeitenden Klasse und widersprüchliche Formen kollektiver Interessenvertretung analysiert. Teil III bündelt die politischen Schlussfolgerungen. Den Auftakt bildet Kapitel 2, in dem geklärt wird, was unter einer arbeitenden Klasse heute zu verstehen ist und warum der Klassenbegriff analytisch tragfähig bleibt.
Arbeit, Lohnabhängigkeit und Klasse
Im Kapitel 2 zeigt sich, wie über das Buch hinweg, wie gut es Mayer-Ahuja gelingt, ein Publikum zu erreichen, bei dem weder vorausgesetzt werden kann, dass es mit Kategorien marxistischer Ökonomie vertraut ist, noch ihnen vorurteilsfrei gegenübersteht. Ihre Sprache ist populär und wissenschaftlich. Sie führt Begriffe wie Kapital, Arbeitskraft, Mehrwert oder die G–W–G′-Formel für die Geld-Ware-Geld-Beziehung so ein, dass sie auch für wenig Kundige nachvollziehbar wird. Marxsche Kategorien erscheinen nicht als historisches Vokabular, sondern als Instrumente zur Analyse gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse. Zentral ist der Hinweis, dass Klasse kein starres Kategoriensystem, sondern ein soziales Verhältnis ist und dass der Kapitalismus kein statisches Modell darstellt, sondern ein dynamischer, wandlungsfähiger Organismus ist.
Vor diesem Hintergrund erläutert Mayer-Ahuja, weshalb auch der Begriff der Ausbeutung kein Relikt des 19. Jahrhunderts ist. Sie zeigt, wie sich Ausbeutung unter Bedingungen heutiger kapitalistischer Ökonomien in Nord-, West- und Mitteleuropa vollzieht: weniger in Form offener Verlängerung der Arbeitszeit oder unmittelbarer Disziplinierung, sondern als strukturell vermittelte Aneignung von Mehrwert, als Verdichtung von Arbeit und als systematische Verschiebung von Risiken auf Beschäftigte. Gerade weil rechtliche Gleichheit, sozialstaatliche Absicherung und Mitbestimmungsrechte existieren, verschwindet Ausbeutung nicht, sondern wird schwerer sichtbar. Ausbeutung erscheint nur dann als historischer Begriff, wenn das Verhältnis von Arbeit, Wertschöpfung und Aneignung analytisch ausgeblendet wird.
Zugleich weist Mayer-Ahuja jede Vorstellung einer homogenen oder per se solidarischen arbeitenden Klasse zurück. Konkurrenz und Spaltung gehören ebenso zur Realität der Lohnabhängigen wie Kooperation und Solidarität. Der Kapitalismus produziert und nutzt Unterschiede – etwa entlang von Qualifikation, Geschlecht, Herkunft, Vertragsstatus oder Belegschaftszugehörigkeit. Diese Differenzierungen sind kein Randphänomen, sondern Bestandteil der Reproduktion kapitalistischer Klassenverhältnisse. Gleichzeitig verweist Mayer-Ahuja darauf, dass Kooperation im Arbeitsprozess notwendig bleibt und dass im Zusammenspiel von Konkurrenz und Kooperation Ansatzpunkte von Klassenformierung entstehen.
Ein zentrales Argument des Kapitels besteht darin, dass aus verbindenden Merkmalen der Lohnabhängigen-Existenz – dem Zwang zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft, der Erfahrung von Ausbeutung und der Fremdbestimmung im Betrieb – kein zwangsläufiges Klassenbewusstsein folgt. Klassenlage und Klassenbewusstsein fallen nicht zusammen. Welche Deutungen sich durchsetzen, ist offen und politisch umkämpft. Das Bewusstsein, nicht nur Klasse an sich zu sein, sondern Klasse für sich, entsteht nach Mayer-Ahuja in Konflikten um Arbeit. Arbeitskämpfe und Streiks sind Situationen, in denen Lohnabhängige ihre Klassenzugehörigkeit erfahren.
Gleichzeitig thematisiert Mayer-Ahuja, inwiefern Arbeitende in organisierten Diskursen von Gewerkschaften und Parteien noch als Teil einer mobilisierungsfähigen Klasse angesprochen werden. Bleibt diese Ansprache aus, verschwinden Klassenerfahrungen nicht. Sie bleiben vorhanden, verlieren jedoch ihren kollektiven, politisch artikulierbaren Ausdruck. Die eigene Lage erscheint dann nicht als veränderbares Resultat gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern als Schicksal.
Aus dieser Konstellation entstehen Abgrenzungen – nach „unten“ und „außen“, insbesondere gegenüber Migrant:innen. Entscheidend ist, dass Mayer-Ahuja diese Dynamik nicht psychologisch oder moralisch, sondern strukturell erklärt. Ressentiments, aggressive Distinktion und exklusive Zugehörigkeitsvorstellungen erscheinen als Ausdruck einer demobilisierten Klassengesellschaft, in der Klassenverhältnisse fortbestehen, ohne sich in solidarischer Politik zu artikulieren. In Anlehnung an Klaus Dörre beschreibt sie einen Zustand, in dem Klassenlagen bestehen bleiben, Klassenkonflikte jedoch entpolitisiert sind und sich andere, häufig destruktive Artikulationsformen herausbilden.
Der argumentative Übergang zu Kapitel 3 ergibt sich aus dieser Diagnose: Klassenformierung wird nicht mehr primär als Definitionsfrage, sondern als analytische und politische Herausforderung behandelt.
Klassenformierung als offener Prozess
Ausgehend von der Frage, wie Klassenverhältnisse politisch adressiert werden, richtet Mayer-Ahuja den Blick auf Begriffe, die im öffentlichen Diskurs als integrierend gelten, insbesondere „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ und „Solidarität“. Die Soziologin stellt deren positive Konnotation nicht in Frage, problematisiert jedoch ihre Verwendung. Diese bleibe klassenblind und gerate in ein Spannungsverhältnis zu Alltagserfahrungen von Lohnabhängigen.
Die Autorin zeigt, dass Appelle an gesellschaftlichen Zusammenhalt aus der Perspektive abhängig Beschäftigter nicht als Einladung zur Verständigung wirken, sondern als normative Zumutung. Sie stehen im Widerspruch zu Werktagserfahrungen, die von Konkurrenz, Leistungsdruck, Unsicherheit und struktureller Ungleichheit geprägt sind, und werden als Maßregelung von oben wahrgenommen. Der Begriff des Zusammenhalts wirkt konfliktdämpfend, weil er soziale Gegensätze rhetorisch überdeckt, statt sie politisch ernst zu nehmen.
Ähnlich verfährt Mayer-Ahuja mit dem Solidaritätsbegriff. Sie unterscheidet zwischen Solidarität als Verbundenheit auf Augenhöhe und einer im politischen Diskurs verbreiteten Form, die als Wohltätigkeit von oben funktioniert. Letztere setzt Hierarchien voraus: Solidarität wird gewährt, nicht gemeinsam hergestellt. Sie unterscheidet sich grundlegend von solidarischen Praktiken in Gewerkschaften, Genossenschaften oder betrieblichen Auseinandersetzungen, in denen es um kollektives Handeln auf Grundlage geteilter Interessen geht.
Ohne dies ausdrücklich zu benennen, richtet sich diese Kritik auch an progressive Parteien und Akteur:innen. Die Autorin problematisiert einen paternalistischen Solidaritätsbegriff, der in sozialdemokratischen Traditionen fortwirkt und Solidarität eher moralisch als konfliktförmig versteht. Ein solcher Zugriff hat wenig mit dem Verständnis von Solidarität als gemeinsamem Eintreten für geteilte Belange zu tun, wie es etwa Stephan Lessenich formuliert.
Vor diesem Hintergrund präzisiert die Soziologin ihr Verständnis von Klassenformierung. Klasse entsteht nicht durch appellative Begriffe, sondern durch Konflikte um Arbeit. Klassenbewusstsein bildet sich dort, wo Lohnabhängige erfahren, dass ihre Interessen strukturell geteilt sind und nicht individuell bearbeitet werden können. Streiks übersetzen Klassenlage in kollektive Erfahrung.
Zugleich betont Mayer-Ahuja die Offenheit dieses Prozesses. Wo Arbeitende nicht als Teil einer handlungsfähigen Klasse angesprochen werden, verschwinden Klassenerfahrungen nicht, sondern verändern ihre Artikulationsform. Sie äußern sich in Resignation, Individualisierung oder aggressiver Abgrenzung. Auch diese Dynamiken erklärt die Autorin strukturell – als Ausdruck fortwirkender Klassenverhältnisse ohne politische Mobilisierung.
Wie Arbeit Klasse trennt – und verbinden kann
Der zweite Teil des Buches bildet das empirische und analytische Zentrum von Klassengesellschaft akut. Auf rund hundert Seiten zeichnet Mayer-Ahuja Spaltungslinien innerhalb der arbeitenden Klasse nach und untersucht Versuche, ihnen durch kollektive Regulierung zu begegnen. Klassengesellschaft erscheint in Arbeits- und Lebensverhältnissen – und in konflikthaften Formen politischer Bearbeitung.
Ausgangspunkt ist in Kapitel 4 die Analyse der kapitalistischen Landnahme. Die Soziologin beschreibt, wie kapitalistische Logiken neue Bereiche gesellschaftlicher Reproduktion durchdringen, von unbezahlter Sorgearbeit über öffentliche Dienstleistungen bis zu regulierten Arbeitsmärkten. Die Ausweitung von Lohnarbeit wirkt verbindend und spaltend: Sie schafft ähnliche Abhängigkeitsverhältnisse, organisiert diese jedoch unter unterschiedlichen Bedingungen. Einheit der arbeitenden Klasse ist kein Zustand, sondern ein politisch umkämpfter Prozess.
Kapitel 5 rückt die weibliche und migrantische arbeitende Klasse in den Mittelpunkt. Die Autorin zeigt, dass geschlechtliche und migrationsbezogene Ungleichheiten strukturell in Klassenverhältnisse eingelagert bleiben. Frauen und migrantische Beschäftigte sind überproportional in prekären, niedrig entlohnten und gering abgesicherten Arbeitsverhältnissen vertreten – als Ergebnis kapitalistischer Produktionsweisen, staatlicher Arbeitsmarktpolitik und historisch gewachsener Arbeitsteilungen. Zugleich widerspricht Mayer-Ahuja dem Bild, Gewerkschaften repräsentierten vor allem männliche Facharbeiter in industriellen Kernbelegschaften. Die Auseinandersetzung mit diesen Gruppen ist kein Zusatz zur Klassenanalyse, sondern ein Prüfstein für deren Aktualität.
In den Kapiteln 6 und 7 wendet sich Mayer-Ahuja betrieblichen und tarifpolitischen Auseinandersetzungen zu. Anhand von Fallbeispielen aus industriellen Großunternehmen und prekären Dienstleistungsbereichen arbeitet sie heraus, wie Konkurrenz und Kooperation ineinandergreifen. Die Unterscheidung zwischen Stamm- und Randbelegschaften, insbesondere bei Leiharbeit, erweist sich als zentrale Spaltungslinie und Ansatzpunkt gewerkschaftlicher Intervention.
Die Tarifierung von Leiharbeit dient als Beispiel für Möglichkeiten und Grenzen gewerkschaftlicher Politik. Tarifverträge begrenzen Prekarität und entschärfen Konkurrenz, stabilisieren zugleich ein Beschäftigungsmodell, das politisch zurückgedrängt werden soll. Ähnlich ambivalent analysiert sie den T-ZUG-Tarifvertrag der IG Metall, der tarifpolitische Instrumente über die Lohnfrage hinaus erweitert und Spielräume kollektiver Regulierung eröffnet, zugleich aber neue Ungleichheiten zwischen Beschäftigtengruppen erzeugt.
Charakteristisch ist die Einbindung von Zitaten aus der betrieblichen Praxis. Stimmen aus Interviews und Fallstudien sind Bestandteil der Analyse. Sie machen sichtbar, wie Beschäftigte tarifpolitische Regelungen, Konkurrenz und Solidarität deuten und wie widersprüchlich gewerkschaftliche Politik im Alltag erfahren wird.
Gerade in diesen Widersprüchen wird deutlich, weshalb Gewerkschaften für Mayer-Ahuja Organisationen der Selbstorganisation und Interessenbündelung der arbeitenden Klasse bleiben. Sie sind keine Garanten automatischer Einheit, sondern Akteure, die unter widersprüchlichen Bedingungen Konkurrenz begrenzen, Solidarität herstellen und Klassenverhältnisse politisch bearbeitbar machen. Hier öffnet sich der Übergang zu Teil III.
Er beginnt mit einer analytischen Klärung. Mayer-Ahuja betont in Kapitel 8, dass Klassenformierung ein offener Prozess bleibt und politische Interventionen an realen Widersprüchen ansetzen müssen. Der Schwerpunkt liegt auf Kapitel 9, in dem konkrete Schritte zu einer besseren Gesellschaft entwickelt werden.
Zunächst richtet sie den Blick auf den Staat. Entgegen der Annahme begrenzter Handlungsfähigkeit argumentiert die Autorin, dass staatliche Politik über Hebel einer verbindenden Politik der Arbeit verfügt. Ausgangspunkt ist die öffentliche Verantwortung für die Daseinsvorsorge – Bildung, Gesundheit, Pflege, Mobilität und Infrastruktur –, verstanden als Sozialeigentum der arbeitenden Klasse. Dieses ist kein residualer Sozialstaat, sondern ein kollektiver Besitzstand, der Klassenverhältnisse prägt. Daran knüpft sie Leitlinien: Umverteilung von Reichtum nach unten, Verbindung öffentlicher Finanzierung mit öffentlicher Einflussnahme sowie ein einheitliches System sozialer Sicherung ohne Sondersysteme. Wenn rund 90 Prozent der Erwerbstätigen zur arbeitenden Klasse gehören, folgt daraus eine solidarische Sozialversicherung. Zugleich hält Mayer-Ahuja fest, dass der Staat Prekarisierung politisch geschaffen hat und sie politisch zurücknehmen kann.
Verbunden ist diese Perspektive mit der Frage der Arbeitszeit. In der Tradition von Ingrid Kurz-Scherf entwickelt Mayer-Ahuja die Idee einer kurzen Vollzeit für alle von 25 bis 30 Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich. Arbeitszeitpolitik erscheint als Feld kollektiver Regulierung. Zeit wird zur Ressource sozialer Gleichheit und demokratischer Teilhabe.
Vor diesem Hintergrund rückt sie Betriebsräte und Gewerkschaften in den Mittelpunkt. Tarifverträge, Mitbestimmung und Arbeitszeitpolitik markieren kollektive Standards für Freiheit. Gewerkschaften bleiben zentrale Akteure wegen der bestehenden Widersprüche.
Der „Kampf um die Köpfe“ ist gewinnbar – und nötig
Den Abschluss bildet das Kapitel zum „Kampf um die Köpfe“. Mayer-Ahuja fragt nicht nach „falschem Bewusstsein“, sondern danach, wie Arbeitserfahrungen politisch gedeutet werden, warum bestimmte Deutungen hegemonial werden und wie alternative Deutungen plausibel werden können. Ausgangspunkt sind Erfahrungen von Lohnabhängigen: unzureichende Entlohnung, geringe Mitsprache, Leistungsverdichtung, Unsicherheit und Verlust von Stolz auf die eigene Arbeit. Diese Erfahrungen sind real; politische Orientierungen entstehen aus ihrer Verarbeitung. Sie sind klassenförmig, werden jedoch nicht automatisch als solche erkannt.
Mayer-Ahuja zeigt, dass rechte und autoritär-populistische Akteure dort erfolgreich sind, wo sie Arbeitserfahrungen scheinbar ernst nehmen, sie aber umdeuten. Anerkennungsmangel, Ohnmacht und Angst werden nicht auf Kapitalverhältnisse, Arbeitsorganisation oder politische Entscheidungen zurückgeführt, sondern auf „Fremde“, „Eliten“ oder abstrakte Bedrohungen.
Diese Deutungen sind attraktiv, weil sie:
- einfache Schuldzuweisungen anbieten,
- das Gefühl von Handlungsmacht simulieren,
- Anerkennung versprechen, ohne reale Machtverhältnisse anzutasten.
Mayer-Ahuja betont erneut: Das Problem liegt nicht primär in autoritären Einstellungen, sondern in der fehlenden kollektiven Bearbeitung von Klassenkonflikten. Wo diese ausbleibt, setzen sich andere Deutungsangebote durch.
Der „Kampf um die Köpfe“ ist deshalb kein kommunikatives oder moralisch-pädagogisches Problem. Er lässt sich nicht durch bessere Narrative, moralische Appelle oder Abgrenzung lösen. Entscheidend ist, ob Arbeitende erfahren, dass ihre Lage veränderbar ist – und zwar durch kollektives Handeln, die Erfahrung praktischer Solidarität.
Klassenbewusstsein entsteht, wo Konflikte um Arbeit sichtbar werden, kollektive Erfolge möglich sind und Alternativen vorstellbar werden. Utopie bezeichnet eine praktische Horizonterweiterung aus Kämpfen. Anerkennung, Mitsprache und Stolz auf die eigene Arbeit müssen politisch hergestellt werden – im Betrieb, in Tarifauseinandersetzungen und in alltäglicher Erfahrung kollektiver Handlungsfähigkeit. Wo diese Erfahrungen fehlen, erscheint Klassenlage als Schicksal und öffnet Raum für autoritäre Deutungen.
Hier führt sie den Begriff der Utopie ein, allerdings nicht als Fernziel oder Ideologie, sondern als praktische Horizonterweiterung. Utopien entstehen aus konkreten Kämpfen um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen und machen erfahrbar, dass gesellschaftliche Verhältnisse gestaltbar sind.
Man kann dies als klare Ansage an die Progressiven lesen. Erst jüngst machten sich in einer Satellitenveranstaltung zum Politischen Symposium 2025 des Progressiven Zentrums Laura Kristin Krause (Bundesfinanzministerium und SPD), Felix Banaszak (Grüne) und ich als Mitglied der Linken, moderiert von der Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach, Gedanken darüber, wie die Progressiven wieder in die Offensive kommen. Mein Beitrag, in dem ich u.a. den vor mehr als 15 Jahren vom IG Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban entwickelten Begriff der „Mosaiklinken“ retrospektiv aufgreife, kann hier auf meinem Blog abgerufen werden.
Mayer-Ahuja macht deutlich, dass Anerkennung, Mitsprache und Stolz auf die eigene Arbeit politisch hergestellt werden müssen. Der „Kampf um die Köpfe“ entscheidet sich nicht in Talkshows oder Wahlkämpfen, sondern:
- im Betrieb,
- in Tarifauseinandersetzungen,
- in der alltäglichen Erfahrung kollektiver Handlungsfähigkeit.
Wo diese Erfahrungen fehlen, bleibt Klassenlage als Schicksal wahrgenommen – und öffnet Raum für autoritäre Deutungen.
Der vorstehend bereits benannte Hans-Jürgen Urban besprach der November-Ausgabe der Zeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik ebenfalls das hier betrachtete Buch von Mayer-Ahuja. Er ist, wie ich, der Auffassung, dass sie „eine wertvolle Intervention in die Debatte um die teils offensichtliche, teils verborgene Klassenrealität in der deutschen Gesellschaft vorgelegt“ hat. Zugleich äußert Urban Kritik: Die Auswirkungen der ökologischen Transformation auf Produktion, Klassenformierung sowie auf Verausgabung und Reproduktion der Arbeitskraft blieben unberücksichtigt; auch die Dekarbonisierung des Kapitalismus als prägende Determinante gegenwärtiger Klassenverhältnisse werde nicht thematisiert. Zudem diskutiere Mayer-Ahuja die Transnationalisierung ökonomischer Strukturen vor allem als Migrationsthema, während transnationale Klassenformierungsprozesse entlang globaler Wertschöpfungsketten unbehandelt blieben.
Diese Kritik mag nur bedingt zu überzeugen. Denn sie zielt m.E. auf ein anderes Arbeitsprogramm und vor allem ein voraussetzungsvolleres Publikum, als es Klassengesellschaft akut verfolgt. Mayer-Ahuja richtet ihren Blick auf betriebliche Realitäten, innenpolitische Handlungsmöglichkeiten von Staat und Gewerkschaften sowie auf explizites und implizites Klassenbewusstsein. Es ist ein Aufklärungsbuch, das ich gelesen habe als Beitrag für politische und gewerkschaftliche Bildungsarbeit. Seine Stärke liegt darin, zu erklären, wie Klassenverhältnisse erfahren, gedeutet und politisch bearbeitet werden. Es schafft Voraussetzungen, um weiterführende Debatten über ökologische und transnationale Klassenpolitik informiert führen zu können. Das ist viel wert, wie Hans-Jürgen Urban ebenfalls bemerkt.
Nicole Mayer-Ahuja, Klassengesellschaft akut. Warum Lohnarbeit spaltet – und wie es anders gehen kann, C.H. Beck, München 2025 (ISBN: 978-3-406-83769-2)