26.03.2026

"Brav gewühlt alter Maulwurf!" - Zum Tod von Alexander Kluge

Alexander Kluge und die 35 mm Filmkamera 120 S von ARRI, mit der die ersten Filme von Werner Herzog, Alexander Kluge und Edgar Reitz gedreht wurden. Foto: Regina Schmeken

Alexander Kluge ist tot. Wie der Suhrkamp-Verlag unter Berufung auf seine Familie mitteilte, starb Kluge am Mittwoch im Alter von 94 Jahren in München. Kluge galt als einer der vielseitigsten Intellektuellen in Deutschland; er war Filmemacher, Fernsehproduzent, Schriftsteller, Drehbuchautor, bildender Künstler, Philosoph und Rechtsanwalt.

Ich traf Alexander Kluge erstmals am 19. September 2020. Seinerzeit erhielt er den Preis „Der Friedenstein“, verliehen in der thüringischen Residenzstadt Gotha. Der Preisverdankt seinen Namen dem während des Dreißigjährigen Krieges erbauten Schloss, der Residenz des Hauses Sachsen-Coburg-Gotha.

In meiner damaligen Funktion als Thüringer Kulturminister wurde mir die Ehre zuteil, den öffentlichen Intellektuellen Alexander Kluge in einer Rede zu würdigen. Man könnte annehmen – und ganz falsch ist das nicht, wie der Preisträger aus vielen Zeremonien weiß, denen er als Geehrter oder als Gast beiwohnte –, dass ein ministeriales Grußwort und die darin enthaltene Ehrung eine gewisse routinierte Professionalität besitzen.

Doch die Vorbereitung dieser Rede bereitete mir erhebliches Kopfzerbrechen. Aus dem so vielseitigen Schaffen Kluges diejenigen Aspekte auszuwählen, die seiner Würdigung gerecht werden, erwies sich als schwierig. Es wurde auch nicht leichter, weil mir bewusst war, dass jede Auswahl unzureichend bleiben würde. Umso schöner war es zu sehen, wie charmant und gerührt Alexander Kluge reagierte. Ebenso inspirierend waren die anschließenden Korrespondenzen.

Alexander Kluge erhielt den Preis für sein Lebenswerk. Gewürdigt wurde er auch als jemand, der in Gotha zeitweilig als ABC-Schütze die Schule besuchte, obwohl sein Werk nur wenige Thüringer Bezüge aufweist. Dennoch ist Schloss Friedenstein mit Kluges Arbeit auf eine nicht sofort erkennbare Weise verbunden. Ähnlich verhält es sich mit weiteren Verbindungen zu Thüringen, die ebenfalls nicht auf den ersten Blick sichtbar sind.

Das weltberühmte Ekhof-Theater im Schloss Friedenstein ist nicht nur eines der ältesten Barocktheater. Seit 1775 spielte es erstmals mit einem festen Ensemble. Damit revolutionierte es den Theaterbetrieb. Zugleich verwies es mit festen Gehältern und sogar einer Pensionskasse auf eine bis heute gültige Einsicht: Künstlerische Freiheit braucht soziale Absicherung. Eine zweite zentrale Neuerung bestand darin, dass Theaterbesuche dem Bürgertum zugänglich gemacht wurden und nicht mehr ausschließlich dem Hof vorbehalten blieben.

Oberhausen und die "Gruppe 47"

Es mag ein kühner Sprung sein, von Gotha im Jahr 1775 ins Jahr 1962 zu wechseln und den Bogen zu den Kurzfilmtagen in Oberhausen sowie zur Tagung der „Gruppe 47“ am Großen Wannsee zu schlagen. Doch dieses Jahr steht sinnbildlich für einen neuen Aufbruch im bundesdeutschen Film- und Literaturbetrieb. Dieser Aufbruch ist wesentlich mit Alexander Kluge verbunden.

Er war sowohl als Autor zur Vorlesung vor der Gruppe 47 eingeladen, nahm aber auch am öffentlichen Austausch der Gruppe 47 mit den Akteuren des Oberhausener Manifests teil, zu dessen Initiatoren er gehörte. Allein an dieser Stelle tritt nicht nur die Vielfalt seines künstlerischen Handelns hervor, sondern zugleich das gesellschaftlich-diskursive und damit auch interventionistische Interesse, das Kluges Arbeit bis heute prägt.

Den Preis der Gruppe 47 erhielt damals der Ost-Berliner Autor Johannes Bobrowski. Es war drei Jahre vor dem sogenannten Kulturplenum der SED im Jahr 1965. In dessen Folge durften zahlreiche zeitgenössische Bücher und Filme nicht mehr erscheinen. Sie hatten einen realistischen Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung der DDR geworfen und eine jüngere Generation repräsentiert, die es staatsoffiziell nicht geben durfte.

Kluges Themen verbanden sich mit der Botschaft der gleichaltrigen westdeutschen Generation des Oberhausener Manifests. Auch sie formulierten sinngemäß: „Papas Kino ist tot.“ Übertragen auf die DDR hätte dies bedeutet: „Papas Sicht auf die Widersprüche und Ambivalenzen der sozialistischen Gesellschaft ist tot.“

Anders als in der Bundesrepublik setzte sich in der DDR die Generation der Väter und Großväter gegen die jüngere Generation durch. Im Politbüro der Staatspartei SED wurde die Liberalisierung zurückgedreht. Und die Niederschlagung des Prager Frühlings erfolgte nur deshalb nicht mit Truppen der Nationalen Volksarmee, weil man zumindest begriff, dass 23 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht erneut deutsche Soldatenstiefel durch Prag und andere Städte marschieren sollten. Setzte im Zuge der anti-autoritären Revolte eine gesellschaftliche Modernisierung im Westen ein, beschrieb Wolfgang Engler dieselbe Zeit in seinem Klassiker „Die Ostdeutschen“ mit dem Kapiteltitel: „Wie die Moderne zu den Ostdeutschen kam, kleinlaut wurde und wieder ging“.

Erst nach der Friedlichen Revolution 1989 konnten die 1965 verbotenen Bücher und Filme in der DDR wieder erscheinen. Doch sie waren ihrer emanzipatorischen zeitgenössischen Wirkung beraubt, das vergangene Echo aus einem untergegangenen Land.

Kluge, Baselitz und Richter 

Über das künstlerische Erbe dieses untergegangenen Landes wurde in den vergangenen 30 Jahren viel und oft kontrovers diskutiert, teilweise auch polemisch. Alexander Kluge veröffentlichte gemeinsam mit zwei Protagonisten des sogenannten ostdeutschen Bilderstreits, Georg Baselitz und Gerhard Richter, Texte, deren Positionen zu Recht kritisiert wurden.

So reizvoll es ist, sich gerade in Thüringen über ostdeutsche Kunst auszutauschen – etwa über Werner Tübke, der in Bad Frankenhausen das Panorama-Museum gestaltete und die Leipziger Schule repräsentierte –, und darzulegen, warum die These, in einer Diktatur könne keine Kunst entstehen, empirisch nicht haltbar ist, bot eine Preisverleihung dafür keinen Raum. Sie ist eine Ehrung und kein Kolloquium. Gleichwohl bleibt dieser Diskurs auch 30 Jahre nach der deutschen Einheit notwendig. Eine Generation nach 1989 lässt er sich möglicherweise weniger in den Mustern von Vorwurf und Verteidigung führen.

Der öffentliche Intellektuelle in der Tradition der Kritischen Theorie

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezeichnete Alexander Kluge als frei von Dünkel. Dem ist zuzustimmen, wenn man darunter ein undogmatisches Erkenntnisinteresse versteht. Auffällig bleibt die Vielfalt seines Schaffens: Er war Autor literarischer wie politisch-philosophischer Texte, Filmemacher und Produzent, Vertreter des Autorenkinos, Gründer von dctp – einer prägenden Produktionsfirma des privaten Fernsehens –, gefragter Gesprächspartner für Künstlerinnen und Künstler sowie in den vergangenen Jahren auch im internationalen Museumsbetrieb aktiv.

Seine anhaltende Produktivität zeigt, dass auch komplexe Arbeitsweisen bewältigt werden können. Dennoch bleibt es wohl sein Geheimnis, wie er seinen Tag scheinbar über 24 Stunden hinaus verlängerte.

Wenn von der Vielfalt seiner Arbeit die Rede ist, dann nicht nur aus Wertschätzung. Diese Vielfalt erklärt sich aus dem gesellschaftlich-diskursiven Interesse, das seiner Arbeit zugrunde liegt. Es bildet das verbindende Element und verdichtet die unterschiedlichen Tätigkeiten zu einem Gesamtwerk. Gerade darin liegt der Unterschied zu bloßem Eklektizismus.

Kluge promovierte als Jurist und arbeitete am Institut für Sozialforschung in Frankfurt. Die faktische Gründungsversammlung dieser Institution fand 1923 nur wenige Kilometer von Gotha entfernt in Geraberg statt. Zu den Gründern um den Mäzen Felix Weil gehörte auch Karl Korsch, Jurist und Wissenschaftler der Universität Jena. Korsch war zudem Mitglied der Thüringer Linksregierung aus SPD und KPD, die 1923 nach nur zwei Wochen im Zuge der Reichsexekution aufgelöst wurde.

Das Institut ist der institutionelle Ursprung der Kritischen Theorie und untrennbar mit Namen wie Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Erich Fromm, Herbert Marcuse und Franz L. Neumann verbunden. Unter Horkheimers Leitung ab 1930 veränderte sich das Forschungsprogramm grundlegend. Nicht mehr allein ökonomische Prozesse standen im Zentrum, sondern die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Philosophie und Einzelwissenschaften wurden enger miteinander verknüpft, um die Wechselwirkungen von Wirtschaft, Technik, Psyche, Recht, Kultur und Wissenschaft zu analysieren.

Dieses Programm spiegelt sich auch im Werk von Alexander Kluge wider. Besonders deutlich wird dies in den gemeinsam mit Oskar Negt verfassten Schriften, die von vielen Generationen Studierender und in der politischen Bildungsarbeit rezipiert wurden.

Im Jahr 2019 stellte Kluge für die Oskar-Schlemmer-Ausstellung, die in Gotha im Rahmen des Bauhaus-Jubiläums gezeigt wurde, eine Filminstallation zum Bauhaus zur Verfügung. Das Bauhaus repräsentiert in seiner Geschichte die Brüche der Moderne. Ob die Corona-Pandemie eine neue Bruchlinie skizziert oder nur Tendenzen verstärkt, die sich seit dem Ende des kurzen 20. Jahrhunderts herausbildeten, ist noch nicht ausgemacht. Kluge legte seine Überlegungen zur Pandemie und deren Folgen in einem lesenswerten Dialog mit Ferdinand von Schirach dar. Es lohnt sich, diese Überlegungen mit denen von Ivan Kastev vergleichend zu lesen.

Pilotfisch und Maulwurf 

In einem Interview mit der FAZ bezeichnete Alexander Kluge Künstlerinnen und Künstler als Pilotfischchen. Auf die Frage nach dem Warum antwortete er: „Haie haben um sich herum ganz winzige Fische, die die Navigation erleichtern. Das sind geborene Navigatoren. Die Haifische brauchen die.“

Das Gespräch ging so weiter:
FAZ: „Wenn die Künstler Pilotfischchen sind, besteht die Gefahr, dass sie absterben?“

Kluge: „Das glaube ich nicht, solange die Haifische Navigation brauchen. Die Haifische sind naiv, zu instinktgeladen und zu schnell. Die Pilotfischchen sind die kleinen Ratgeber. Ich will die Kunst aber nicht nur mit Pilotfischchen vergleichen. Was sonst noch fehlt, kann ich nicht auswendig sagen. Navigation ist nur eine Aufgabe der Kunst. Man muss auch Hebammenkunst und Zirkuskunst einbeziehen.“

In der Würdigung des vielschichtigen Werkes von Alexander Kluge soll statt des Pilotfischs der Maulwurf als Bild dienen. Von Immanuel Kant verspottet, wurde er bei Hegel rehabilitiert. In seinen Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte schrieb er: „Bisweilen erscheint der Geist nicht offenbar (…) Hamlet sagt vom Geist: ‚Du bist ein wackerer Maulwurf‘, denn der Geist gräbt unter der Erde fort und vollendet sein Werk.“

Auch Karl Marx griff dieses Bild im 18. Brumaire des Louis Bonaparte auf. In dessen Eingang schreibt Marx die unsterblich gewordene Passage, das Hegel an einer Stelle formuliert habe, dass die Geschichte sich wiederhole aber vergessen hinzuzufügen. „Einmal als Tragödie und einmal als Farce“. Und prognostiziert, dass Europa nach der Revolution rufen werde: „Brav gewühlt, alter Maulwurf!“

Diese Prognose ging zwar nicht in Erfüllung aber Alexander Kluge ist mit der gleichen Begeisterung für seine bisherigen intellektuellen und künstlerischen Grabungsarbeiten zu danken. Er wird fehlen.