»Max braucht Gesellschaft« - 70 Jahre Kulturpalast Unterwellenborn
- Alle Rechte: Christoph Liepach - https://max-braucht.de
„Man kann durchaus sagen“ – so formulierte Simone Hain anlässlich des 50. Jahrestages des Potsdamer Kulturhauses »Hans Marchwitza« – „die DDR hat sich baukulturell vor allem in ihren mehr als 2.000 großen und kleinen Kulturhäusern verwirklicht. Verglichen mit anderen Bauaufgaben und in Gegenüberstellung zur westdeutschen Nachkriegsarchitektur sind sie wirklich speziell.“ (Hain 2016)
Gleichzeitig greift es zu kurz, die gewerkschaftliche und betriebliche Kulturarbeit als ausschließlich realsozialistisches Spezifikum der DDR zu verstehen. Die Traditionslinien der Volks- und Kulturhäuser sind vielfältig. Die Idee, Gewerkschaften als Kultur- und Bildungsinstanzen zu begreifen, reicht bis in die Arbeiter:innenbewegung des späten 19. Jahrhunderts zurück. Bereits Carl Legien, seit 1890 Vorsitzender der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands und erster Vorsitzender des 1919 gegründeten Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), betonte die erzieherische Wirkung und Aufgabe der Gewerkschaften als „Bildungsstätten des Proletariats“.
Für diese Arbeit brauchte es eine eigene proletarische Öffentlichkeit, die Gaststätten oder andere Einrichtungen des bürgerlichen Freizeitbetriebs nicht bieten konnten. Daraus entwickelte sich in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern der Architekturtyp des »Volkshauses«. Diese Multifunktionsbauten waren zugleich Versammlungsstätten, Organisationszentralen und Orte proletarischer Kultur, Bildung und Geselligkeit. Während in Deutschland einige Neubauten entstanden, wurden viele Volkshäuser aus Bestandsgebäuden entwickelt und entsprechend umgebaut. Unterschiede zeigten sich auch zwischen industriellen Zentren wie in Mitteldeutschland und kleineren Industrieregionen im ländlichen Raum.
Von Volkshäusern zu Kulturpalästen
Eine bis heute unerreichte Überblicksarbeit zu diesem Bautyp legte die Kunsthistorikerin Anke Hoffsten mit ihrer Dissertation „Das Volkshaus der Arbeiterbewegung in Deutschland. Gemeinschaftsbauten zwischen Alltag und Utopie“ vor. In einem über 300 Einträge umfassenden Katalog rekonstruierte sie anhand umfangreicher Quellen den Bestand der zwischen 1890 und 1933 errichteten Volkshäuser.
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die Gewerkschaftshäuser gestürmt, die Idee der Volkshäuser pervertiert. Während die Gewerkschaften verboten wurden, übernahm die Deutsche Arbeitsfront (DAF) die betriebliche Kulturpolitik. Bestehende Werksvereine wurden aufgelöst und durch die DAF ersetzt, um Freizeitgestaltung und betriebliche Bildungsarbeit nach NS-Ideologie auszurichten.
Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg setzte, wie Simone Hain beschreibt, trotz materieller Not und Zerstörung eine Neubelebung der 1933 unterbrochenen Volkshausbewegung ein. Unter dem Leitbild einer „antifaschistisch-demokratischen Ordnung“ sollte ein breites Spektrum kultureller Aktivitäten humanistische Werte, Pazifismus und internationale Verständigung vermitteln. Zugleich standen die Funktionäre der enteigneten Großbetriebe vor der Aufgabe, Alternativen zu den NS-Kulturprogrammen der Deutschen Arbeitsfront zu entwickeln. Die anfängliche Spontaneität antifaschistischer Selbstorganisation wich jedoch bald stärkerer Lenkung von oben.
Die sowjetische Militäradministration in ihrer Besatzungszone und die von der »Gruppe Ulbricht« geführte KPD bemühten sich früh, Betriebsräte dem von der KPD dominierten Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) zu unterstellen. So sollten Mitbestimmungsmöglichkeiten eingeschränkt und spontane Basisinitiativen kontrolliert werden. Der dem FDGB übertragene Erziehungsauftrag knüpfte einerseits an freigewerkschaftliche Traditionen an, andererseits diente er dem Ziel, durch betriebliche Kultur- und Bildungsarbeit das Bewusstsein der Beschäftigten zu beeinflussen.
Deutlich zeigt sich, dass nach 1945 in der SBZ und DDR sowjetische Einflüsse die programmatische Gestaltung der »kulturellen Massenarbeit« prägten und historische Bezüge zur Arbeiter:innenbewegung in den Hintergrund traten. Annette Schuhmann hat dies in ihrer Untersuchung zur gewerkschaftlich organisierten Kulturarbeit in den Industriebetrieben der 1950er Jahre herausgearbeitet (Schuhmann 2005: 274ff.).
Es überrascht daher nicht, dass dem Bau von Kulturhäusern – als „Geschenk des Sozialismus an die werktätigen Menschen“ – in den 1950er Jahren besondere Bedeutung zukam: „Einem mit dem Begriff 'Kulturrevolution' umrissenen ideologischen und kulturellen Umwälzungsprozeß sollte symbolhaft ein adäquater architektonischer Ausdruck verliehen werden. Der Blick auf die Paläste der 1950er Jahre zeigt deutlich: Wie keine andere Gebäudegattung schien das Kulturhaus berufen, die Selbstfeier der neuen Herren mit ideologisch demonstrativer Gebärde zu dekorieren.“ (Drewelow 1993: 21)
Laut Drewelow war die architektonische Ausrichtung der Kulturhäuser bis 1949 noch offen. Hermann Henselmanns Studie zu kulturellen Zentren knüpfte an Pavillons der 1920er Jahre und die klassische Moderne an. Hain zeigt jedoch, dass die sowjetische Militäradministration die deutsche Volkshaustradition transformierte, indem sie sie mit Fürsorge für die Belegschaften verband. Statt gegenkultureller Selbsthilfe trat eine staatlich verordnete Kulturkonzeption, die die Arbeiterklasse als Erbin bürgerlicher Kultur verstand.
Mit der Hinwendung zur sowjetischen Baukunst und der Abgrenzung gegenüber westlichen Strömungen wurde auch die Architekturfrage entschieden: „Die hier eingeleitete offizielle Abwendung von der Moderne vollzog sich im scharfen, ideologisch geprägten Kampf gegen den ‚Formalismus‘ und ‚Kosmopolitismus‘ – für eine Architektur der ‚nationalen Traditionen‘, die dem Inhalte nach demokratisch und in der Perspektive sozialistisch sein sollte. […] Das sowjetische Kulturhaus – nach einer Phase schöpferischen Suchens geeigneter Strukturen in den 1920er Jahren letztlich zum Palast hypertropiert – war Mitte der 1950er Jahre vom kleinsten Kolchosklub bis zum großstädtischen Kulturpalast im ganzen Land als Monument der Kulturrevolution verbreitet. Als solches wurde es zu einem zweiten Bezugsfeld für den Kulturhausbau in der frühen DDR.“ (Drewelow 1993: 23)
Das erste Kulturhaus der DDR, der Kulturpalast der Bergarbeiter in Chemnitz, entstand 1950. Fünf Jahre später folgte das Kulturhaus »Johannes R. Becher« für das Stahlwerk Maxhütte in Unterwellenborn – heute als Kulturpalast Unterwellenborn bekannt. Beide Bauten markierten die Phase der frühen DDR, in der Repräsentation und ideologische Weichenstellungen auf architektonische Form gebracht wurden. „Die baulich überaus prächtigen Kulturpaläste, sei es in Böhlen, Bitterfeld oder Unterwellenborn, die unmittelbar an den Werktoren industrieller Produktionsstätten errichtet wurden, um – so die dahinterstehende Idee – in einem veredelnden Sinne auf die Produktion zurückzuwirken […] stehen als Erinnerungszeichen dieser Periode“, so Hain. Sie verweist darauf, dass diese Paläste „mit ihren klassizierenden Fassaden und den (unbedingt geforderten!) opernfähigen Bühnen architektonisch die Idee der ganzheitlich entfalteten Arbeiterpersönlichkeit“ symbolisierten. Doch schon ab 1956 setzte ein Umdenken ein: Kommunalpolitiker und Vertreter der Blockparteien forderten eine kommunalere Ausrichtung der Bauprogramme.
Nutzungsschwierigkeiten, Eigentümerwechsel und Verfall
„Ende der Siebziger Jahre gab es in der DDR über 1.000 Klubhäuser mit Zirkeln des kulturellen Volksschaffens sowie 800 Klubs der Werktätigen, 4.200 Jugendklubs und 4.500 Dorfklubs. Allein in der gewerkschaftlichen Kulturarbeit waren über 2.000 Künstler vertraglich gebunden.« (Groschopp 1993: 86) Mit dem Ende der DDR verschwanden auch die ökonomischen Grundlagen. Die meisten Einrichtungen wurden geschlossen, einige in neue Trägerschaften überführt oder umgenutzt. Je größer die Häuser, desto schwieriger war es jedoch, eine neue Funktion zu finden.
Von den rund 2.000 Kulturpalästen und -häusern der DDR existiert nach Angaben von Uta Bretschneider, Direktorin des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig, nur noch etwa die Hälfte – viele davon gefährdet. „Alle eint, dass sie mit dem Ende der DDR ihre Funktion zunächst verloren haben und in Größe und Substanz zur Last für Kommunen und Eigentümer wurden, nicht selten auch zu Spekulationsobjekten.“ Es gibt Beispiele gelungener Nachnutzung wie das frühere Kulturhaus »7. Oktober« in Suhl, das heute ein Museumsdepot und Stadtarchiv beherbergt.
Vom Kulturpalast Unterwellenborn lässt sich das nicht sagen. Seine Geschichte steht paradigmatisch für die begrenzten Möglichkeiten von Denkmalbehörden gegenüber privaten Eigentümern, die ihrer Verantwortung nicht nachkommen. Trotz seines kultur- und architekturhistorischen Werts kann das Landratsamt nur eingeschränkt eingreifen, wenn der Eigentümer das Gebäude verfallen lässt. So geht wertvolles Kulturgut verloren – nicht aus mangelnder Schutzwürdigkeit, sondern aus der strukturellen Asymmetrie zwischen öffentlichem Interesse und privatem Eigentum.
Der Palast, seit 1990 leerstehend, wurde 1994 an einen privaten Investor verkauft, der ihn zeitweise als Lager nutzte, dann aber dem Verfall preisgab. Trotz jahrelanger Bemühungen des Vereins »Kulturpalast Unterwellenborn«, des Landratsamts und der Thüringer Staatskanzlei gelang es nicht, den Eigentümer zu einem konstruktiven Umgang mit dem Gebäude zu bewegen. Auflagen der Denkmalbehörde wurden nur unzureichend umgesetzt, finanzielle Anreize blieben wirkungslos. 2019 untersagte der Eigentümer dem Verein sogar den Zutritt, obwohl dieser seit 2013 Veranstaltungen organisiert und Instandsetzungsmaßnahmen durchgeführt hatte.
Da auch die Kommunikation mit den Behörden verweigert wurde, kam es zu einem Gerichtsverfahren zwischen Eigentümer und Landkreis. Ein Vergleich sah Sicherungsmaßnahmen vor, die vom Eigentümer zu leisten waren. Im Sommer 2023 fand immerhin ein Werkstattgespräch zwischen den Beteiligten statt – konkrete Ergebnisse brachte es nicht, doch das Gespräch selbst galt als Fortschritt.
Das Engagement des Vereins und der Region zeigt jedoch, dass es nicht an Initiative fehlt. Im Wintersemester 2020/21 beschäftigten sich Studierende der Bauhaus-Universität Weimar unter Leitung von Dr. Luise Nerlich und Prof. Bernd Rudolf mit Nachnutzungsoptionen. Im Rahmen des Masterprojekts »UNTER.Wellen.Born to?« entwickelten sie Entwürfe für einen Kultur-Campus. Die Ergebnisse sind auf der Plattform „go4spring“ einsehbar und belegen die Bandbreite möglicher Perspektiven.
Doch bleibt die Herausforderung bestehen: Der für einen Großbetrieb ohne urbanes Umfeld errichtete Palast braucht verlässliche Partner und tragfähige Nutzungskonzepte, die derzeit nicht in Sicht sind.
Umso wichtiger ist es, dass Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen – zuletzt die Tagung »Palastkulturen. Geschichte und Gegenwart der DDR-Kulturhäuser« der Bundeszentrale für politische Bildung und des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig in Gera – auf diese Problematik aufmerksam machen.
»Max braucht Gesellschaft«
Dem am 13. Oktober 1955 eröffneten und 1987 unter Denkmalschutz gestellten Kulturpalast Unterwellenborn, der in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag begeht, widmet sich unter dem Titel »Max braucht Gesellschaft« ein umfassender Sammelband. Herausgeber und Initiator des rund 130 Seiten und viele Abbildungen umfassenden Buches ist der Architekturfotograf Christoph Liepach. Der 1990 in Gera geborene und freiberuflich tätige Künstler und Publizist verschiedener Bücher über die Ostmoderne schloss 2024 an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst seine Ausbildung als Meisterschüler bei Dr. Ines Schaber ab. Bereits zwei Jahre zuvor erhielt er den Rössing-Preis für Fotografie.
Bei der Konzeption und Umsetzung des Buches arbeitete Liepach, der für Satz und Gestaltung verantwortlich zeichnete, mit weiteren Mitwirkenden zusammen: mit der Saalfelder Künstlerin Daniela Jahn, mit dem in Unterwellenborn aufgewachsenen Freiberufler Mario Müller, der die Redaktion übernahm, sowie mit Susanne Rham. Die Betriebs- und Kommunikationswissenschaftlerin, wie Müller 1980 geboren und in Pößneck aufgewachsen, lektorierte die Beiträge des Sammelbandes.
Der Titel des Buches »Max braucht Gesellschaft« greift zurück auf die identifikationsstiftende Figur »Max«, die zurückgeht auf König Maximilian II. von Bayern, unter dessen Ägide 1872/73 die ersten Hochöfen in Unterwellenborn als Zweigbetrieb der Maximilianshütte Rosenberg bei Amberg angeblasen wurden. Unter der Losung »Max braucht Wasser« mobilisierte 1948 der SED-Jugendverband Freie Deutsche Jugend (FDJ) zu freiwilligen Arbeitseinsätzen, um eine 5 km lange Wasserleitung von der Saale zum Stahlwerk zu errichten, um am einzigen in der SBZ verbliebenen Roheisen produzierenden Standort einen zusätzlichen vierten Hochofen in Betrieb nehmen zu können. Nach einer Bauzeit von nur 90 Tagen wurde die Leitung im April 1949 in Betrieb genommen. In der DDR-Geschichtsrezeption steht »Max braucht Wasser« deshalb für die Aufbauleistungen der frühen DDR.
Die sieben Beiträge umfassen ein breites inhaltliches Spektrum. Eröffnet wird der Band von persönlichen Erinnerungen an den Kulturpalast und seine Nutzung durch Michael Goschütz. Der in der Maxhütte ausgebildete Betriebsschlosser war ab 1977 Kultur- und Klubhausleiter, bis er 1984 bei der SED in Ungnade fiel, inoffizielles Berufsverbot erhielt und zurück in die Produktion des Walzwerks ging. Er ist Mitgründer des Kulturpalast-Vereins.
Dieser Rückblick korrespondiert mit der Analyse sozial- und alltagsgeschichtlicher Perspektiven auf Arbeit und Leben rund um die Maxhütte (Ulrike Brinkmann) sowie einer kritischen familiengeschichtlichen und gesellschaftlichen Einordnung der DDR-Realität im Beitrag: »Die Hütte. Der Palast. Der Traum vom Sozialismus« von Tina Pruschmann. Die Autorin war im Sommer 2024 eine von drei sächsischen Überlandschreiberinnen im Projekt »Ways across the country: Democracy in transforming landscape« des Instituts für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig. Geschichte wird hier nicht nüchtern, sondern durch subjektive Erinnerung und literarische Verdichtung vermittelt. Brinkmann widmet sich in ihrem Beitrag dem sozialen und alltäglichen Leben rund um die Maxhütte. Sie stellt heraus, wie eng Arbeit, Freizeit und Kultur in der DDR miteinander verflochten waren. Der Betrieb war nicht nur Arbeitsplatz, sondern auch sozialer Kosmos: Brigaden, Betriebssportgemeinschaften, Feiern, Ferienlager und Kulturveranstaltungen prägten den Alltag der Beschäftigten. Der Kulturpalast nahm darin eine zentrale Rolle ein, indem er Räume für Bildung, Unterhaltung und Gemeinschaft bereitstellte. Der Text arbeitet mit Fotos und Zeitzeugenzitaten, die die Atmosphäre von Arbeit und Freizeit illustrieren.
Die theoretische und kulturpolitische Einordnung der DDR-Kulturhäuser und ihres Erbes nimmt Tobias J. Knoblich vor. Der vormalige Erfurter Kulturdezernent und Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft ist seit der Bildung des sogenannten Brombeerbündnisses für das Bündnis Sarah Wagenknecht (BSW) Staatssekretär im Infrastrukturministerium. Knoblich entfaltet eine kulturtheoretische und -politische Einordnung der DDR-Kulturpolitik, insbesondere ihrer Kulturhäuser und Paläste. Er macht die Ambivalenzen sichtbar zwischen Ideologie und realer Aneignung sowie Propaganda und lebendiger Kulturpraxis. Sein Fazit: das bauliche Erbe ist weder Ballast oder Altlast, sondern kulturelle Ressource, die kritisch aufgearbeitet und wiederbelebt werden könne.
Pierre Wilhelm reflektiert in seinem Beitrag »Braucht Max Gesellschaft? Eine Einordnung von Vergangenem, Gegenwart und Zukunft« die Doppelbödigkeit von Max sowohl als Propagandafigur wie auch Projektionsfläche für Gemeinschaft und Kultur. Über die Kulturhäuser und den Kulturpalast Unterwellenborn lässt sich seiner Auffassung nach zeigen, wie Kultur, Bildung, Geselligkeit und Arbeit miteinander verwoben waren. Auf dieser Grundlage schlägt er den Bogen zur Gegenwart: In einer Zeit von Privatisierung, Rückzug ins Private und gesellschaftlicher Fragmentierung werde die Notwendigkeit von Begegnungsorten wieder akut.
Die baubezogene Kunst der DDR war nicht nur Zierrat oder schmückende Kunst am Bau, sondern wurde als Beitrag zur ästhetischen Erziehung und ideologischen Formung verstanden. Entsprechend gefördert wurde sie. Die Westfassade des Kulturpalastes ist Teil dieses baubezogenen Kulturerbes der DDR. In der Fassadengestaltung spiegelt sich der Anspruch wider, Industrie, Kultur und Fortschritt in einer symbolischen Bildsprache zu vereinen. Tobias Kühnel-Koschmieder analysiert die großformatigen Kunstwerke, ihre Bildsprache, ihre Entstehungsgeschichte und ihren kulturpolitischen Kontext.
Thomas Zill widmet sich der Baugeschichte und den Architekten des Kulturpalastes Unterwellenborn. Er stellt die Planungs- und Bauphase in den 1950er-Jahren. Das Bauwerk steht im Kontext des „Nationalen Aufbauprogramms“ der DDR, das an sowjetische Vorbilder (Stalin-Architektur) anschloss, gleichzeitig aber auch lokale Bautraditionen aufgriff. Entsprechend mussten die Architekten zwischen repräsentativem Anspruch (Monumentalität, Säulenfassade, zentrale Halle) und funktionaler Alltagsnutzung (Säle, Klubräume, Gastronomie) vermitteln.
Das Epilog-Kapitel versammelt kurze Stimmen verschiedener Zeitzeug:innen zum Kulturpalast. Es handelt sich um Erinnerungsfragmente, die die Vielfalt der Wahrnehmungen widerspiegeln: vom Ort unvergesslicher Tanzabende über erste kulturelle Begegnungen bis hin zu Erfahrungen als Mitarbeiter:in oder Besucher:in. Die Stimmen sind teils nostalgisch, teils kritisch, aber durchweg von persönlicher Bedeutung geprägt. Deutlich wird eine polyphone Erinnerung an den Kulturpalast. Er ist nicht einheitlich zu deuten, sondern lebt in den individuellen Geschichten fort. Trotz politischer Instrumentalisierung bleibt er für viele ein „Herzensort“ – ein Ort der Jugend, der Begegnung und des Gemeinschaftsgefühls. Diese Stimmen zeigen, dass der Palast nicht nur Architektur oder Kulturpolitik war, sondern ein emotional besetzter Ort im kollektiven Gedächtnis der Region. Daraus speist sich wiederum auch das Bedürfnis, diesen Erinnerungsort mit einer Zukunft zu versehen. Eine selbstbestimmte und souveräne Wiederaneignung eigener Geschichte zu erreichen. Es wäre zu wünschen, dass dieser Sammelband, der in einer ersten Auflage von 2.000 Exemplaren im Leipziger Verlag sphere publishers erschienen ist, zu einem Bewusstseinswandel beim Eigentümer des Kulturpalastes beiträgt und die Tür öffnet für einen Neuanfang dieses Baudenkmals, dessen Bedeutung – wie gezeigt wurde – weit über die Region hinausreicht.
Christoph Liepach (Hrsg.), Max braucht Gesellschaft. Der Kulturpalast des VEB Maxhütte Unterwellenborn, sphere publishers, Leipzig (ISBN: 978-3-910737-01-3)
Weitere und stets aktuelle Informationen zum Kulturpalast Unterwellenborn finden Sie unter: www.max-braucht.de sowie beim Verein Kulturpalast Unterwellenborn: https://www.kulturpalast-unterwellenborn.de